Wie man Fanatiker kuriert. Tübinger Poetik-Dozentur 2002.

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Wie man Fanatiker kuriert. Tübinger Poetik-Dozentur 2002.


Authors: Amos Oz
Catalog: Book
Media: Broschiert
Release Date: Februar 2004
Publisher: Suhrkamp
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Customer Review:
Ein beeindruckendes Plädoyer für den Frieden im Schatten von 9/11
Man muß sich das vorstellen: im Januar 2002 hält Amos Oz, gerade mal 3 Monate nach dem Terroranschlag auf die Twin-Towers in Manhattan im Rahmen der Tübinger Poetik - Dozentur drei Vorlesungen über sein Schreiben, den Fanatismus als Wurzel allen Übels in der Welt und über die Chancen und Bedingungen eines vernünftigen und realistischen Friedenschlusses in Nahost und Palästina.

Mitten in einer beispielslosen Hysterie, auch in Deutschland, sagt er Sätze wie diese:

"Nein, meine Damen und Herren, dies ist eine Schlacht zwischen Fanatikern, die denken, daß der Zweck, jeder Zweck, alle Mittel heiligt. Es ist ein Kampf zwischen jenen, die die Gerechtigkeit -was auch immer dieses Wort bedeutet - über das Leben stellen, und auf der anderen Seite denjenigen von uns, für die das Leben Priorität hat gegenüber vielen anderen Werten, Überzeugungen oder Glaubensrichtungen. Die gegenwärtige Krise in der Welt, im Nahen Osten oder in Israel/Palästina dreht sich nicht um die islamischen Werte und bestimmt auch nicht, wie einige Rassisten behaupten, um die arabische Mentalität. Es geht um den alten Kampf zwischen Fanatismus und Pragmatismus, zwischen Fanatismus und Pluralismus. Beim 11. September ging es nicht einmal um die Frage, ob Amerika gut oder schlecht ist, ob der Kapitalismus bedrohlich oder notwendig ist, ob die Globalisierung gestoppt werden sollte oder nicht. Es geht um den typisch fanatischen Anspruch: Wenn ich der Meinung bin, daß etwas schlecht ist, dann zerstöre ich es, zusammen mit allem, was es umgibt. Fanatismus, meine Damen und Herren, ist älter als der Islam, das Christentum, das Judentum, älter als jeder Staat oder jede Regierung, jedes politische System, älter als jede Ideologie oder jeder Glaube in der Welt. Fanatismus ist unglücklicherweise eine allseits präsente Komponente der menschlichen Natur, ein schlechtes Gen, wenn man es so nennen will. Menschen, die in Amerika Abtreibungskliniken in die Luft sprengen, die hier in Deutschland Moscheen und Synagogen in Brand stecken, unterscheiden sich von Bin Laden nur im Ausmaß, nicht in der Art ihrer Verbrechen."
Und:
"Wenn wir Fanatismus letzten Endes auch nicht besiegen können, so können wir ihn vielleicht doch in Grenzen halten... Ich predige keinen totalen moralischen Relativismus, sicher nicht. Ich versuche die Notwendigkeit hervorzuheben, sich in andere Menschen hineinzuversetzen. Sich in den anderen hineinversetzen, wenn man streitet, wenn man sich beklagt, insbesondere dann, wenn wir fühlen, daß wir zu hundert Prozent im Recht sind...
Vor vielen Jahren, als ich noch ein keines Kind war, erklärte mir meine Großmutter in sehr einfachen Worten den Unterschied zwischen Juden und Christen - nicht zwischen Juden und Moslems, aber zwischen Juden und Christen: 'Du siehst', sagte sie, 'Christen glauben, daß der Messias schon einmal hier war und irgendwann wiederkommen wird. Die Juden bleiben dabei, daß der Messias noch kommen wird. Deswegen', sagte meine weise Großmutter,'deswegen hat es soviel Zorn, Verfolgung, Blutvergießen und Haß gegeben. Warum ? Warum,' sagte sie, 'warum kann man nicht einfach abwarten und sehen was passiert?'
Sie war immun gegen Fanatismus. Sie kannte das Geheimnis, in Situationen mit ungewissem Ausgang zu leben, mit ungelösten Konflikten, mit der Andersartigkeit von anderen Menschen umzugehen. Fanatismus beginn - wie ich gesagt habe - daheim."

