Der Kopftuch-Streit. Das Abendland und ein Quadratmeter Islam

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Der Kopftuch-Streit. Das Abendland und ein Quadratmeter Islam


Authors: Heide Oestreich
Catalog: Book
Media: Broschiert
Release Date: März 2005
Publisher: Brandes & Apsel
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Customer Review:
Empfehlenswert
Zunächst will ich vorweg einige Punkte zum Beginn des Buches verlieren. Frau Oestreich geht gleich am Anfang ihres Buches das Problem der Rechte der Frauen im Islam an. Hier bescheinigt sie dem Propheten Mohammed (sas), dass er für seine Zeit den Frauen herausragende Rechte gewährt hat, er selbst sehr lange monogam mit seiner unabhängigen und emanzipierten Frau Chadidscha gelebt hat und erst nach ihrem Tode in hohem Alter aus politischen und gesellschaftlichen Gründen mehrere (und allesamt sehr emanzipierte) Ehefrauen genommen hat, darunter eben alte Witwen mit ihren Waisen sowie Ehen zur pol. Anbindung von Stämmen, um den ersten von Muslimen geführten freien Staat zu festigen.

Doch dann erwähnt sie ein Thema, ein Ereignis, das in der islamischen Welt nicht nur heftig umstritten ist, sondern auch mit klaren Beweisen von islamischen Theologen des Orients als auch von Orientalisten und Islamwissenschaftlern des Westens widerlegt worden ist.

Es ist das berühmte Ereignis, das auch zum unrühmlichen Thema des Buches „Die satanischen Verse" von Salman Rushdie wurde. Nach diesem Ereignis hätte Mohammed (sas) drei mekkanische Götter, darunter zwei Weibliche (Al-Lat und Al-Uzza) als neben Allah anbetungswürdige Götter erhoben mit Allah als Obergott. Daraufhin hätten die Mekkaner die Lehre Mohammeds akzeptiert oder mindestens toleriert. Doch einen Tag später hätte Mohammed sich revidiert und behauptet Satan hätte ihm diese Sätze eingeflüstert.

Heute wissen wir, von Wissenschaftlern in Ost und West bestätigt, dass dieses Ereignis nie stattgefunden hat und dieser Bericht von einer einzigen sehr dubiosen Quelle stammt und ein bis zwei Jahrhundert nach dem Tode des Propheten tradiert wurde. Diese Quelle, ohne darauf hier näher eingehen zu wollen (es würde den Rahmen dieser Rezension sprengen), galt schon zu Lebzeiten als sehr unglaubwürdig! Doch zum intensiveren Studium des Islam empfehle ich die Bücher von Hadayatullah Hübsch und in Besonderem zum Buch von Rushdie das von Abdullah Wagishauser herausgegebene Buch „Rushdies Satanische Verse" vom Islam-Verlag, das Online bestellt werden kann.

Nun genau dieses ominöse Ereignis wird von Frau Oestreich als Kulmination der Rechte der Frauen, die Mohammed einführte, zitiert. Mohammed wollte angeblich durch die Einführung weiblicher Götter die Stellung der Frauen weiter erhöhen und revidierte dies, nachdem viele seiner Gefolgsleute sich gegen diese weiblichen Götter auflehnten.

Welch eine abstruse und absolut unlogische Behauptung. Frau Oestreich erwähnt weibliche Götter, hier zwei an der Zahl, doch die Mekkaner huldigten hunderten von Göttern und mehr als nur zwei waren weiblich, doch das hinderte die Mekkaner nicht daran, Frauen wie Sklaven und wie Tiere zu behandeln. Es hinderte die Mekkaner und alle Anhänger ihres heidnischen Glaubens nicht daran, ihre erstgeborenen Kinder lebendig als Baby zu begraben, nur weil sie Mädchen waren. Und jetzt soll der Prophet, der als einziger die Einheit Gottes predigte, große Opfer und Demütigung auf sich nahm, um dann die Rechte der Frauen dadurch zu festigen, indem er weibliche Götter an die Seite des einen Gottes stellte? Und warum sollten die Mekkaner sich nur über die Huldigung drei ihrer Götter freuen, wo sie doch über 365 Göttern huldigten und sie von Mohammed eben diese Huldigung an ihre Götter abverlangten, denn Mohammed lehnte somit immer noch mind. 362 Götter ab? Diese suggestive Frage macht klar, wie unbedacht diese Behauptung ist und nur zur Verunglimpfung, nur zur Bloßstellung und zur Denunzierung des Islams dienen kann und boshafter Natur ist.

