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Wichtiges Buch
Wichtig scheint mir dieses Buch von Giulietto Chiesa zu sein, das im Original "La guerra infinita" betitelt ist, also den unendlichen Krieg beschreibt, dessen Heraufkunft wir miterlebt haben und dessen Ende - wenn den Aussagen des starken Mannes der US-Regierung Dick Cheney zu trauen ist - bestenfalls unsere Kinder oder Kindeskinder erleben werden können. Einen Krieg, der nicht vom Himmel gefallen ist, sondern von jenen US-Kreisen, die Chiesa "die Kommandobrücke" nennt, geplant worden ist, um das strategische Fenster zu nützen, das sich zwischen dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 und dem Jahr 2017 geöffnet hat. Das Jahr 2017, auf das Chiesa öfters zurückkommt, ist jenes Jahr in dem China die Stärke erreicht haben wird, den USA die Stirn zu bieten. Bis zu diesem Zeitpunkt gilt es die Welt in einen permanenten Krieg zu stürzen, der mittels High-Tech-Waffen relativ bequem für die Bewohner der ersten Welt abgewickelt werden soll, und dessen Ziel neben der Einschüchterung der Konkurrenz vor allem die Errichtung von Militärstützpunkten und Kolonien des US-Imperiums darstellt. Der Antiterrorkampf ist nur ein Vorwand, wie Chiesa deutlich machen kann, und die ansonsten völlig unverständlichen Handlungen der USA, die den Anschein erwecken, sie würden die "islamistischen Terroristen" mindestens ebenso fördern wie bekämpfen, ergeben nur unter dieser Perspektive einen Sinn. Tatsächlich geht es in dieser Optik auch gar nicht um den Islam, auch nicht primär um das arabische Erdöl - wobei Chiesa trotz eines Hinweises auf die "theokratische" Verfaßtheit des entstehenden Imperiums den Einfluß der protestantisch-zionistischen Endzeitfanatiker, die in Washington neuerdings (wieder) den Ton angeben, etwas zu wenig berücksichtigt. Der Islam ist ein Prügelknabe, der zur Ablenkung solange geprügelt werden wird, bis die Hauptauseinandersetzung mit "der gelben Gefahr" ansteht. Wie die jüngste chinesisch-indische Annäherung beweist, hat der Adressat die Einschüchterungsbotschaft sehr wohl begriffen, der Rest der Welt soll jedoch durch die gleichgeschalteten Medien, die den Massen die "fanatischen Moslems" zum Fraß vorwerfen, von den eigentlichen Zielen abgelenkt werden, wobei Chiesa auch deutlich macht, welche Rolle die saudischen Wahhabiten in diesem dreckigen Spiel einnehmen. Das Ziel der US-Administration nach dem feigen und barbarischen Überfall auf Afghanistan war es offenbar, die "islamistische Gefahr" möglichst auf den ganzen Planeten zu verteilen, um weltweit Vorwände zur Intervention und zur Errichtung von Truppenstützpunkten vorzubereiten. In den Worten des Imperators George W. Bush (Bericht zur Lage der Nation 1.2.2002): "Zehntausende von Terroristen aus den Ausbildungslagern Al-Qaidas sind jetzt in der ganzen Welt verstreut."
Die Stärke der Analyse Chiesas liegt auch darin, daß er zwar eine Machtkonglomaration beschreibt, sich aber nicht auf die aussichtslose Suche nach "Hintermännern" begibt, sondern strukturelle Bezeichnungen wie "Kommandobrücke" und "Kuppel" verwendet, da zwar deren Wirken in den Ereignissen belegbar ist, jede Identifikation mit allfälligen Lieblingsfeinden, mangels an Recherchemöglichkeiten im hier anzusetzenden Top Secret-Bereich, jedoch in die Falle der Verschwörungstheoretiker tappen würde. Auch ist er durch den italienische Anschauungsunterricht über die Verwicklung der Geheimdienste in den Terrorismus aus nächster Nähe informiert, weiß also wie das funktioniert und beschreibt die Mechanismen wie fanatisierte ideologische Täter ohne es zu wissen in einen großen Plan eingespannt werden, der in eine völlig entgegengesetzte Richtung verläuft. (Daß das WTC nicht von Flugzeugen zerstört, sondern gesprengt wurde, die angeblichen Attentäter in Wirklichkeit noch am Leben sind, kein Flugzeug ins Pentagon raste, Osama auf der Gehaltsliste der CIA steht oder überhaupt eine Erfindung Hollywoods ist, könnte ja darüberhinaus trotzdem auch wahr sein, trüge jedoch außer Sensationen wenig Zusä,tzliches zum Erkenntnisgewinn bei und liegt mit Sicherheit außerhalb den Recherchemöglichkeiten von Zeitgenossen - mit anderen Worten solche Enthüllungen mit denen andere Bücher aufwarten mögen, lenken nur die Aufmerksamkeit vom eigentlich wichtigen ab.)
