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Aus wilder Wurzel wieder auferstanden
„Wir sind da!" - „Wir", das sind die Juden, die seit Kriegsende dafür gesorgt haben, dass jüdisches Leben in Deutschland - unter welchen Bedingungen auch immer - nicht gänzlich erlosch, was ja alles andere als selbstverständlich war. Denn den etwa 500.000 Juden, die vor Vollstreckung der Schoah in Deutschland lebten, wurde so gründlich der Garaus gemacht, dass das deutsche Judentum nach Kriegsende als sozusagen ausgelöscht betrachtet werden durfte. Und wenn sich im Mai 1945 immer noch eine ziemliche Anzahl Juden in Deutschland befand, so waren es meistenteils noch rechtzeitig gerettete Insassen von Konzentrationslagern, die erst einmal da hingen blieben, wo sie gerade waren, und das war nun einmal in Deutschland. Die weitaus meisten von ihnen waren keine deutschen, sondern osteuropäische, jiddisch sprechende Juden, die in Lagern für DPs (Displaced Persons) ihr Leben weiterfristeten, auf gepackten Koffern saßen und auf ihre Auswanderung entweder nach Israel oder in die USA warteten. Was in den nachfolgenden Jahren auch weitgehend geschah. Bis auf einige Überreste - eben die Keimzelle des - je nach Blickwinkel - verbliebenen oder neu entstehenden deutschen Judentums. Dass es für die Betreffenden alles andere als einfach war, ausgerechnet im Land der Täter eine neue Existenz zu gründen, bekamen sie u.a. an den meist ablehnenden Reaktionen der Juden in der übrigen Welt zu spüren. Die oftmals verpatzte Gelegenheit, die zahlreichen, auf freiem Fuß verbliebenen Täter zur Rechenschaft zu ziehen, tat ein Übriges dazu, das Experiment als fragwürdig erscheinen zu lassen. Ob es sich bei einer Jüdischen Gemeinde in Deutschland um ein länger andauerndes Provisorium oder um einen längerfristigen Fakt handelte, blieb so einige Jahrzehnte in der Schwebe. Bis spätestens bei der Wende und der Wiedervereinigung klar wurde, dass sich in Deutschland eine Jüdische Gemeinde nicht nur auf Dauer wieder etabliert hat, sondern auch noch kräftig zuwächst, seitdem russische Juden massiv nach Deutschland einwandern. Vor allem ihnen ist es zu verdanken, dass bis zur Jahrtausendwende die Zahl der Juden in Deutschland wieder auf etwa 80 000 angewachsen ist - Tendenz steigend. Dies in groben Zügen „Die Geschichte der Juden in Deutschland von 1945 bis heute", wie es im Untertitel des Buches von Richard Chaim Schneider heißt. Das Werk besteht aus zwei ungleichen Teilen : zunächst aus einer etwa 50seitigen Einführung, die die Geschichte der Juden in Deutschland seit 1945 umreißt, dann, auf 450 Seiten, aus 34 Interviews von jüdischen Zeitzeugen, die sich in der einen oder anderen Weise zu einem der verschiedenen, in der Einleitung dargelegten Themenkomplexe äußern. So lässt sich das facettenreiche Leben von Juden seit Kriegsende nicht nur in Westdeutschland, sondern erfreulicherweise auch in der DDR zurückverfolgen, wo das Judentum zuletzt ein kümmerliches Schattendasein führte, ohne jedoch vollkommen ausgerottet worden zu sein. Wie die Wiedervereinigung aus jüdischer Perspektive verlief und welche Aussichten sich der stark zuwachsenden Jüdischen Gemeinde in Deutschland bieten bis hin zur Holocaust-Mahnmal-Debatte, dies alles spiegelt sich in den verschiedenen, manchmal kontroversen Interviews wider. Natürlich sind all die Gespräche, je nach Interessenlage, nicht gleich spannend. Einige jedoch - so die mit Ralph Giordano, Salomea Genin oder Vincent von Wroblewsky - sind wohl für jeden und unter allen Umständen lesenswert. Am Ende hat man den Eindruck, nicht nur ein Stück jüdischer Geschichte, sondern ein Stück deutscher Geschichte hautnah erlebt bzw. wieder erlebt zu haben. Kurzum : ein sehr empfehlenswertes Buch, auch und vielleicht ausgerechnet für Nichtjuden.
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