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Irreführender Titel
Der Titel ist irreführend: Dies ist weniger ein Buch über Ulrike Meinhof (die lediglich mit Auszügen aus ihren "konkret"-Kolumnen zu Wort kommt) als ein kurzer Abriss der Nachkriegs-BRD und ihrer Missstände, die zur Entstehung der APO und den 68er-Unruhen führten, und der anschließenden Radikalisierung eines Teils der linken Gegenbewegung. Brückners Ausführungen, als stellenweise "abstrakt" zu bezeichnen, ist noch geschmeichelt - sie sind nicht nur in einer zunehmend schwerer zugänglichen Akademikersprache abgefasst, sondern, trotz allen Informationsgehalts, bisweilen auch repetetiv und ermüdend.
Brückners Standpunkt ist unzweideutig links (das Buch erscheint nicht ohne Grund im Wagenbach-Verlag), aber anders als manche Steinzeitgenossen weiß er einen Unterschied zwischen einem autoritär überreagierenden Staat (Isolationshaft, Radikalenerlass) und einer "neofaschistischen BRD" (O-Ton Peter Chotjewitz) zu machen. Dennoch erhielt auch Brückner, Professor der Psychologie in Hannover, zeitweise Lehrverbot.
Der interessanteste Teil ist meines Erachtens das von Klaus Wagenbach zur 2001er Neuausgabe erschienene Nachwort zur Entstehung des Buchs (1976), in dem er u.a. einen Brief von Gudrun Ensslin abdruckt. Ensslin (bereits in Haft) droht unverhohlen mit Konsequenzen, falls das zu diesem Zeitpunkt noch in Drucklegung befindliche Buch erscheinen sollte. Ein trauriger Beleg dafür, wie weit sich zu diesem Zeitpunkt die RAF von ihren Wurzeln entfernt hatte.
Wer mehr über Ulrike Meinhof erfahren möchte, dem seien ihre ebenfalls beiWagenbach erschienen Sammlungen von "konkret"-Kolumnen und Mario Krebs' lesenswerte Biografie (bei Rowohlt) empfohlen.
Eine andere Geschichte der BRD
Vor dem Hintergrund der politischen Geschehnisse in der Bundesrepublik von ihrer Gründung bis in die siebziger Jahre hinein skizziert Peter Brückner das Denken Ulrike Meinhofs, wie es sich in ihren konkret-Kolummnen und den späteren RAF-Texten darstellt. Es geligt ihm auf diese Weise, eine andere Geschichte der Bundesrepublik zu schreiben: die Kehrseite von Wirtschaftswunder, Aufstieg und Rehabilitierung einer Gesellschaft, die nach der Nazidiktatur zu schnell zur Tagesordnung übergeht und ihre eigenen demokratischen Grundlagen wieder und wieder gefährdet. Ob Wiederbewaffnung, Notstandsgesetze oder Vietnamkrieg - dem Leser wird deutlich, warum eine Generation gegen die Politik ihres Landes aufbegehrte.
Das Buch ist faszinierend geschrieben für die, welche sich bereits ein wenig mit der Geschichte der BRD und dem Denken der 70er Jahre beschäftigt haben. Teilweise bewegt es sich dabei allerdings auf sehr abstraktem Niveau.
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