Customer Review:
Exzellentes Buch
Das Buch erinnert etwas an V.S. Naipauls "Islamische Reise", auf die heutigen Verhältnisse bezogen, auch wenn es nicht dessen Umfang aufweist. Die Schilderungen des ägyptischen Volksfestes, der persischen Tradition Tadschikistans oder der jüdischen Siedler im Westjordanland sind so lebendig, daß man sie immer wieder liest und einen Eindruck vom kulturellen Reichtum dieser Länder bekommt, der in den Fernsehnachrichten normalerweise verborgen bleibt.
Der einizige Kritikpunkt ist, daß einige Aufsätze schon etwas älter sind (teilweise von 1995), und sich in den betreffenden Ländern auch Dinge geändert haben.
Eine lohnenswerte Lektüre
Saddam Hussain und Omar Bin Laden sei dank, Orient-Bücher mit Erklärungen und Beschreibungen des so nahen, und doch so fernen Nahen Ostens boomen. Viel Schrott gibt's, aber auch Lektüre, die Augen und Herzen öffnet, die einem Fremdes näher bringt. Zur zweiten Kategorie würde ich diese Aufsatzsammlung des iranischen Journalisten Nevid Kermani zählen.
Er berichtet aus Ägypten, aus Pakistan, aus Tadschikistan, aus Indonesien. Orte, die man landläufig nicht unbedingt mit dem Islam in Verbindung bringt. Nermani liefert keine Schlagzeilen, nein, er beschreibt in einem brillanten Deutsch (selten ist ein Sachbuch so gut, verständlich, und doch fundiert formuliert ) Erlebtes, Gesehenes und Gehörtes. Dabei entstehen vor dem Leser, der Leserin Bilder, die einem nicht mehr so schnell verlassen: ein Einkaufszentrum in der Hauptstadt von Indonesien, die Fahrt mit dem Taxi vom Flughafen in Karatschi in die Innenstadt, Szenen in Duschanbe, der Hauptstadt von Tatschikistan!
Mit diesen Schilderungen zieht der Autor Schlüsse, die einleuchten und die nicht eindimensional sind.
Eine überzeugende Lektüre
Reportagen mit offenen Fragen
Insgesamt ist dies schon ein gutes Buch: Spannende Reportagen mit interessanten Details und dazu hervorragende Fotografien der Agentur Lookat.
Das ganze ist mit scharfen politischen Bemerkungen des Autors gewürzt, wie z.B.: "es ist ein makabres Schauspiel geworden, daß der Westen eine Diktatorensau nach der anderen mästet, nur um sie am Ende in einem riesigen Militäreinsatz zu schlachten" (S. 233). Angesichts solcher knackigen Sentenzen kommen aber auch Fragen auf, wie sie der Verfasser leider nicht stellt: Welche Alternative hatte "der Westen", mit den "Diktatorensau"en zusammen zu arbeiten? Gibt es weniger prekäre und gleichwohl stabile Herrschaftsverhältnisse im Orient - und wenn ja, wo?
Für Navid Kermani spaltet sich der Orient, aber auch die Welt insgesamt, auf in "Wohlstandsghettos" und ein ansonsten chaotisches Außen. Leider gewinnt man den Eindruck, dass diejenigen, die sich in oft generationenlanger, harter Arbeit etwas aufgebaut haben, für ihn die Buhmänner sind. Das mag zwar gut klingen, aber wohin führt es?
Books: