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Beschleunigung und neue Kommunikationstechnologien sind für Glotz ohne Alternative
Peter Glotz sieht die aus seiner Sicht unvermeidlichen Beschleunigungstendenzen in den westlichen Industriegesellschaften überwiegend positiv. In seiner Studie Die beschleunigte Gesellschaft" untersucht er die tiefgehende Veränderung der Kommunikationsverhältnisse und deren Auswirkungen auf Wirtschaft, Politik, Unterhaltung sowie Schule und Hochschule. Glotz zu Folge machen Elektronisierung, Digitalisierung und Vernetzung die Menschen, welche die Techniken intelligent nutzen, orts- und zeitunabhängiger, beweglicher und schneller. Die neuen Kommunikationstechnologien werden, so der Autor, die Wirklichkeit der Menschen grundlegend verändern, sie werden insbesondere die Individualisierung fördern, da die Menschen zunehmend stärker auf sich allein gestellt sein werden.
Wiederholt beklagt Glotz die große Kluft, die im Bereich der digitalen Technologien zwischen den USA und Europa zu beobachten sei. Europa werde in Zukunft nur noch eine Nebenrolle spielen, wenn die neuen Technologien nicht verstärkt in die Schulen und insbesondere in die Universitäten einführt werden. Ansonsten drohe ein Exodus von
deutschen Studenten in die USA. Der Kommunikationswissenschaftler sieht aber nicht nur ein eklatantes Ungleichgewicht im Bereich der neuen Technologien auf internationaler Ebene, sondern er konstatiert auch in der deutschen Zweidrittelgesellschaft eine grundlegende Spaltung: Das Menschenbild des Zweidrittelblocks läuft (derzeit) auf den Homo oeconomicus hinaus, das des dritten Drittels auf den Todtnauberg-Menschen (In Todtnauberg stand die Hütte Martin Heideggers.), der ständig in sich herumschlürft und weder sinnlich, noch spielerisch, noch abenteuerlustig, dafür aber Tag und Nacht ,nachdenklich` ist. Eine traurige Alternative." (S. 139)
Das Leitbild des Homo oeconomicus, welches das unverzichtbare Wirtschaftswachstum garantiere, ist für Glotz ohne Alternative. Wer den Übergang zur Informations- und Wissensgesellschaft mit ihrer Geschwindigkeitssteigerung bewusst verzögere, müsse schmerzhafte Wohlstandsverluste in Kauf nehmen. Kritiker der Beschleunigungsgesellschaft, deren Schlüsselworte nach Glotz Nachdenklichkeit", Sinn", Ökologie" und Entschleunigung" heißen, ordnet er der neuen Unterklasse zu. Der Kommunikationswissenschaftler wirft dieser Gruppe, offenbar weniger um Differenzierung als um Verurteilung aller Gegner der Beschleunigungstendenzen bemüht, eine antirationalistische Kulturkritik vor.
Die hier kurz skizzierten Überlegungen des Autors zeigen, dass Glotz die durch den digitalen Kapitalismus bedingte Beschleunigung als unabwendbar ansieht. Daher plädiert er vehement u.a. an die politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsträger, dass sie alle Anstrengungen unternehmen, die Kluft zwischen den USA und Europa sowie zwischen dem Zweidrittelblock und dem unteren Drittel nicht noch größer werden zu lassen. Nur so könnten die im Untertitel als düstere Prognose angesprochenen Kulturkämpfe im digitalen Kapitalismus" zwischen den Fortschrittsgewinnern und -verlierern vermieden werden.
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"The End of History", worüber Francis Fukuyama in den neunziger Jahren schrieb, hat paradoxweise einen ungewöhnlichen Anfang gefunden. Ein Bruch wurde jedoch nicht nur politisch, sondern vor allem mental vollzogen. Der Bruch ist in der Gesellschaften aufgebrochen, so dass nach Fukuyama ein großer Aufbruch (the great disruption) stattfand. Merkwürdigerweise trägt der Bruch zu einer Kluft zwischen den Kontinenten bei, was immer weniger Autoren laut aussprechen wollen. Die Industriegesellschaft ist eine Informationsgesellschaft geworden, was nicht zu leugnen ist. Tatsache ist, dass dieser (Fort)Schritt nur im Westen Europas, in den USA, Kanada und Japan gemacht wurde. Die Stichworte: Dematerialisierung, Beschleunigung, Dezentralisierung, Globalisierung sind eine Denkart für Politiker sowie Unternehmer in den oben genannten Länder geworden. Aber die beschleunigte Gesellschaft ist im Zug des Kampfs auf der Strecke geblieben.
Der Autor Peter Glotz, langjähriger Medienexperte und medienpolitischer Sprecher der SPD, und von Hause aus ein Kommunikationswissenschaftler zeigt in seinem Buch, das sich wie ein guter Krimi lesen lässt, die heute durch Digitalisierung verursachten wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Prozesse, die nicht ohne Bedeutung für unsere Gesellschaft und weitergehende Denk - und Lebensweise nicht bleiben. Die Globalisierung ist sicherlich für manchen einen Synonym der Amerikanisierung geworden, aber sie ist auch eine tatsächliche Herausforderung. Deshalb ist eine Umwandlung in Politik, Economy und Lernen in Alteuropa nach ihm nicht nur angebracht, sondern lebensnotwendig. Vor allem dort, wo es sich um die Köpfe der Zukunft handelt: "Ich bin in den letzten Jahren zu zwei Überzeugungen gekommen, die beide von den Experten der Computerkultur und vielen meiner Kolleginnen und Kollegen nicht geteilt werden. Die eine lautet: In der Gesellschaft, auf die wir uns zugbewegen -und die manche als "Wissensgesellschaft" bezeichnen wollen- wird Lernen die wichtigste menschliche Aktivität sein". Die Welt geht voran und wir müssen es (ob leider?) verstehen lernen und danach handeln!
Umfassende Darstellung künftiger Umwälzungen
Das Buch hebt wohltuend sich von den vielen oberflächlichen und die technologische Entwicklung als Lösung aller Probleme verherrlichenden Publikationen und Thesen ab. Obwohl mir persönlich die Prognosen von Glotz zu pessimistisch erscheinen, so werden doch die gesellschaftlichen Entwicklungen und Probleme, die durch den "digitalen Kapitalismus" entstehen umfassend dargestellt. Dass man sich durch solche Prognosen und weitreichende Vorschläge, wie darauf zu reagieren ist, nicht nur Freunde schafft, ist wohl unvermeidlich.
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