Customer Review:
Neues Standardwerk politischer Strategie
Jeder in der Politik schwadroniert über Strategie - aber kaum einer weiß, was Strategie ist. Und wer seinen Strategiebegriff aus der BWL hat, verwechselt Strategie zu oft mit Plan oder Positionierung. Da ist es an der Zeit, einen politischen Strategiebegriff zu etablieren. Viel zu lange hat die Politikwissenschaft den Begriff der "Strategie" vernachlässigt. Jetzt endlich ist ein Standardwerk zur Politischen Strategieanalyse erschienen.
Die von Ralf Tils in seiner Dissertationsschrift "Politische Strategieanalyse: Konzeptionelle Grundlagen und Anwendung in der Umwelt- und Nachhaltigkeitspolitik" erarbeiteten klaren Kategorien des Strategischen geben der Praxis wie der Wissenschaft ein Vokabular, das sich handlungsrelevant benutzen lässt. In beneidenswert lesbarem Deutsch führt Tils Laien und Experten gleichermaßen insbesondere in die Welt der Strategiebildung ein - die zwei weiteren Dimensionen des Strategischen, die Strategiefähigkeit und die strategische Steuerung, bleiben skizziert. Hier wünscht man sich für die Zukunft weitere konzeptionelle Arbeit im Stil des vorliegenden Buches - gut geschrieben, relevant, klar und weithin anknüpfungsfähig.
Schade nur, dass die Tradition militärischer Strategie nicht weiter beleuchtet wurde - die Aufarbeitung der Geschichte des Strategiebegriffs war indes auch nicht die selbstgestellte Aufgabe. Aber Clausewitz' "Vom Kriege", von Moltkes Schriften über Strategie und Edward Luttwaks "Strategie" hätten den dynamischen Aspekt von Strategie noch stärker pointiert. Und sie hätten wohl die sehr praktische und auch für eine langfristig verpflichtete Politik essentielle Unterscheidung zwischen Zweck und Ziel unhintergehbar gemacht. Dass Tils diese Unterscheidung für vernachlässigbar erklärt, ohne die Motive ihres Urhebers Clausewitz zu würdigen, müsste in den nächsten Auflagen seines Buches unbedingt korrigiert werden.
Kein Wunder vielleicht, dass sich die Frage nach der Strategie im Kontext der politischen Dimension nachhaltiger Entwicklung ergeben hat - Tils untersucht den strategischen Ansatz Martin Jänickes für die Umweltpolitik und die nationale Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung. Vom (politik-)reformerischen Ansatz nachhaltiger Entwicklung erwartet man solche Innovationen. - Oder ist es doch ein Wunder, dass diese Innovation einmal kommt? Denn die Diskussion über diese institutionell-prozedurale Dimension nachhaltiger Entwicklung ist, so sie überhaupt noch geführt wird, in der Konzentration auf Institutionen und Administrationen gefangen; die IFOK/IWÖ-Studie zu „Institutionellen Reformen für eine Politik der Nachhaltigkeit" bleibt hier das Standardwerk. Mit der Etablierung von Strategie als Forschungsfeld belebt sich aber endlich auch die handlungstheoretische Seite dieser Dimension. Das tut übrigens auch der Handlungstheorie gut, die sich ihrerseits zu lange in den Operationen von rational choice entleert hat.
Tils fordert ein eigenes handlungstheoretisches Forschungsprogramm für die Strategie. Das klingt ganz harmlos, ist es aber nicht. Denn wie sich das für die Formulierung einer ambitionierten Forschungsprogrammatik gehört, bietet Tils wenigstens ein kurzes wissenstheoretisches Argument an, das die "theoriepolitische" Tragweite einer Beschäftigung mit Strategie verdeutlicht: er verabschiedet die praktische Reflektion über Strategien von der wissenschaftsüblichen Ausrichtung auf Erklärungswissen (auch: statisches Faktenwissen). Vielmehr komme es auf Orientierungswissen an (auch: prozedurales Anwendungswissen) - strategisches Orientierungswissen zeichne sich durch ein proaktives, prospektives und präskriptives Element aus. Recht so! Möge das ein Keim sein, politische Theoriebildung wieder als Schule der Urteilskraft, vielleicht auch als praktische Philosophie zu begreifen. Gerade die Politikwissenschaft sollte es wieder schaffen, eine Art von Wissen zu schaffen, das der Kompetenz und dem Können, das der Handlungskunst politischer Akteure auf der Agora der Agenden dient - und nicht der Befriedigung von Beobachtern auf dem Olymp der wissenschaftlichen Erkenntnis.
Von politischer Theorie als praktischer Philosophie ist Tils' eigener Ansatz in seiner norddeutschen Nüchternheit natürlich noch entfernt. Tils sieht sich hauptsächlich dem rationalen Paradigma der Handlungstheorie verpflichtet - also auf ein Verständnis von Politik als ergebnisorientiertes Machtspiel zwischen Akteuren. Aber er erkennt auch die Nähe zum interpretativen Paradigma, welches Politik als Sinnstiftungsprozess versteht. Vielleicht kann die vermeintliche Gegensätzlichkeit dieser beiden Paradigmen in naher Zukunft pragmatistisch aufgehoben werden? Man wünscht es der Strategie, und man wünscht es einer Politikwissenschaft, die selbst wieder strategiefähig werden sollte. Mit Tils Werk ist ein entscheidender und wichtiger Schritt in diese Richtung gemacht worden.
Books: