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Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten.
In diesem das erste Kapitel des ersten Buches einleitenden Satz liegt das Motiv für Rousseaus wohl bedeutendste Schrift, den Gesellschaftsvertrag. Er präsentiert den Lesern ein geschlossenes System, das aus der Geschichte heraus die einzelnen politischen Modelle aufbereitet und sie im Sinne der Bürgers bewertet, denn es geht ihm um die Menschen.
Dieser detaillierte Entwurf ist von überraschender Aktualität. Trotz seines Alters, denn das Buch erschien 1762 inmitten eines feudalen Systems, das seinem Ende allerdings bereits entgegenschlitterte. Und dieses singuläre Ende, die Französische Revolution, veränderte den Kontinent nachhaltig und spülte auch noch einen korsischen Parvenü an die Macht, der die Bilanz der Toten um eine weitere halbe Million Menschen erhöhte. Eine Legitimation einer Revolution sucht man bei Rousseau übrigens vergebens; er hielt sie lediglich für möglich, falls man sich dem Anspruch der Menschen auf einen gerechten und freien Staat dauerhaft verschlösse.
Auch heute noch bietet dieses zu den Kernschriften der Aufklärung gehörende Werk einen großen Nutzen, der nicht nur in seinem Beitrag zum Verständnis der europäischen Geschichte liegt. Denn selbst uns moderne Staatsbürger vermag dieser Text hinsichtlich der ein oder anderen demokratischen Praxis gelegentlich noch zum Nachdenken anzuhalten, was ja im Prinzip nie schaden kann ...
Das Grundlagenwerk der modernen Demokratie
Rousseaus Gesellschaftsvertrag ist der höchst originelle Entwurf einer radikal neuen Staatsverfassung. Er ist ebenso sehr theoretische Abhandlung wie politisches Manifest. Schon die Idee, ein Staat könne als Ergebnis eines Vertrags aufgefasst werden, der auf einer Vereinbarung gleichberechtigter Partner beruht, barg damals ungeheure Sprengkraft. Rousseau entwickelt seine Vision mit argumentativer Brillanz und radikaler Konsequenz. Er geht von der Überzeugung aus, dass jeder Mensch eine natürliche Würde besitzt, ein Recht auf Selbstbestimmung und auf Gleichheit - womit nicht unbedingt materielle Gleichheit gemeint ist, sondern zumindest die gleiche Chance auf Entwicklung. Eine gerechte Regierungsform kann nur entstehen, wenn sich die Bürger freiwillig und aus einer tiefen Einsicht heraus zusammenschließen. Dieser Appell an Freiheit und Verantwortung bedeutete eine scharfe Kritik an den bestehenden monarchistischen Verhältnissen, die geprägt waren von der allgegenwärtigen Macht des Königs und der ihn stützenden katholischen Kirche. Solche Kritik wurde damals zwar von vielen klugen Köpfen geäußert, meist aber in der intellektuellen, vernunftbetonten Sprache des Rationalismus. Rousseau brachte einen ganz neuen Ton in den Diskurs, indem er auf der Berechtigung des Gefühls beharrte und dadurch Aufklärung und Emotion verband.
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