Customer Review:
Schwere Kost
Ich wollte etwas über den praktischen Kommunismus erfahren und konnte das auch mit diesem Buch.
Allerdings habe ich einiges als Leser zu bemängeln. Das Buch setzt zuviel Vorwissen voraus. Manche wichtigen Begriffe und Organisationen werden entweder nicht, oder zu kurz oder zu selten erklärt. Der Author benutzt außerdem zuviele unnötige Fremdwörter. Der Schreibstil ist ebenfalls unnötig umständlich, so dass man länger über die Sätze nachdenken muss, als wenn sie einfacher formuliert worden wären. Es gibt außerdem kein einziges Foto in dem Buch.
Es fehlt mir auch die Spannung beim Lesen. Mit einiger Disziplin habe ich es dann doch geschafft, mich hindurchzulesen. Am Stoff kann es nicht liegen, das Langeweile aufkommt. An mir auch nicht. Es ist der Schreibstil des Authors. Allein der Anfang ist abschreckend: Dort kommt der Author schon zu Schlussfolgerungen, wo ihm der Leser, der erst etwas über den Kommunismus erfahren möchte, nicht folgen kann aufgrund des bei ihm noch nicht existierenden Wissens.
Das Buch ist irgendwie eine Fußnote zum Schwarzbuch des Kommunismus, was der Author mehr oder weniger eingesteht.
Man lernt nur etwas über den sowietischen Kommunismus. Dazu passt der Titel nicht wirklich.
Ob es bessere Bücher über den Kommunismus gibt? Bestimmt. Man lernt auch mit diesem Buch etwas über das Thema, auch wenn es nicht besonders Leser-freundlich geschrieben ist.
Hervorragend
Gerd Koenens Studie über den Kommunismus ist eine der besten Analysen über das sowjetische kommunistische System, welches ich gelesen habe. Koenens These ist, dass der Kommunismus im wesentlichen die Utopie einer totalen Säuberung, Homogenisierung und Gleichschaltung einer Gesellschaft gewesen sei. Dies habe sich letztlich als nicht einlösbar erwiesen.
Eindrucksvoll und plastisch beschreibt Koenen die totalitäre Herrschaftspraxis des Kommunismus unter Lenin und Stalin. Angeregt wurde er zu dieser Studie durch das "Schwarzbuch des Kommunismus", dessen Verdienst er zwar lobt. Mit dem Vorwort des Herausgebers Stephan Courtois ist er jedoch nicht einverstanden, was ihn - unter anderem - zu diesem Buch veranlasst hat. Eindrucksvoll schildert Koenen, wie aus einer Utopie ein menschenverachtendes System der Gewaltherrschaft wurde(Schwerpunkt der Darstellung sind die Zeit Lenins und Stalins, die folgenden Jahre werden dann nur noch gestreift). Nach Stalins Tod sei zwar das Monopol der Partei erhalten geblieben, doch der Prozess des Abbaus des Massenterrors blieb unumkehrbar. Das nachstalinistische System könne als "posttotalitär" bezeichnet werden.
Die menschenverachtende Politik der Bolschewisten wurde schon bei der Machtergreifung 1917 und der Auflösung der Konstituante im Januar 1918 deutlich. Den Kommunisten ging es um die Zerschlagung der Gesellschaft und des Bürgertums. Hier - so Koenen - läge der entscheidende Unterschied zum Aufstieg des Nationalsozialismus, der, die im Gegensatz zu den Kommunisten den bestehenden Staat nicht zerschlagen hätten, sondern diesen - mit aktiver Unterstützung der regierenden Eliten - nach ihren Bedürfnissen "ummodeln und durch eigene parallele Apparate ergänzen und kontrolliren" konnten (S. 272)". Koenen meint, dass die kommunistischen Regime dem Begriff einer "totalitären" Gesellschaft erstmals wirklich nahegekommen seien. Die Geschichte des Kommunismus lasse sich nicht in erster Linie als die einer "Idee", einer "Ideologie", einer "Illusion" oder eines "Wahns" beschreiben, wie dies Francois Furet oder Martin Malia in vergleichbaren Publikationen getan haben. Zu untersuchen sei die Frage, aus welchen Motiven und unter welchen historischen Bedingungen Menschen begannen, mit dem historischen Sozialismus zu brechen und neue "kommunistische" Parteien zu gründen oder sich ihnen anzuschließen. Koenen zeigt, dass es sich beim Kommunismus um das ungeheuerste "Experiment" des 20. Jahrhunderts gehandelt hat. Mit diesem verknüpfe sich die erste politische Massenbewegung der Geschichte, die internationalen Charakter hatte und Menschen völlig unterschiedlicher Kulturkreise und Herkunft anzog. Diesen Fragen geht Koenen mit einer beeindruckenden Sachkenntnis nach.
