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Zwölf gute Gründe für einen Antiamerikanismus
"Amerikanismus ist für uns nicht nur eine Idee, ein Mythos oder eine Ideologie, sondern ein System in seiner Totalität, das 'shock and awe' über die ganze Welt verbreitet."
Werner Pirker, langjähriger Moskaukorrespondent einer kommunistischen Zeitung, dessen in der "jungen Welt" veröffentlichten außenpolitischen Kommentare heute als Glanzlichter aus der konformistischen Journaillie hervorstechen, und Wilhelm Langthaler, eine Generation jünger und Leiter der Antiimperialistischen Koordination, beide in Wien lebend, haben ihre bereits oftmals vorgebrachten Argumente gegen den US-Imperialismus nunmehr in einem gemeinsam verfassten Buch gebündelt. Zwölf Gründe sollen es sein, die den "Antiamerikanismus" vom Ruch der "Irrationalität und des dumpfen Ressentiments" befreien, der ihm nach Auffassung des "linksliberalen Diskurses" anhaftet. Dieses Unternehmen beinhaltet eine möglichst vollständige Erfassung des Wesens und Unwesens des Amerikanismus. So finden sich also auch Kapitel über den ungehemmten Raubbau an der Natur und den "gefängnisindustriellen Komplex" in diesem Werk. Allerdings liegen hier nicht die Stärken der Autoren, und man hat darüber sicher schon schärferes und ausführlicheres gelesen. Dennoch ist der Beginn bei der amerikanischen "Binnengewalt" nicht schlecht, denn als kolonialistisches Projekt konnte sich das amerikanische Zerstörungspotential lange Zeit nicht nach außen entfalten, war aber immer schon da.
Die USA sind einer der wenigen Staaten, die auf Genozid gegründet sind. Die unterworfenen, eigentlich amerikanischen Völker, denn das Territorium war keineswegs so dünn besiedelt wie man vielleicht glauben möchte, wurden nicht in einer einzigen brutalen Aktion, sondern in einem permanenten Vernichtungskrieg ihres Bodens beraubt. Die Durchdringung des US-Alltags mit Verbrechen hat hier ihren Ursprung, die Legitimierung und Bewunderung des Gangsters (der amerikanische Held schlechthin) und die ihr in ihrer Gewalttätigkeit entsprechenden Lynchjustiz. Hinzu kommt noch die Ausbeutung der Arbeit der aus Afrika herbeigeschafften Sklaven, die ein unmittelbares alltägliches Gewaltverhältnis etablierte, das in den Heimatländern des europäischen Kapitalismus nicht gegeben war, sondern nur in deren Kolonien.
Alles, was die Welt von den USA an Gewalt erfahren hat, ist nichts anderes als jene verinnerlichte Gewalttätigkeit, die nun nach außen gewendet wird: die Lynchjustiz wird zum außenpolitischen Instrumentarium gegen "Schurkenstaaten" ausgeweitet, die Aneignung fremden Territoriums ist dem Wildwesthelden zur zweiten Natur geworden und die Interessen anderer Völker werden ebenso ignoriert wie bis heute die der Indianer. Für das Buch von Pirker und Langthaler ist dies aber nur ein zwar notwendiger, aber nicht sonderlich scharf beleuchteter Vorlauf bevor sie auf ihre eigentlichen Themen zu sprechen kommen: die Außenpolitik (in diesem Fall ein sehr beschönigendes Wort) der USA und ihre Rolle in der Globalisierung. Die politische Ökonomie Amerikas, die Abwicklung der Sowjetunion, die Zerschlagung Jugoslawiens und die Pax Americana sind jeweils Themen einzelner Kapiteln und hier bewährt sich die antiimperialistische Kritik der Autoren an der gewählten Materie. So viel Richtiges jedoch in diesen Kapiteln steht - nichts Neues zwar für den Leser der "jungen Welt", aber doch einiges, was den Konsumenten der gleichgeschalteten Presse vorenthalten wird - , es wirkt ein bißchen zusammengestoppelt.
Über die Entscheidungsprozesse innerhalb des US-Systems - und damit über dessen Funktionsweise - erfährt man wenig, über die Auswirkungen von IWF und Krisenintervention auf die unterschiedlichen Weltregionen desto mehr. Bei einer Analyse des Amerikanismus sollte es doch eigentlich umgekehrt sein? Die Funktionsweise des amerikanischen Systems wird nicht enthüllt, wohl aber wagen sich die Autoren im Rahmen der interessanten Frage "Ist die US-Politik im Sinne ihrer eigenen Interessen funktional?" in vermintes Gebiet vor. Sie schreiben: "Dort, wo zur Apologie des amerikanischen Imperiums die aus der Aufklärung hervorgegangene Gleichheit aller Menschen und die auf dieser beruhenden Demokratie, selbst in ihrer traditionellen Reduzierung auf das Individuum auf dem Markt, nicht mehr greifen, setzt die göttliche Mission eines eschatologischen Reiches für das auserwählte Volk ein - und nimmt sich damit Israel zum Vorbild. Im Zionismus zeigt sich der Amerikanismus der Welt in seiner Konsequenz, in seiner Speerspitze." Doch was ist "der Zionismus"? "Er postuliert die radikale Ungleichheit der Menschen, aus deren Masse sich kraft seiner rassischen, religiösen oder zivilisatorischen Überlegenheit das auserwählte Volk emporhebt." Die USA sind nach Auffasssung der Autoren dabei, die israelische Politik als Modell zu adoptieren und sich damit aller anderen Völker zu entfremden. George W. Bush: "Zur Verteidigung unserer großen Nation werden wir Tod und Gewalt in alle vier Himmelsrichtungen tragen."
