Mit Ballschuhen im sibirischen Schnee

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Authors: Sandra Kalniete, Matthias Knoll
Catalog: Book
Media: Gebundene Ausgabe
Release Date: Februar 2005
Publisher: Herbig
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Customer Review:
Historischer Perspektivenwechsel
„Mit Ballschuhen im sibirischen Schnee" ist ein grandioses Buch, um aus einer anderen Perspektive heraus nicht nur die Geschichte Europas in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts besser zu verstehen, sondern auch zu begreifen, wie nachhaltig sich historische Ereignisse auf Biographien von Menschen auswirken.
Die lettische Außenministerin Sandra Kalniete vermittelt mit der „Geschichte meiner Familie" einen sehr persönlichen Eindruck von der Lebenswirklichkeit in Lettland und in Sibirien. So vermischen sich in der Konsequenz eines solchen Werkes persönliche Eindrücke, erzählte Geschichten von Angehörigen und die subjektive Bewertungen.
Letzten Endes vermag die Autorin aber einen im wahrsten Sinne des Wortes „unter die Haut gehenden" Eindruck von den Erfahrungen ihrer Familienangehörigen zu vermitteln.
Hierzu sind auch die Fotographien der Vorfahren von Frau Kalniete zu Beginn des Buches sehr hilfreich. Auch wenn die Anordnung der Bilder der üblichen Verfahrensweise zur Aufstellung eines Genogramms oder Stammbaums nicht entspricht, kann man doch immer wieder auf diese Darstellung zurückgreifen. Nur so lassen sich die für Mitteleuropäer nicht immer leicht zugänglichen Namensgebungen auf bestimmte Personen beziehen.
Überhaupt wird man in diesem Buch viel blättern müssen; allein schon aufgrund der über 280, durchaus aber wichtigen Anmerkungen im hinteren Teil des Buches. Ebenso wird man immer wieder zur Orientierung auf die Karte der Buchinnenseiten zurückgreifen, welche die GULAG (Internierungslager) auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion zeigen. Leider ist diese Karte nicht übersetzt worden und auch eine Karte des heutigen Lettlands fehlt. Dies hätte so manchem Leser, der das Baltikum nicht kennt, eine große Hilfe sein können.
Wie persönliche und weltpolitische Geschehnisse miteinander verwoben sind, wird im letzten Teil des Buches deutlich, wo familiäre und „Historische politische Ereignisse" von 1878 bis 1994 gegenüber gestellt werden.
Die Ausführungen von Sandra Kalniete selbst sind äußerst beeindruckend, vermitteln sie doch ein sehr alltagsnahes, realistisches Bild des Lebens unter den Bedingungen der Okkupation und Gefangenschaft. Okkupation meint hier nicht nur die Besatzung durch die Nationalsozialisten, sondern auch diejenige durch die UdSSR. Die Lebens- bzw. Sterbensumstände in sowjetischen Gefängnissen und Lagern (insbesondere von ihren Großeltern) beschreibt Frau Kalniete so eindrucksvoll, dass es schwer fällt, die Lektüre an manchen Stellen fortzuführen. Auch wenn Kalnietes Eltern 1957 wieder nach Lettland mit ihrer Tochter zurückkehren, die Narben und Erinnerungen des Schicksals dieser Familie bleiben haften. Die Erzählweise von Sandra Kalniete ist sehr persönlich und der Bezug einmal auf die väterliche, dann wieder auf die mütterliche Herkunftsfamilie macht die Lektüre manchmal schwierig.
Dennoch hält man ein fesselndes, zum Teil unfassbares Buch in den Händen. Wer Osteuropa verstehen und den europäischen Einigungsprozess von seiner Notwendigkeit her betrachten will, der wird dankbar sein für dieses, mit persönlichen, geschichtlichen und statistischen Daten reichlich gefüllte Buch. Die Übersetzung hierzu ist im übrigen - auch aufgrund des mit über 350 Seiten großen Umfangs - sehr gelungen und bringt einem das Lettische so sehr nahe.
Ein Buch für Deutsche, Letten, Russen und alle, denen die Vergangenheit mehr bedeutet, als zu vergessen, was nicht verdrängt werden darf.

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