Selten gibt es eine so fesselnd zu lesende und dennoch kompaktreiche Darstellung des Phänomens des Kommunismus. Koenen berücksichtigt Ereignis-, Ideologie-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte ohne die Verbrechen des Kommunismus zu verharmlosen. Sie ist leichter zu lesen als Furets voluminöse oder Malias eher trockene und schwer zu lesende vergleichbare Darstellung. Es handelt sich in der Tat um ein meisterhaftes Werk eines langjährigen Experten auf diesem Gebiet.
Als Ergänzung empfehle ich Wolfgang Leonhards jetzt neu aufgelegten Klassiker: "Die Revolution entlässt ihre Kinder", der das gleiche Thema behandelt und den selben Fragen anhand der eigenen Autobiographie nachgeht. Auch er wandte sich - wie Koenen - vom Kommunismus ab und beschreibt scharfsinnig das Phänomen des "real existierenden" Kommunismus. Beide Bücher sind daher unbedingt lesenswert und als Beschäftigung mit dem Thema unverzichtbar.
Glänzend
Koenens "Utopie der Säuberung" ist eine chronologische Darstellung des Sowjetkommunismus, von der Revolution 1917 bis zum dessen Ende 1991. Der Autor beschränkt sich dabei nicht auf eine trockene Darstellung der Geschehnisse oder auf moralische Wertungen, sondern bietet eine umfassende, vielschichtige und dabei gut lesbare Analyse dieses „ungeheuersten Experiments" des vergangenen Jahrhunderts.
Die Deutungen Koenens sind anschaulich und erhellend und werden manchen Schmerzen bereiten. So sieht er dieses „Experiment" als historisch einzigartigen Versuch einer totalen (totalitären) Zerstörung und Neuschaffung der russischen Gesellschaft (im Gegensatz zum Nationalsozialismus, der bestehende soziale Strukturen weitgehend unberührt ließ bzw. sich sogar auf diese stützte). Die Zerstörung ist gelungen, die nun „gesäuberte" und homogenisierte Gesellschaft mit ihrem „neuen Sowjetmenschen" stellte aber in Wirklichkeit die Rückführung auf eine in jeder Hinsicht primitivere Stufe dar. Die in diesem Zusammenhang gemachten Charakterisierungen als „Regression"/"Reaktion"(!)/„Involution" (letzteres eine Analogie aus der Medizin=Rückbildung) sind höchst treffend.
Geschickt eingebaut sind vielfältige literarische Zitate und Verweise (unter anderem Babel, Solschenizyn, Feuchtwanger, Arendt etc.), die auch Lust auf weitere Lektüre machen; die kurzen immer wieder eingestreuten Anekdoten sind sorgfältig ausgewählt und bleiben im Gedächtnis: Arthur Koestler, der mitten in der großen Hungersnot in der Ukraine (Millionen Tote) 1932 in seinem kalten Hotelzimmer im Auftrag der Komintern eine „Erfolgsgeschichte des Kommunismus" schreibt oder Isaak Babel, der nach seiner Verhaftung zusammenbricht und den Schergen Stalins freimütig von seinen kritischen Gesprächen mit anderen sowjetischen Künstlern wie Eisenstein berichtet, nur um zu erfahren, dass diese keinerlei Interesse an diesen Bekenntnissen haben, sondern nur ihre absurden kompliziert konstruierten Anschuldigungen (Englischer Spion etc.) bestätigt wissen wollen.
Manches, wie zum Beispiel die Gegenüberstellung von Stalinismus und Nationalsozialismus (für Koenen sind die Unterschiede bezeichnender als die Parallelen) oder die Darlegung der Gründe für die jahrzehntelange Faszination des Kommunismus hätte ich mir ausführlicher gewünscht, dies wäre aber natürlich zu Lasten der Kürze des Buches gegangen.
Fazit: Für an den Themen Kommunismus/Sowjetunion/Totalitarismus Interessierte unbedingt lesenswert!
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