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Wichtige Rückbesinnung auf einen fast verdrängten Politiker
Anläßlich des hundertsten Geburtstags von Gustav Walter Heinemann, des ersten Innenministers und dritten Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland ist ein Buch aufgelegt worden, in dem wesentliche Texte aus seiner Schaffenszeit zusammengestellt worden sind. Verbunden damit ist ein doppelter Anspruch: Zum einen soll Heinemann, der 1976 verstorben ist, einem breiteren Publikum wieder ins Gedächtnis gerufen werden, zum anderen ist die Bedeutung seiner Überzeugungen und seiner Taten für die heutige Zeit zu prüfen. Dazu sind auf rund zweihundert Seiten Auszüge von Artikeln, Reden und Tagebuchnotizen zu verschiedenen Themengebieten zusammengestellt worden, die Heinemanns wesentliche Interessenschwerpunkte schlaglichtartig erhellen. In sieben Kapiteln finden sich so Kommentare zu Demokratie, Glaube und Politik, Geschichte und Gegenwart, Frieden und Wiedervereinigung Deutschlands, Recht und Gerechtigkeit, freie und soziale Wirtschaft sowie autobiographische Notizen. Auf diese Weise entsteht nicht nur ein Bild dieses Politikers, das seine Ecken und Kanten widerspiegelt, sondern daß zugleich zeigt, was ihn bewegt hat. Sein Handeln, das sehr stark von seinen religiösen Werten geprägt war, wird so nachvollziehbar und erlebbar. Zugleich wird der Leser mitgenommen auf eine Reise durch die bundesdeutsche Geschichte, gesehen aus der Perspektive eines unbequemen Zeitgenossen. Viele der Themen sind inzwischen vorrangig von zeitgeschichtlichem Interesse, andere wiederum sind nach wie vor von hoher Aktualität, wie z. B. die Rolle des mündigen Bürgers in Staat und Gesellschaft oder die Stellung von Armee und Polizei in einem demokratischen Rechtsstaat. Manche Passagen lesen sich gar wie tagesaktuelle Beiträge zur Diskussion um Standortqualität, Globalisierung und Europäische Union. In seinem Nachwort stellt der Herausgeber die Frage, was Gustav Heinemann uns heute bedeutet und was von ihm geblieben ist. Sein Fazit lautet: "Heinemanns Anregungen und Folgerungen wurden von vielen Deutschen nicht aufgenommen. Minderheiten sahen und sehen sich ihnen verpflichtet, suchten sie in die Tat umzusetzen und versuchen es noch immer. Eine große sichtbare Nachwirkung in die Breite blieb Heinemann jedoch versagt." (S. 228) Die derzeitige Diskussion über Fremdenfeindlichkeit und doppelte Staatsangehörigkeit in Deutschland macht es jedoch notwendig, seine Warnung vor nationalistischer Überhebung ins Gedächtnis zurückzurufen: "Ein guter Deutscher kann kein Nationalist sein. Ein nationalbewußter Deutscher kann heute nur Europäer sein." (S. 98)
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