Die Völker dieser Erde reagieren folgerichtig im zunehmenden Maße auf die amerikanische Politik so wie die Palästinenser auf die israelische: mit einer globalen Intifada, als deren Hauptträger der neue Hauptfeind des US-Imperiums wie seiner zionistischen Speerspitze gilt: der Islam. Der Islamismus war zwar einst in seiner wahabitischen Ausprägung ein Instrumentarium der antisowjetischen Außenpolitik und eignet sich als Feindbild auch zur inneren Mobilmachung und zur Gleichschaltung "befreundeter" Staaten, ist jedoch heute kein Papiertiger, sondern eine reale Bedrohung für die amerikanische Vorherrschaft. Er könnte der "Funke zur Entzündung jenes globalen Pulverfasses" sein, das die Amis nicht mehr entschärfen können. "Das ist der rationale Kern ihres Präventivkrieges als auch ihres rasenden Hasses, mit dem sie das 'Böse' verfolgen." Solange sich Europa in dieser Hinsicht nicht ideologisch von den USA abkoppeln, wird sich Europa nicht dem amerikanischen Würgegriff entwinden können. Jedoch machen die Europäer nach Langthaler und Pirker geradezu das Gegenteil:"mit der Hetze gegen Moslems in Großbritannien oder Italien oder der Einführung der 'Schwarzen Liste' terroristischer Organisationen folgt man der US-Führung." Leider verabsäumen die Autoren hier die Überschneidung und Verflechtung zionistischer und amerikanischer Kreise mit europäischen "Rechtsextremisten" einerseits und "antideutschen Linksextremisten" andererseits bei der gemeinsamen Hetze gegen die muslimische Bevölkerung in Europa wie weltweit näher aufzuzeigen.
In der neoliberalen Wirtschaftspolitik wiederum verhält sich die EU geradezu "päpstlicher als der Papst", damit den eigenen Vasallenstatus nur zementierend, denn das System des freien Kapitaltransfers dient angesichts des Kapital- und Waren-"Staubsaugers" USA nur der Perpetuierung von dessen Vormachtstellung. "Zwar sind die USA mit dem System des neoliberalen Globalismus nicht identisch, doch sind sie sein Hegemon, gewalttätiger Vollstrecker und Hauptnutznießer."
Im abschließenden Kapitel, das den Amerikanismus als "Zersetzung der Vernunft" zu definieren unternimmt, werden als ideologische Elemente u.a. die "amerikanische Theologie", der "verkehrte Antifaschismus" und die "Zivilgesellschaft" genannt. Die amerikanische Theologie ist schnell abgehandelt und nicht sehr spirituell, im Grunde begnügt sie sich nämlich mit dem Glauben an die eigene Auserwähltheit. Der Antifaschismus, und zwar der postfaschistische, hat sich nach Ansicht der Autoren von einem Alibielement der umfassenderen Totalitarismustheorie, die als ideologisches Kampfmittel im Kalten Krieg taugte, zu einem "der wichtigsten Transportmittel der amerikanischen Ideologie" gewandelt. "Faschismus" ist heute ein Kampfvokabel zur präventiven Aufstandsbekämpfung, es wird daher gerade auch auf die Autoren mit Vorliebe von staatlich bezahlten "Rechtsextremistenexperten" eingesetzt. Der ehemalige kommunistische Funktionär und jetzige DÖW-Amtswalter Heribert Schiedel strich dementsprechend auch die Unvereinbarkeit von Antiimperalismus und Antifaschismus heraus. ("Ein Feindbild verbindet. Zur Querfront gegen den 'Imperialismus'"; in: ContextXXI, 4-5/2003)
Pirker und Langthaler hingegen betonen in einer Vorbemerkung zu ihrem Buch, daß sie mit dem Amerikanismus selbstverständlich nicht das "amerikanische Volk" ablehnen, "ebenso wie Antifaschismus niemals bedeuten konnte, das deutsche Volk zu verdammen." Die Antifaschisten Ilja Ehrenburg, Henry Morgenthau und Bomber-Harris oder ihre "antideutschen" geistigen Nachfahren können sie damit jedoch nicht meinen. Tatsächlich befassen sie sich auch mit "Goldhagens Machwerk" "Hitlers willige Vollstrecker", das die Eliten entlastet und die Massen als verbrecherisches Volkskollektiv imaginiert. Ihnen ist somit zumindest subjektive Aufrichtigkeit zuzugestehen, wenn sie auch nach wie vor einem idealen Bild des ursprünglichen - noch nicht amerikanisch instrumentalisierten - Antifaschismus anhängen mögen.
