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Ehrenpflicht und unerreichbare Täter
Politische Attentate eignen sich hervorragend als Einstieg, um ermittlungs- und kriminaltechnische Details auszubreiten, aber gerade in diesem Fall auch, um historische Ereignisse und Prozesse ins Gedächtnis zu rufen. Der Journalist Henning Sietz nutzt einen Zufallsfund in einer Hamburger Bibliothek, um nach ausführlicher Quellen- und Literaturrecherche ein Stück Polizeigeschichte und außenpolitische Gehversuche der jungen BRD mit der Ent- und Verwicklung verschiedener Organisationen und der Geschichte Israels zu verbinden sowie private Verwerfungen und Konjunkturen in Folge des Krieges zu zeigen.
Einige Beamte, auch die, die diesen Fall zuerst bearbeiteten, gehörten früher zur SS - normal in der Nachkriegszeit, aber besonders paradox in diesem Fall. Mit Hilfe von Henning Seitz durchläuft der Leser einen Kurzlehrgang der polizeilicher Dienstwege und Dienststellen. Die Polizeistrukturen waren noch im Aufbau und so kurz nach dem Krieg war Amtshilfe von allen Seiten möglich, außer von Frankreich. Auch die ersten diplomatischen Tuchfühlungserfolge von Wilhelm Hausenstein in Paris, konnten die französische Polizei nicht erweichen. Es gelangten immer wieder Hinweise von anonymen "ausländischen Quellen" zu den verschiedenen ermittelnden Beamten, und die Ermittlungen setzten ein und wieder aus. Informanten melden sich und werden zu Verdächtigen, Schieber und Emporkömmlinge geraten in Tatverdacht, oder zumindest ins Ermittlungsfeld. Ein gestrandeter Journalist aus Chernowitz erläutert den Beamten in einer Vernehmung historische Hintergründe der ostjüdischen Diaspora, und ein ehemals Beteiligter promovierte zu seiner Vergangenheit, was jetzt zur Klärung beitrug.
Konrad Adenauer empfand es gegenüber Israel "Ehrenpflicht", ihm wirtschaftlich auf die Beine zu helfen und so zumindest materiell zur Entschuldung beizutragen. mit dieser spontanen und nicht abgesprochenen Zusage brachte er den Verhandlungszeitrahmen mit den Alliierten durcheinander und den Finanzminister gegen sich auf. Seine Absicht stieß auch bei radikalen Organisationen und Teilen der Bevölkerung Israels auf Abwehr. Blutgeld wollten sie von Deutschland nicht annehmen. Menachim Begin, der spätere Premierminister, hielt eine zündende Rede und es kam zu Tumulten vor der Knesset. Er war der letzte Kommandeur der extrem nationalen Untergrundorganisation Igrun Zwei Leumi, IZL (Nationale Militär-Organisation). IZL ist auch als "Etzel" bekannt, und wurde von Israels damaligem Premierminister David Ben Gurion 1948 aufgelöst. Ihre Akteure stammten vom revisionistischen Flügel der zionistischen Bewegung, die gegen die britische Mandatsmacht Anschläge verübten, mit dem Ziel, soviel Juden wie möglich nach Israel zu schleusen und für sie soviel Land wie möglich zu besetzten. Aus den Resten des europäischen Netzes dieser Organisation sollen die Attentäter kommen.
Wollten ehemalige Etzel-Aktivisten die Wiedergutmachungsverhandlungen stören, oder kalkulierten vielleicht östliche Geheimdienste, mit diesem Attentat die Westbindung zu verhindern, und die Spur auf jene lenken? Dietz schildert die Vorgänge spannend, und die technischen Details des Sprengsatzes oder die Geheimdienstaufzeichnungen über Aufenthalte der Verdächtigten präzise mit einem Hang zur Vollständigkeit. Ausführliche Anmerkungs-, Literatur- und Namensregister werden durch ein Glossar, ein Abkürzungsverzeichnis und eine Sammlung Kurzbiografien ergänzt. Manche - notwendige, interessante und lehrreiche - Exkurse geraten ihm so ausführlich, so dass trotz der vorbildlichen Anlagen der rote Faden zuweilen ausfranst. Oft schließt er Kapitel oder Absätze mit der Ankündigung, dass "darüber noch reden sein wird", oder verwendet Zwangskopplungen wie "knappe Not", "Leben und Treiben", "Fug und Recht" usw. Das mindert das Lesevergnügen kaum, könnte aber auf hohes Schreibtempo zurückzuführen sein, wie auch die fehlende Konsistenz in manchen Kapiteln.
Am Ende hat man wie er auf die Frage "Who did it?" auch nur Anhaltspunkte, aber die Gewissheit, dass andere es wissen müssten. Wer Anfragen auch jetzt nicht beantwortet, wie der französische Geheimdienst, kriegt den Schwarzen Peter, weil ein Mord nicht verjährt, und nicht nur Fragen nach dem Ablauf sondern auch nach den Tätern und Organisatoren beantwortet sein wollen. Aber auch Adenauer wird nur formelles Interesse attestiert, die Täter zu finden. Man ist aber um Leseanregungen und eine grobe Übersicht reicher, über das Gespinst von diplomatischen Kalkulationen und menschlichen Absichten, historischen Zusammenhängen und verzweigten Lebensläufen.
Viele Themen verwoben
Henning Sietz schafft es, auf 300 Seiten nicht nur über das Attentat an sich zu berichten - "ganz nebenbei" erhält der Leser fundierte Informationen über die politische und diplomatische Situation der Adenauer-Ära und die Nazi-Vergangenheit mancher Ermittler. Insgesamt liest sich das Buch wie ein Spionage-Krimi -aber immer sehr sachlich und objektiv. Zwar präsentiert der Autor keine Lösung am Ende - er erklärt aber auch die Hintergründe. Insgesamt ist der Titel vielleicht etwas irreführend - das eigentliche Attentat nimmt in diesem Buch einen relativ geringen Raum ein. Trotzdem ist es bemerkenswert, was Sietz mit den wenigen Quellen geleistet hat.
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