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Warum steht der Ort Ravello noch?
Immerhin residiert dort der Autor des Buches in einer Art selbstgewähltem Exil. Nicht unbedingt die schlechteste Wahl, die er schon vor Jahren getroffen hat, denn spätestens seit "Ewiger Krieg für ewigen Frieden" zählt er nicht unbedingt zu den besten Freunden des ungeübten Brezel-Essers und amtierenden (wenn auch nicht unbedingt gewählten) Präsidenten des Landes, das Vidal über alles liebt und dessen Verfall er als unerbittlicher Chronist seit Jahrzehnten dokumentiert und kommentiert.
Leider wird der deutschen Leserschaft die komplette Sammlung von Texten aus "Dreaming War" noch vorenthalten - trotzdem Hut ab vor dem Verlag, zumindest "Bocksgesang" an die Spitze bereits mehrfach veröffentlichter Essays zu stellen. Aber schon dieser Text alleine sollte reichen, nicht nur Oliver Stone nach JFK eine ganz besonders perfide Verschwörungstheorie als perfektes Drehbuch zu liefern. Er bietet mehr als blanke Theorie: Daten, Zusammenhänge, Namen. Beweise? Vidal hat den Mut auszusprechen, was viele andere kaum zu denken wagen. Zwar lehnt er sich dabei weit aus dem Fenster, bleibt aber zu keinem Zeitpunkt eine Rechtfertigung dafür schuldig.
Der Vergleich mit den Geschehnissen um ein zum Hollywood-Spektakel verkommenes Kriegstrauma um einen Hafen und die Rolle der damaligen Regierung mit der Situation vor und nach dem 11. September und den wirtschaftlichen (und politischen?) Interessen der "Junta" im Weißen Haus wirken am Ende des Textes plausibel. Es gab Informationen, Verstrickungen, Ungereimtheiten, Befehle. Der Stich ins Herz des Imperiums kam nicht unerwartet, sondern er war willkommen und wahrscheinlich selbstgesteuert. Natürlich bleibt er Antworten auf Fragen, die er nicht stellt, schuldig. Z.B.: Warum starben an diesem Morgen "nur" ca. 3000 Amerikaner? Aber solche Fragen erübrigen sich nach der Lektüre.
Man kann "Bocksgesang" als versponnenen Verfolgungswahn eines ewigen Nestbeschmutzers abtun, der im Alter seiner liebgewonnenen Rolle nun gänzlich verfällt. Man kann es aber auch im Zusammenhang mit den Ereignissen vor und nach dem 11.09. sehen - so unbequem es (auch und besonders für Deutsche) sein mag. Jeder Tag bestätigt Vidals Beweiskette mehr.
Danke, Mr. Vidal, dass Sie diesen Text - mit dem die schöne Condoleezza so sicher nicht rechnen konnte - verfasst haben. Es gab Zeiten (Watergate), als sich Journalisten an solchen Fakten festbissen. Ist diese Gattung ausgestorben?
Keine Ahnung, wer einmal gesagt hat "Geschichte war nicht, Geschichte ist".
Ach ja, der Rest des Buches ist, wenn auch nicht taufrisch, allemal lesenswert. Aber mehr als 5 Punkte gehen nun mal nicht.
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