Für sich allein genommen wäre auch diese Analyse noch nicht ausreichend, noch wichtiger ist die Einbettung in die geopolitische Situation und im Erkennen der Strategie, die dem Vorgehen des Imperiums entspricht. Tatsächlich hat der Verlag der deutschen Übersetzung den Untertitel "Europas Rolle im Kampf um die Weltherrschaft" verpaßt. Dies ist irreführend, denn davon ist nun wirklich nicht die Rede, es sei denn, man meinte damit die Erkenntnis, daß Europa keine Rolle spielt. "Schließlich bleiben noch zwei Worte zu Europa zu sagen. Und das meine ich ganz wörtlich: 'zwei Worte', denn mehr lohnt sich nicht." Zwar hätte auch nach Ansicht Chiesas das Potential - wirtschaftlich, technologisch, gesellschaftlich, kulturell - um den USA die Stirn zu bieten, jedoch ist es durch zahlreiche trojanische Pferde innerlich gelähmt (die ab 2004 noch vermehrt werden.) "Ein beachtlicher Teil der europäischen Führer benimmt sich, als ob sie die Idee verinnerlicht hätten, daß die Bedeutung ihres Landes vom Grad der Abhängigkeit oder des Vasallentums von den Vereinigten Staaten abhängt". Tatsächlich beschreibt der Autor auch den Krieg gegen Jugoslawien als jenes Ereignis, das Europa endgültig unterwerfen sollte.
Auch wenn das Buch noch vor dem zweiten US-Überfall auf den Irak verfaßt wurde - deren Verlauf und Folgen jedoch unschwer zu antizipieren waren - und vor allem den zuwenig analysierten und schon wieder vergessenen Krieg in Afghanistan im Blickfeld hat, so macht Chiesa im Verlauf des Buches deutlich, wie sich die Welt von der Kommandobrücke aus darstellt: "Man begreift, daß die 'Achse des Bösen' ein kolossales Ablenkungsmanöver ist. (...) Der tatsächliche Punkt auf der Tagesordnung ist eine neue Weltordnung, und die einzelnen Schritte dazu werden vollumfänglich und in ihrer Gesamtheit vom Imperium festgelegt. Die wahren Ziele dieses Krieges greifen aber wesentlich weiter. Es sind drei: China, Europa und Rußland. Das Imperium ist dabei, das Terrain vorzubereiten, damit diese drei potenziellen Gegenspieler unterworfen, redimensioniert oder so weit zurückgeworfen werden, daß sie den Abstand nicht mehr aufholen können."
ein wichtiges Buch
Dieses Buch liest sich sehr gut, eine flüssige und prägnante Sprache. Und es hat mir sehr geholfen, die ganzen geopolitischen Zusammenhänge dessen, was im Moment auf dieser Welt geschieht, besser zu verstehen. Ausserdem finde ich wertvoll, dass hier ein Europäer sich explizit an Europäer richtet und sie zu grösserem politischem Bewusstsein und einer selbstbewussteren Europapolitik aufruft.
großartig!
Das Buch ist eine polemische, aber sorgfältig dokumentierte Reflexion über die Hintergründe und wahren Ziele der gegenwärtigen und kommenden Kriege. Und es wird klar: Afghanistan und Irak sind nur der Anfang. Wer kommt als nächster dran? Außerdem: Welche Rolle spielt eigentlich Europa? Was verbirgt sich hinter der passiven Haltung einiger europäischer Staaten oder der uneingeschränkten Solidarität anderer mit den USA an eigenen Interessen? Das Buch ist ein Appell an ein dringendes Bedürfnis nach einer neuen Art der Politik, nach einem größeren Selbstbewusstsein Europas und nach einer wirksamen Antikriegsopposition. Giulietto Chiesa verwendet Begriffe, die sich an Negri u.a. orientieren (Imperium), aber er ist kein Universitätsprofessor, sein Buch ist alles andere als theorielastig. Er diskutiert lebendig und klar verständlich, erzählt oft von eigenen Erfahrungen als Korrespondent in Moskau, Afghanistan, China. Das Buch ist für ein großen Publikum ohne spezielle Sachkenntnisse in Finanzpolitik und Militärstrategien geschrieben.
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