Customer Review:
Eine unterhaltsame, informative, wenngleich ein wenig veraltete Landeskunde
Klaus Harpprecht beschreibt in dem vorliegenden Buch immer wieder so sehnsüchtig die Schönheiten Virginias oder die soziale Disziplin der Angelsachsen, dass sich der Leser fragt, warum er überhaupt seinen Alterssitz in Frankreich aufgeschlagen hat. Das ist eine schwierige Frage, weswegen ja auch der Untertitel des Buches "Eine schwierige Liebe" heißt, wenn gleich unklar bleibt, ob die Liebe zu Frankreich für den Autor, für die Deutschen oder für alle schwierig ist. In Bezug auf die Deutschen als Nation ist Frankreich eine schwierige Liebe, weil beide Nationen ihr Gegenüber zur Komplettierung ihrer europäischen Identität benötigen. Was aber sind die Kernbestandteile der französischen Identität? Was Harpprecht dazu in insgesamt 18 kurzen Kapiteln zu berichten weiß, liest sich wie eine kleine Landeskunde, die alle wesentlichen Aspekte des französischen Lebens zu umreißen beansprucht. Absolut lesenswert ist zum Beispiel das Kapitel über die noch immer stalinistisch-kommunistische Linke, ihre komplette Blindheit gegen den linken Totalitarismus und ihre komplette Realitätsverweigerung, die auch weite Teile der demokratischen Linken infiziert hat Noch immer west nach Harpprecht der Mythos der Resistance im völkisch-kleinbürgerlichen Untergrund, ein Umstand, der nur aus Frankreichs durchaus peinlicher Kollaborationsgeschichte im 2. Weltkrieg zu erklären ist. Wie Harpprecht diesen Komplex anhand eines kurzen Portraits von Mitterand, "dem kleinen Schuft"( De Gaulle), umreißt, verrät den Kenner und Stilisten zugleich. In vielem sind die Franzosen den Deutschen ähnlicher als es den Anschein hat, in vielem aber auch ganz anders - etwa in der befremdlichen Jagdleidenschaft ( die ihre Antipodie in der Leidenschaft für Hunde findet), in ihrem ausgeprägten Sozialneid, (den man sehr schön an den Linksfahrern auf den französischen Autobahnen studieren kann), der trotzdem mit der Existenz von Eliteschulen harmoniert. In vielen sind sie den Deutschen sogar im Negativen voraus, etwa in der kompletten Reformunfähigkeit der französischen Gesellschaft, dem immensen Staatsanteil, der immer noch ausgeweitet wird, wenngleich die Deutschen hier nachziehen, so gut sie können. Harpprecht thematisiert darüber hinaus den Antiamerikanismus, als die Problem "sich die Wirklichkeit zu erkennen, wie sie ist", die Politik der staatlichen Dezentralisierung, dargestellt an dem Korsika Problem mit all seinen mafiösen Unterströmungen. Die Rolle der Protestanten innerhalb der französischen Geschichte wie auch innerhalb der Geschichte des Widerstandes gegen die Deutschen wird ebenso angesprochen wie die anhaltende Großmachtillusion der Grande Nation und das Phänomen des Ordens von Taize}. Das alles ist blitzgescheit komponiert, interessant geschrieben, und doch bleibt am Ende der Lektüre ein Unbehagen, weil Harpprecht in seinen Darstellungen viel zu sehr in der Vergangenheit stecken bleibt. Was die Zukunft betrifft, so hat man fast das Gefühl, als sei der Autor mit einer partiellen Blindheit geschlagen. Wer Frankreich nur aus Harpprechts Buch kennen würde, hätte keine Ahnung davon, dass große Teile des französischen Südens einer demographischen Maghrebisierung unterliegen, dass die französische Integrationspolitik in den Banlieurs auf das Schlimmste versagt hat und dass ein manifester arabischer Antisemitismus in Frankreich immer stärker um sich greift. Kein Wort darüber, dass eine hemmungslose Egalisierung im Bildungssektor zu 70% Abiturquoten pro Jahrgang und damit zum Bankrot des Sekundärschulwesens geführt hat. Kein Wort zur Zukunft der Religion, außer dem Statement, dass sie einfach am Verschwinden sei! Stattdessen verblüfft der Autor mit einer geradezu hymnischen Huldigung an das europäische Projekt und riskiert die These, dass trotz aller deutsch-französischen Freundschaftsbeteuerung kein Bundeskanzler jemals die enge Bindung zu den USA gefährden wird ( Schröder in Goslar lässt grüßen ). So ist dieses verdienstvolle und noch immer lesenswerte Buch inzwischen selbst teilweise ein Zeitdokument geworden, allerdings auch ein Dokument einer Betulichkeit, mit der es nach dem 11.9.2001 zu Ende ist.
Frankreich für Fortgeschrittene
Zum Einen muss ich den vorherigen Rezensenten recht geben: Das Buch ist sicherlich keine Sammlung netter Anekdoten, es fängt auch keine „Farben oder „Stimmungen“ ein. Für eine rein sinnliche Einstimmung auf Frankreich und dessen Flair ist es somit weniger geeignet.
Zum Anderen ist dieses Buch aber eine Fundgrube für historisch und politisch interessierte Freunde unseres Nachbarn, der so lange unser Erbfeind gewesen war: Profundes Detailwissen im historischen und literarischen Bereich kombiniert Harpprecht mit Einsichten aus dem politischen Nähkästchen zu einem langen, teils philosophischen Essay über Wesenszüge und Merkwürdigkeiten unserer Nachbarn und setzt diese in Bezug zum Verhältnis mit dem „Rheinischen Nachbarn“ über die letzten 2 Jahrtausende. Besonders herausgearbeitet wird dabei der schwierige Prozess der Annäherung nach dem 2. Weltkrieg – eine Idee, die damals für die meisten noch unvorstellbar erschienen war, und die doch das heutige Europa mit bestimmt. Eine besondere Stärke des Autors liegt sicherlich in seiner engen Liaison mit den politischen Führern dieser Zeit: Auf viele Prozesse und Ereignisse der Siebziger bis Neunziger kann er ein neues Licht werfen.
Zusammenhangslos kann man die Reflexionen über Mentalität und Kultur in keinem Fall nennen: Als Beispiel mag die Wechselbeziehung der Suche nach Leitkultur (in Frankreich noch immer über die gemeinsame Sprache definiert) mit der Geschichte der Kolonien und der problematischen Integration von Immigranten aus diesen départements dienen. Auch die Hassliebe zwischen den Pariser „Enarchen“ und den einfacheren Leuten aus dem Süden sowie die Zwickmühle, die sich daraus für den Nachwuchs ergibt, sind unterhaltsam und anschaulich dargestellt.
Insgesamt hat dieses Buch sicherlich eher einen akademisch-intellektuellen Touch und ist keine leichte Kost. Der erfahrene Frankreich-Liebhaber wird sich aber einerseits über die Bestätigung der selbst gemachten Beobachtungen amüsieren und andererseits neues Wissen aus den hier angestellten Untersuchungen gewinnen können.
Frankreich ist doch so schön...
...aber anhand dieses Buches leider nicht zu erkennen. Langatmig und überkompliziert werden zusammenhanglose Themen scheinbar sinnlos aneinandergereiht. Der Deutsche, der aufgrund seiner neusten Liebschaft aus Frankreich etwas über Land und Leute kennen lernen möchte ist hier gänzlich falsch. Dieses Buch ist eher für detailverliebte, geschichtsinteressierte Leser geschrieben worden, die sich im Dschungel all der frankophilen Literaten auskennen. Leider nichts für mich!
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