Hätte Frau Oestreich sich etwas objektiver mit dem Islam beschäftigt (und als eine studierte evangelische Theologin und Journalistin der TAZ kann man das von ihr erwarten), wäre diese schändliche Behauptung nie in ihrer Schrift aufgetaucht.

Doch umso mehr zeigt sie eine große Objektivität zum Thema Kopftuch. In ihrem Buch geht sie sehr eindringlich auf die Lebensweise der vielen hier lebenden Muslime und im Besonderen der Muslimas (Musliminnen) ein. Sie berichtet von Muslimas, die sich der westlichen Lebensweise angepasst haben, als auch von praktizierenden Muslimas an Schulen und Universitäten. Sie zeigt ganz deutlich, dass es an emanzipierten Frauen unter den praktizierenden Muslimas mit Schleier bzw. Kopftuch nicht fehlen. Sie agieren als Schriftstellerinnen, Ärztinnen, Theologinnen und eben auch als Lehrerinnen.

Sie lehnt ganz klar die Stigmatisierung der praktizierenden Muslimas als rückständige, ihren Männern zum absoluten Gehorsam verpflichtete Frauen ab und zeigt in vielen Beispielen, dass diese Behauptungen lediglich plumpe Vorurteile sind, die es abzubauen gilt.

Anschließend widmet sie sich dem Problem des Kopftuches in der Öffentlichkeit und im öffentlichen Dienst und lenkt unser Augenmerk auf einige Rechtsfälle wie z.B. der Rechtsfall von Frau Ludin.

Akribisch, detailliert und vor allem erfrischend neutral und objektiv, schildert sie die Meinungen des Für und Wider des Kopftuches an Schulen.

Sie zeigt an Beispielen vieler Urteilssprechungen (z.B. der Urteilsspruch des Landesgerichtes in Baden-Württemberg), wie sehr sich die Urteile widersprechen und zum ad absurdum führen.

Ein Beispiel: während in BW die Nonnen in ihren Trachten an Schulen unterrichten dürfen, wird es muslimischen Frauen untersagt sog. Islamische Symbole zu tragen. Während gesetzlich das Tragen von Kopftüchern als religiöses Symbol verboten werden, werden Kreuze und Kippas aus dem Verbot ausgenommen, weil sie zum christlich-abendländischen Erbe Deutschlands gehören würden. Die Serie wird mit vielen anderen Beispielen fortgeführt.

Schließlich wird debattiert, ob das Kopftuch ein religiöses Symbol darstellt oder nur ein Zeichen der Unterdrückung der Frau im Islam und ein Zeichen des sog. politischen und radikalen Islams ist. Während zahlreiche Islam- und Religionswissenschaftler, Orientalisten, islamische und auch christliche Theologen bezeugen und bestätigen, dass das Kopftuch für die islamische Frau ein Gebot ist, beharren Politiker und einige wenige Wissenschaftler darauf, dass das Kopftuch politischer Natur ist, ohne sachliche Argumente liefern zu können.

Frau Oestreich zeigt engagiert auf, dass nur heuchlerisch von Muslimen die Integration gefordert ist, aber die Assimilation, d.h. Aufgabe von Kultur, Religion und Identität gemeint ist. Und schließlich von der Politik und Gesellschaft Anreize geschaffen müssen, um die Integration voranzutreiben. Doch die Integration kann nicht durch Verdammung und Ausgrenzung der islamischen Werte, Kultur und Religion stattfinden.

Auch entgegnet sie sehr gekonnt der Behauptung, die Lehrerinnen mit Kopftuch könnten die jungen Schüler beeinflussen. Einmal würden sie die Eltern stärken, die ihren Kindern das Kopftuch aufzwingen und zum Zweiten würde das zu einer indirekten Missionierung der nichtmuslimischen Kinder führen.

