Umweltgerechtigkeit. Die soziale Verteilung von Umweltbelastungen

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Umweltgerechtigkeit. Die soziale Verteilung von Umweltbelastungen


Authors: Gabriele Bolte, Andreas Mielck
Catalog: Book
Media: Broschiert
Release Date: September 2004
Publisher: Juventa
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Sozialmedizin und Umweltgerechtigkeit
„Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Menschen durch die gebaute Umwelt, in der sie leben, gesundheitlich stark beeinflusst werden können." Mit diesem ebenso apodiktischen wie akademisch-vorsichtigen Satz beginnt das Buch „Umweltgerechtigkeit", um kurz darauf zu konstatieren, dass insbesondere die soziale Verteilung von Umweltbelastungen bisher kaum diskutiert wird. Das ist eigentlich ein skandalöser Befund. Denn neu ist die Thematik wirklich nicht: „Man kann einen Menschen mit einer Wohnung erschlagen wie mit einer Axt", formulierte schon Heinrich Zille vor 100 Jahren, um damit auf die unmenschlichen Wohnverhältnisse der Arbeiter in Berlin aufmerksam zu machen. Zusammengepferchte Arbeiterfamilien in kleinen Wohnungen, oft in der Nähe der rauchenden Industrieschlote, dunkel, feucht, schimmelbefallen und im Winter kalt: fürwahr keine gesundheitsförderliche Umwelt. Man kann noch weiter zurückgehen: die Kritik an den Wohn- und Wohnumfeldverhältnissen der armen Bevölkerungsgruppen war ein Kernmotiv bei der Herausbildung der Sozialmedizin im 18. Jahrhundert. Mit der Sozialmedizin insgesamt ging im Nationalsozialismus aber auch der Blick auf die sozial ungleiche Verteilung von Umweltbelastungen verloren, und wie die Sozialmedizin erst als Importware, als „Public Health", ihrem Anspruch wieder gerecht zu werden beginnt, so scheint auch ihr Umweltbezug erst über den Anglizismus „environmental justice" aus dem Amerikanischen in die deutsche Diskussion zurückkehren zu können. Die Umweltmedizin wiederum hat hier schlicht eine Diskussion verschlafen, vielleicht weil das „Soziale" in den toxikologischen Grenzwerte-Streitigkeiten um die 3. Stelle hinter dem Komma einfach nicht zu entdecken war.

Mit Gabriele Bolte, Umweltepidemiologin am Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit und Andreas Mielck, Sozialepidemiologe am Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit GSF, haben sich zwei einschlägig bewanderte Fachleute daran gemacht, den aktuellen Diskussionsstand über environmental justice, zu deutsch Umweltgerechtigkeit, in einem Reader zusammenzustellen. Man findet darin Übersichtsartikel zur Diskussion über environmental justice in den USA (Werner Maschewsky), zur Umweltsoziologie und ihrem (potentiellen) Beitrag zur Umweltgerechtigkeit (Harald Heinrichs, Julian Agyeman und Matthias Groß) sowie zur Rolle von Umweltepidemiologie und sozialökologischer Forschung (Susanne Bauer). Es gibt Artikel über empirische Untersuchungen zum Einfluss der Wohnumwelt auf die Gesundheit in Wien (Willibald-Julius Stronegger, Wolfgang Freidl), zum Zusammenhang von sozialer Lage und renovierungsbedingter Schadstoffbelastung im Wohnumfeld von Neugeborenen (Horst-Dietrich Elvers et al), zu sozialen Unterschieden in der Belastung durch Lärm und Luftverschmutzung (Andreas Mielck), zu Umweltbelastungen bei Schweizer Kindern (Charlotte Braun-Fahrländer), zu sozialen Unterschieden bei der Belastung von Kindern mit verkehrsabhängigen Luftschadstoffen (Gabriele Bolte et al) und zum Zusammenhang von Sozialstatus, Lärm und Gesundheit (Enno Swart, Britt Hoffmann). Und man findet auch konzeptionelle Beiträge über Handlungsansätze zur Herstellung von mehr Umweltgerechtigkeit: Werner Maschewsky beschreibt anhand amerikanischer Beispiele einen verwaltungstechnokratischen und einen eher partizipativen Verfahrensansatz, Andrea Pauli geht auf die Rolle der sozialen Arbeit bei Umweltfragen ein und Marcelo Firpo de Souza Porto beschreibt einen brasilianischen Ansatz der Verbindung von Umweltgerechtigkeit und Public Health.

Die Beiträge des Buches sind, wie sollte es anders sein, recht heterogen. Gelegentlich ist der Duktus etwas spröde und soziale Missstände werden in einer fast teilnahmslosen Buchhaltersprache berichtet. Da und dort kann man sich auch des Eindrucks nicht verwehren, dass der epidemiologische Wissenschaftsbetrieb manchmal mit großem Methodenaufwand Wissen reproduziert, das vorher auch schon da war. Aber in einigen Beiträgen flammt doch die aus der alten Sozialmedizin bekannte Empörung über die soziale Ungerechtigkeit auf, dass Menschen, nur weil sie arm sind, mehr Gift, Lärm und Unfallgefahren ertragen müssen als andere. Wie mörderisch die Folgen dieses Sachverhalts mitunter in der Dritten Welt (und in manchen Teilen Osteuropas) sein können, klingt leider nur im letzten Beitrag des Buches an. Umweltgerechtigkeit in Zeiten der Globalisierung sollte sich aber den Blick in die Umgebung der Maquilas, der Weltmarktfabriken, wo die Arbeiter leben, die unsere Textilien und Schuhe herstellen, nicht ersparen. In den Beiträgen spiegelt sich somit wohl auch wider, dass das Forschungsfeld Umweltgerechtigkeit seinen Kanon an Themen und Methoden noch sucht. Das macht die Lektüre aber auch spannend, man hat den Eindruck, an der (Wieder-)Entdeckung eines wichtigen sozialpolitischen Programms teilzuhaben. Die Lektüre wäre daher dringend auch denen anzuraten, die jetzt über die Ausgestaltung des geplanten Präventionsgesetzes diskutieren. Prävention beginnt bei guten Umweltbedingungen für alle - d.h. bei Umweltgerechtigkeit.

Books:

  1. Als mein Kind geboren wurde, war ich sehr traurig. Spätfolgen des Chemiewaffen-Einsatzes im Vietnamkrieg
  2. Müssen Arme früher sterben? Soziale Ungleichheit und Gesundheit in Deutschland
  3. Daughter of the Olive Trees. A Palestinian Women's Struggle for Peace
  4. Lenos Pocket, Nr.57, Thymian und Steine
  5. Lernprogramm Demokratie
  6. Bildung und Soziales in Zahlen. Statistisches Handbuch zu Daten und Trends im Bildungsbereich
  7. Das Ende der Gemütlichkeit. Strukturelles Unglück und mentales Leid in der Schweiz
  8. Die Rose und der Stein
  9. Neotopia. Atlas zur gerechten Verteilung der Welt.
  10. Black Box Swissair. 21 Stimmen zu Höhenflug und Absturz

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