Customer Review:
pro: kompakte Info - contra: Schulaufsatz-Sprache
Das Buch liest sich recht flüssig, was allerdings eher der Fülle an interessanten geschichtlichen Fakten geschuldet ist denn sprachlicher Finesse. Darin findet sich ein deutliches Manko: holprige Überleitungen, abrupte Abschlüsse am Ende eines Kapitels, hier und da subjektive und oberflächliche Schlussfolgerungen (die zwar nicht wirklich verfälschen aber dennoch störend wirken), sowie unelegante und sich wiederholende Formulierungen - das alles raubt der Geschichte Allendes ihren Charme. Darüber hinaus scheint es, der Autor habe sich nie ganz in die Thematik hineinfühlen können und dies mit einer Anhäufung von Daten und Informationen zu kompensieren versucht. Zumindest davon kann man profitieren!
Leben und Leid einer "politischen" Familie
Ein gut zu lesendes und gut recherchiertes Buch. Der Autor hat sich den Dingen weniger aus politischem Blickwinkel genähert, sondern widmet sich den Personen der weitverzweigten Familie Allende, den Vorfahren Salvador Allendes, ihm selbst (und seiner politischen Entwicklung) sowie den Angehörigen, die mit und nach Salvador Allende die staatliche Entwicklung Chiles erlebten und erlitten. Der Blick des Autors macht damit diese Entwicklung menschlich spürbar und nimmt so der Darstellung der Hintergründe die Sperrigkeit, die oft Büchern über politische Zusammenhänge anhängt. Empfehlenswert - wenngleich gelegentliche Wiederholungen auf ein etwas "luschiges" Lektorat schließen lassen und sich der Abschnitt über die Schriftstellerin Isabel Allende eher liest wie eine Darstellung ihrer Bücher (mit jeweils kurzer Inhaltsangabe). Der Lesefreude tut das aber kaum Abbruch.
Gut geschilderte Geschichte einer interessanten Familie
Wer Familiengeschichten mag, wird auch diese mögen. Wem "Das Geisterhaus" gefallen hat, wird auch die Möglichkeit zusagen, ein Buch über die (vor allem jüngere) Geschichte Chiles zu lesen, in dem die Namen der wichtigsten Orte und Personen auch genannt werden - der des idealistischen Präsidenten Salvador Allende, der sich das Leben nahm, als die Militätärs, die kurz später die Macht übernahmen, 1973 seinen Präsidentenpalast, die Moneda, stürmten; der des berühmten Dichters Pablo Neruda, der den Putsch nur wenige Tage überlebte; und die zahlreichen Namen der Familie, die untrennbar mit der tragischen Geschichte nicht nur des Präsidenten, sondern auch der des ganzen Landes verbunden sind.
Nicht ganz so unmittelbar, aber in jedem Fall durch ihren Namen, ist die Autorin Isabel Allende ebenfalls mit den Geschehnissen von 1973 verbunden - dieses Buch erzählt, spannend aber niemals trivialisierend, die Geschichte dieser weit verstreuten, beeindruckenden Familie.
Günter Wessel verzichtet auf Klischees und hat keine Angst, auch zu kritisieren - diese Geschichte ist einfach berührend und wird auch noch lange berühren, und sie ist hier wunderbar erzählt.
Books: