Customer Review:
Fundiertes Essay, sehr empfehlenswert
Logik der Mächte versteht sich als Essay, nicht als umfassendes Geschichtswerk.
Sechzig Jahre nach Kriegsende brechen sich auch in Deutschland Historiker Bahn, die die Vorgeschichte des II.WK nicht ausschließlich aus deutscher Perspektive sehen, sondern die Ziele und Absichten Deutschlands in den internationalen Zusammenhang stellen. Auf die Schlüssigkeit bzw. Begründetheit der Schlußfolgerungen Scheils möchte ich hier schon deshalb nicht eingehen, weil diese jeder Leser selbst überprüfen kann und muß. Mich haben sie jedenfalls schon deshalb im Grundsatz überzeugt, weil ich mich schon lange gefragt habe, ob denn die USA, die UdSSR, Frankreich, Polen, Italien oder England gar keine eigenen Ziele oder Interessen hatten, sozusagen statisch vor sich hin existierten und nur Deutschland agierte. Warum unterschied sich die Behandlung der diplomatischen Vorgeschichte des II.WK so sehr von der des österreichischen oder spanischen Erbfolgekrieges? Der napoleonischen Kriege? Oder jedes anderen internationalen Konflikts?
Dieses doch primitive Geschichtsbild konnte nie so recht überzeugen. In diesem angenehm flüssig zu lesenden, fundiert begründeten Essay legt Scheil dieses Bild denn auch ad acta. Von einer Minimierung des deutschen Schuldanteils kann ebensowenig die Rede sein wie von einer Vernachlässigung anderer Meinungen. Im Gegenteil, es handelt sich bei diesem Buch - im Gegensatz zur Meinung von Herrn Benz - um innovative Forschung. Forschung, die Geschichte als komplizierten Prozeß mehrerer Beteiligter versteht, Forschung, die Geschichte als Geisteswissenschaft und nicht als Hilfsmittel zur Verteidigung eines Geschichtsbildes begreift, das den Charakter eines religiösen Dogmas angenommen hat. Seriöse Geschichtswissenschaft muß akzeptieren, daß ihre Erkenntnisse und Schlußfolgerungen immer wieder überprüft werden, daß sie mit überprüfbaren Methoden und Quellen arbeiten muß.
Die Vertreter typischer bundesdeutscher Zeitgeschichtsschreibung, wozu auch Herr Benz gehört, wollen dagegen nur ihr schon vorher feststehendes Geschichtsbild bestätigt wissen. Mich überzeugt das nicht einmal im Ansatz.
Innovative Darstellung auf breiter Quellenbasis
Scheil vertritt in seinem Werk auf breiter Quellenbasis die Kernthese, nicht primär Hitlers politisches, wirtschaftliches und ideologisches Expansionsprogramm gen Osten sei die wesentliche Ursache für die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges, sondern Dysbalancen und Unausgewogenheiten des europäischen Mächtesystems. Damit widerspricht er einer Reihe bisher führender Militärgeschichtsforscher, die entgegen der Quellenlage immer noch in Hitler den Alleinschuldigen sehen wollen. Scheil betont neben Hitlers Anteil an der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges auch den der anderen europäischen Mächte, die entweder nicht willens (UdSSR, Polen) oder in der Lage (Frankreich, Großbritannien) waren, die Krise des europäischen Mächtesystems zu beheben. Damit minimiert der Autor nicht die Verantwortung Hitler-Deutschlands für den Krieg, sondern stellt sie in einen gesamteuropäischen Kontext. Dieser Forschungsansatz ist ungeheuer innovativ, denn der größte Teil der historischen Arbeiten zu dem Thema krankt daran, Geschichte nur aus der germanozentrischen Sichtweise heraus zu interpretieren.
Die seriöse Forschung kann an Scheils Darstellung nicht mehr vorbeigehen. Dieses Werk macht Appetit auf mehr.
Blasse Darstellung statt innovative Forschung
Scheil vertritt in seinem Werk auf dünner Quellenbasis die Kernthese, nicht primär Hitlers politisches, wirtschaftliches und ideologisches Expansionsprogramm gen Osten sei die wesentliche Ursache für die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges, sondern Dysbalancen und Unausgewogenheiten des europäischen Mächtesystems. Hochrangige wissenschaftliche Fachliteratur führender Militärgeschichtsforscher, die seiner Kernthese widersprechen, ignoriert Scheil weitgehend. So erscheint Hitlers Anteil an der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges seltsam blass und Scheil muss sich den Vorwurf gefallen lassen, die Verantwortung Hitler-Deutschlands für den Zweiten Weltkrieg zu minimieren. Mit innovativer Forschungsarbeit hat das wenig zu tun.
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