Sehr schnell liefert sie Gegenbeweise. In NRW und in Österreich unterrichten schon seit längerem (in NRW seit den frühen Achtzigern und in Österreich seit über 100 Jahren) muslimische Lehrerinnen mit Kopftüchern als Beamte an deutschen bzw. österreichischen Schulen und das mit großem Erfolg. Es ist nicht bekannt, dass Kinder reihenweise oder im Einzelfall zum Islam konvertiert seien. Auch die Eltern der Kinder bestätigen sehr gute Erfahrungen mit diesen Lehrkräften. (Anm. des Rezensenten: Dagegen ist bekannt, dass eine Lehrerin mit Kopftuch in NRW die Eltern von muslimischen Kindern aufgefordert hat, sich mehr in die Gesellschaft zu integrieren und von Kopftuchzwängen gegenüber ihren Töchtern abzusehen, da solch ein Zwang dem Islam widerspricht. Ihre Forderungen untermauerte sie mit Koran- und Hadithzitaten).
Viel eher hat es dazu geführt, dass das Bild der Muslime verbessert wurde und Vorurteile gegenüber Muslimen abgebaut werden konnten. Es wurde dadurch eine Atmosphäre des Dialoges geschaffen, die seinesgleichen sucht.

Interessant ist auch der Vergleich der Rechte der Muslime in anderen EU-Ländern, die kritisch betrachtet und vorgestellt werden. Vor allem das Modell Frankreichs, wo kürzlich ein gänzliches Verbot von religiösen Symbolen eingeführt wurde, unabhängig der Religionszugehörigkeit. Der Niederlanden, wo die Muslime eigene Kindergärten, Schulen und Universitäten betreiben (damit eine Gefahr für eine Parallelgesellschaft besteht) und Österreichs, wo die Muslime an Staatsschulen seit mehr als einem Jahrhundert islamischen Religionsunterricht erteilen und muslimische Lehrerinnen genauso lang mit Kopftüchern unterrichten.

Schließlich entlarvt sie die wahre Gesinnung der Kopftuch-Gegner als eine verdeckte bzw. verkappte klassische Xenophobie (Fremdenfeindlichkeit), die sich vehement gegen einen Dialog und eine objektive kritische Auseinandersetzung mit dem Islam und den Muslimen wehren und stattdessen an ihren Vorurteilen festhalten wollen. Diese Leute quälen sich mit der Angst, dass der Islam das westlich-christliche Abendland durch den Zustrom von weiteren Muslimen, Konversionen von Deutschen zum Islam und die hohen Geburtenrate bei den Muslimen in Europa zerstören werde.

Frau Oestreich hat mit ihrem Buch einen hervorragenden Beitrag zu diesem sehr komplexen Thema und zum Dialog zwischen den Kulturen geleistet und möchte mich, bis auf den kleinen Ausrutscher, den sie sich über die islamische Geschichte geleistet hat, sehr bedanken.

Für alle, die sich über die Zukunft der Muslime in Europa Gedanken machen und mehr über die Kopftuch-Debatte lesen wollen, ist dieses Buch ein unbedingtes Muss und sollte keineswegs an einer reellen oder virtuellen Buchhandlung vorbei gehen, ohne dieses Buch zu bestellen und zu erwerben.
Gut lesbar und kompetent, teilweise etwas unrund
Heide Oestreich beleuchtet das Thema „islamisches Kopftuch" kompetent, intelligent und in lesbarer Sprache von allen Seiten. In mancher Hinsicht erscheint mir das Buch aber etwas unrund:

So präsentiert sie in ihrem Artikel „der Islam" die islamische Lehre in überflüssig flapsiger Form und auf wenigen Seiten aus der Sicht Fatima Mernissis, die zwar Feministin und Soziologin, aber keine Islamwissenschaftlerin ist. Durchaus nicht unumstrittene Thesen der Schleiergegnerin Mernissis über den Frühislam werden als Tatsachen dargestellt - so sei der Schleier ein von Männern zur Kontrolle der durch ihre neuen Rechte rebellisch gewordenen frühislamischen Frauen benutztes Instrument.

Dies widerspricht nun Oestreichs grundsätzlicher Erkenntnis, dass es durchaus einen „islamischen Feminismus" gibt, der den Islam und den freiwillig getragenen Schleier, etwa als frauenbefreienden Protest gegen die sexuelle Ausbeutung der Frau, neu entdeckt und eben jene frauenfeindlichen, vermeintlich unveräußerlichen Bestandteile der islamischen Lehre durch eine kritische Koranlektüre in Frage stellt.

