Customer Review:
Eine funktionale Biographie
Sehr angenehm und flüssig geschrieben, ausreichend detailliert ohne ins Unermesslich abzugleiten. Gerade letzteres ist leicht der Fall, wenn das Archiv der Person, des Unternehmens und öffentlich zugängliche Materialen verfügbar sind. Durch die mehrlagige Verknüpfung des Lebensweges von Abs, der wirtschaftlichen Entwicklung der Bank als auch Deutschlands über eben diesen Zeitraum hinweg entsteht ein verwobenes Bild, das dennoch klare Eindrücke vermittelt. Allerdings wird dabei etwas die engere Aufgabe des Biographen verlassen und das Buch oszilliert öfters zwischen einer wirtschaftshistorischen Beschreibung und dem Lebensweg eines Mannes.
Angenehm, daß der Autor sich im wesentlichen auf faktische Darstellungen beschränkt und an Stellen, wo Werturteile gefällt werden können, dem Leser nicht immer seine eigene aufdrängt, sondern die Freiheit zum Nachdenken läßt.
Schade, daß man wenig über den Privatmann, Ehemann, Familienmann Abs erfährt; nicht nur weil damit der Drang zum Voyerismus ins Privatleben verwehrt wird, sondern vor allem, weil es interessant sein kann, die Wechselwirkung mit dem beruflichen Handeln besser zu verstehen.
Ein Buch, das man auf jeden Fall gelesen haben sollte.
Im persönlichen bleibt der Bankier blass
Wenn auch die wirtschaftshistorischen Fakten interessant und fundiert vorgetragen werden - von einer Biographie verhofft man sich denn doch mehr, nämlich Einblicke in die private Existenz und Persönlichkeit des Portraitierten. Das fehlt fast vollkommen - vielleicht, wie Gall selbst schreibt, wegen Abs' Betonung der "Trennung der öffentlichen von der privaten Sphäre" die "durchaus zum Leidwesen des Biographen" sei. Aber man will dann doch nicht ganz glauben, dass nicht mehr möglich gewesen wäre. Vielleicht ist Gall doch zu sehr Wirtschaftshistoriker, und nicht, was einem Biographen auch gut ansteht, Psychologe oder Belletrist. Wenn Gall sich dennoch als Interpret der Absschen Persönlichkeit versucht, dann eher zum Nachteil - wie etwa leider im letzten, reichlich nebulösen Satz der Biographie: "Noch im Bewusstsein der eigenen Vegänglichkeit an die Unvergänglichkeit der eigenen Existenz zu glauben, das markierte in der Tat die Grundlage und die Unverwüstlichkeit seines Selbstbewußtseins."
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