In seiner Bedeutung wurde der Antifaschismus von der "Zivilgesellschaftsideologie" abgelöst bzw. ergänzt. Diese dient der Rechtfertigung der kulturellen Hegemonie des amerikanischen Systems wie es im Menschenrechtsinterventionismus ihren zivilgesellschaftlich verklärten Ausdruck fand - in der Clinton-Epoche. Die Herrschaft der Bushclique markiert jedoch keinen Bruch mit dieser Entwicklungslinie, sondern ihre bloße Steigerungsstufe. "Der Neokonservativismus ist der zum permanenten Krieg gesteigerte Liberalismus." Die Anti-Globalisierungsbewegung darf sich daher nicht auf die Schiene der Zivilgesellschaft locken lassen, wo die "Streetworker des Neoliberalismus" agieren, die "alternativen Kleinproduzenten des falschen Bewusstseins". Vielmehr müßte das oppositionelle Subjekt sich zu einem antagonistischen fortentwickeln, eben durch die Aufnahme der "antiamerikanischen Stoßrichtung", die eben deshalb so nachhaltig tabuisiert werden soll. Dieser Tabuisierung entgegenzuwirken und damit einen Schritt zur Herausbildung des Antagonisten gegen den Hegemon zu tun, ist das Ziel dieses Buches: Haben wir den Mut Antiamerikaner zu sein, es gibt sicherlich weit mehr als zwölf Gründe hierfür!
Wertvoll aber linkslastig
Die politische Linke ist gegenwärtig in mehrere Hauptrichtungen gespalten, die sich vorwiegend danach unterscheiden, wie sie ihr Verhältnis zu den USA definieren. Die vorliegende Darstellung von Langthaler und Pirker enthält zentrale Gedanken einer als "Traditionalisten" zu verstehenden Strömung, die sich aus einem klassischen Antiimperialismus und Antikapitalismus speist, und den daraus erwachsenden Antiamerikanismus entsprechend legitimiert und offen formuliert. In den ersten Kapiteln kommt das vordergründige und aktuelle Geschehen zur Sprache, das weitgehend mit den populären Ansichten über die USA korreliert, die in Deutschland gegenwärtig durch die Massenmedien auch die "Lufthoheit" in den Wohnzimmern genießen. Nach dieser linksliberal anmutenden Einstimmung schimmert jedoch das neomarxistische Geschichtsbild der Autoren, und der Anspruch, dieses in aufklärerischer Manie zu vermitteln in den späteren Kapiteln deutlich durch. Ohne die Penetranz anderer Darstellungen zu erreichen, wird dennoch die Diktion in denjenigen Abschnitten, die einer Apologetik der ehemaligen Sowjetunion, des autoritären Restjugoslawiens oder gar des staatsmonopolistischen Systems eines Saddam Hussein gewidmet sind, dem einen oder anderen Leser Schwierigkeiten bereiten. Am Ende der Darstellung steht wie so oft die Deutung des US-Amerikanischen Hegemoniestrebens als Spielart des Faschismus, in die angeblich die bürgerlich-kapitalistische Welt notwendig verfällt, und dem, so die Andeutungen, wohl nur die Realisierung eines "echten Sozialismus" durch "echten Menschheitsfortschritt" entgegengesetzt werden kann. In diesem Sinne auch die gelegentliche Denunziation des "liberalen" Lagers. In dieser zweifellos linkslastigen Darstellung muten auch manche Zitate etwas seltsam an,und entsprechende Veröffentlichungen sind aus zum Teil mehr als tendenziösen Publikationen ("Junge Welt", "Global Brutal", "Marxistische Erneuerung") entnommen.
Gleichwohl enthält die Darstellung interessante Aspekte,und geht ein Stück weit über die gewöhnlichen Trittbrettfahrer hinaus, die den Erfolg eines Michael Moore kommerziell für sich zu nutzen versuchen. Mit mehr analytischem und intellektuellem Anspruch als jene, und in einer echten kritischen Tradition stehend, versuchen die Autoren Hintergründe zu erhellen, und die zynischen und heuchlerischen Machtgelüste der "Neocons" bloßzustellen. Dass dabei hin und wieder über das Ziel hinaus geschossen wird, z. B. wenn der eher unbedarfte frühere Deutsche Außenminister Kinkel als "böser Geist" für den Zerfall des ehemaligen Jugoslawien dargestellt wird, tut der Tatsache keinen Abbruch, dass das Buch für jeden interessant ist, der das aktuelle weltpolitische Geschehen aktiv beobachtet.
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