Sie weist darauf hin, dass der Schleier per se nicht frauenunterdrückend sein muß, zumal auch die zwangsweise Entschleierung muslimischer Frauen von Kolonialmächten frauenunterdrückend war und von zahlreichen Musliminnen boykottiert wurde und der Schleier in früheren Zeiten ein Zeichen von Adel, Würde und Reichtum war. Weiterhin kommt sie mit der Soziologin Mihciyazgan zu der Erkenntnis, dass die freiwillige Verhüllung die Abspaltung der (weiblichen) Sexualität, die Verdrängung der Weiblichkeit nach westlichem Vorbild verhindern kann: „Die westliche Frau muß ihre Sexualität entweder zu Markte tragen oder verleugnen, wenn sie ernstgenommen werden will. Die Muslimin verleugnet sie nicht und trägt sie nicht vor sich her, sie verbirgt sie nur" (S. 142).

Oestreich toleriert schleiertragende Frauen und ihre Denkweisen und versucht, sie von dem Stigma der unterdrückten Marionette männlicher Islamisten und Machos zu befreien. Die Behauptung, alle schleiertragenden Musliminnen seien integrationsunwillig und potentielle Verfassungsfeinde, sei reine Panikmache. Etwas nervös scheint sie nur zu werden, wo Musliminnen die Defensivhaltung verlassen und beginnen, die Probleme und Ungereimtheiten der westlichen Lebens- und Denkweise, etwa in Bezug auf das Bild von Frau und Weiblichkeit, aufzuzeigen.

Einen sich mir aufdrängenden Gedanken vermisse ich: Daß hinter der Ächtung gerade gebildeter, "neofeministischer" und integrationswilliger tuchtragender Lehrerinnen nicht die Angst vor einem reaktionären, sondern vielmehr einem beängstigend fortschrittlichen Islam stehen könnte, der sich desorientierten Schülern als alternativer Lebensweg präsentiert.

Ein um sachliche Betrachtung bemühtes Buch, trotz gewisser Schwachstellen ein Muß für jeden direkt oder indirekt Betroffenen.
Heide hat eine Heidenarbeit geleistet!
Der Kopftuchstreit selber ist extrem unübersichtlich. Die bekannten Lager politischen Willens sind kreuz und quer gemischt. Christen, Konservative, Liberale und Sozialisten sind unter Befürwortern uns Skeptikern zu finden. Die einen predigen hier Toleranz, dort verteidigen andere das christliche Abendland, woanders engagieren sich welche sich für die entrechteten und misshandelten Frauen des Orients.
Heide Oestreich gelingt es, in dieses Chaos Struktur zu bringen, die Gruppen, Kreise und Strömungen zuzuordnen, ihre Motive und Gründe auszuleuchten und hält sich dabei zunächst wohltuend mit einer eigenen Positionierung zurück.
Ihre große Kompetenz zeigt sie vor allem auf dem gesellschaftlich-politischen Bereich. Die Darstellung ist dadurch erfreulich detailliert, strukturiert und ohne das in diesem Streit allüberall anzutreffende Pathos.
Grenzen findet sie in der theologischen Dimension des Konflikts, hier könnte weit mehr gesagt werden, als das, was man hier findet. Aber das ist nicht ihr Metier und auch nicht Aufgabe ihres Buches.
Insofern ist dieses Werk in jedem Falle eine warmherzige Empfehlung wert.
Vier Sterne ****

Heidelbaer

Books:

  1. Mythos Attac. Hintergründe, Hoffnungen, Handlungsmöglichkeiten
  2. Zum Beispiel Kurden. 'Kurden haben keine Freunde'. Kurdisches Sprichwort.
  3. Hinter dem 38. Breitengrad. Mit 'Cap Anamur' in Nordkorea
  4. I killed people. Wenn Kinder in den Krieg ziehen
  5. Peripherie und globalisierter Kapitalismus. Zur Kritik der Entwicklungstheorie
  6. Freundschaftsbande und Beziehungskisten. Die Afrikapolitik der DDR und der BRD gegenüber Mosambik
  7. NATO zwischen 11. September und Prager Gipfel
  8. Ausgewählte Werke in Einzelausgaben, Bd.5, Das vollständige Bolivianische Tagebuch
  9. Wir entdecken die Ritterburg. CD. . Wieso? Weshalb? Warum? Lesung
  10. Europa-Handbuch

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