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Von naiven Linken zu cleveren Vermittlern
Wer das Buch von Hillary Clinton gelesen hat, sollte sich unbedingt auch Kleins brillante Analyse der Clinton-Ära gönnen. Und für Polit-Strategen gehört die Lektüre ohnehin zum Muss. Joe Klein wurde durch seinen "anonym" veröffentlichten Roman "Primary Colours" über den Aufstieg der Clintons über Nacht international bekannt, nachdem er sich als Redaktor im "The New Yorker" schon in den USA einen Namen geschaffen hatte. Sein Renommee beruht nicht auf der Produktion skandalträchtiger Homestories und süffiger Eintagesgeschichten, sondern auf seinen scharfsinnigen Kommentaren, die jedoch nie respektlos sind und nie unter die Gürtellinie zielen. Diese rare Eigenschaft kommt in diesem Buch besonders zum Tragen.
Joe Klein betrachtet die achtjährige Clinton-Ära aus verschiedenen Perspektiven. Am meisten faszinierte mich die Sicht des Umgangs mit der Macht. Denn Joe Klein zeigt auf, wie die amerikanische Linke Schritt für Schritt und sehr schmerzvoll lernen musste, dass politische und gesellschaftliche Systeme sich ideologischen Patentrezepten gnadenlos widersetzen. Das Chaos der ersten Präsidentschaftsjahre Clintons ist das Chaos individueller Verblendungen, Eitelkeiten, unausgesprochener Machtgelüste, falscher Freunde und unschicklicher Freuden. Ohne psychoanalytische Fernprognosen, aber mit einer seltenen Beobachtungsgabe liefert Joe Kleine seiner Leserschaft ein Bild von Bill Clinton, das Bewunderung und Erstaunen auslöst. Bewunderung für die Mission, die Clinton im Herzen trug und teilweise umsetzen konnte, Erstaunen ob all der menschlichen Schwächen und anfänglichen politischen Naivität.
Joe Klein ist kein Klatschkolumnist, sondern ein nüchternen Beobachter des bunten Treibens im Machtzentrum der heutigen Welt. Und da Bill Clinton der bekannteste und einflussreichste Exponent der Baby-Boomer-Generation war, ist Joe Kleins Analyse auch ein faszinierendes Sittengemälde einer ganzen Generation. Unter diesem Aspekt gelesen, wird dieses Buch auch nicht so schnell veralten. Es hartnäckigen Ideologen zu schenken, ist keine schlechte Idee, falls sie es denn auch tatsächlich lesen und die Ratschläge zwischen den Zeilen beherzigen.
Kurz und gut.
Meine anfänglichen Vorbehalte, nun ausgerechnet von Primary Colours Autor Klein ein Sachbuch zu lesen, konnte dieser rasch vergessen machen. Tasächlich ist Klein ein sehr guter Kenner und Analyst sowohl der persönlichen als auch der politischen Entwicklungen in den acht Jahren der Clinton/Gore Administration. Das Buch gibt einen hervorragenden und knappen Überblick über diese Zeit, spart nicht an offenen Worten über die handelnden Personen und überrascht den Leser häufig mit einer eigenständigen aber nachvollziehbaren Perspektive. Eine hervorragende und trotz der Kürze tief gehende Analyse, die man vor oder nach den Memoiren von Hillary Clinton unbedingt lesen sollte.
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