Drei beeindruckende Vorlesungen eines Mannes, dessen Leben ein Spiegel der konfliktreichen Situation in Palästina ist (vgl. seine Autobiographie "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" und seinen Essay "Israel und Deutschland". Es ist zu wünschen, daß sich sowohl diejenigen, die Israel von jeder Kritik ausnehmen wollen, als auch die notorischen Unterstützer der Palästinenser vor allem auf der extremen Linken (und mittlerweile auch wieder der extremen Rechten), diese Stimme des engagierten Ausgleichs anhören.
Daß Oz im Anschluß an seine Vorlesungen seinen palästinensischen Freund Izzat Ghazzawi zu einer weiteren Vorlesung bittet und ihm eine Stimme gibt, ist typisch für sein Engagement. Und auch er plädiert leidenschaftlich:
"Viele beharren auf der Vorstellung, daß die Normalität mit dem Abnormalen im Konflikt steht, Vielleicht erfordert das Krankheitsbild unserer Region viel Hilfe von der gesamten Welt. Während die Israelis Frieden brauchen, brauchen die Palästinenser Befreiung, und es gibt einen Preis, der für beides, für Frieden und für Befreiung, bezahlt werden muß. Die beiden Völker müssen entscheiden, welchen Preis sie bezahlen: Blut oder einen Kompromiß. Wir alle kennen den Weg des Bluts. Das existierende Leid gibt uns eine sehr klare Vorstellung davon. Wir müssen den Weg zu Kompromissen kennenlernen."

Make Peace not Love
Hätte ich dieses Buch früher gelesen, wäre es mir leichter gefallen, die Situation im Nahen Osten besser zu verstehen. Amos Oz ist ein radikaler Kompromissler zwischen Palästinensern und Israelis. Er liebt die Menschen und das Land, in dem er lebt. Und er sucht den Frieden durch den Kompromiß, der immer schmerzhaft ist - für beide Seiten. Diese Sicht ist einfach, und doch so neu in der Auseinandersetzung in Israel. Für jeden, der nicht schwärmerisch nach Frieden sucht, sondern ernsthaft auf der Suche ist, ist dieses Buch (Büchlein) ein Gewinn.
Ein- und Ausblicke
Das Buch stellt die Vorträge von Amos Oz in Tübingen/Deutschland dar und enthält zudem einen Beitrag von Izzat Ghazzawi. Der ganze Nahost-Konflikt wird auf menschliche Art behandelt, teilweise mit kritischen/zynischen Untertönen. Das Büchlein ist deshalb auch sehr interessant, da der in Europa dargestellten Krieg zwischen Israelis und Palästinensern, relativiertund eine Anregung zum Nachdenken gegeben wird. Ich hoffe, dass viele - vielleicht sogar "Fanatiker", die sich kurieren lassen wollen - dieses Buch lesen.

Books:

  1. Gerichtstag halten wir über uns selbst.
  2. Geheimsache 09/11. Hintergründe über den 11. September und die Logik amerikanischer Machtpolitik.
  3. Kapitale Lügner. Eine faire und ausgewogene Betrachtung der Bush-Bande
  4. Grundwissen Politik.
  5. Der Mythos vom globalen Wirtschaftskrieg. Eine Abrechnung mit den Pop-Ökonomen
  6. Direkte Demokratie. Eine Einführung.
  7. Die großen Kriminalfälle
  8. Die amerikanische Geldaristokratie. Eine politische Geschichte des Reichtums in den USA
  9. Karrieren im Zwielicht. Hitlers Eliten nach 1945. Das Buch zur ARD-Fernsehserie
  10. Die Geschichte Deutschlands nach 1945

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