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entscheidende Grenzen wahren
Die reflexive Modernisierung ist der Ansatz des Münchener Soziologen Ulrich Beck zur Beschreibung des zweiten Anlaufs der Moderne, den er „zweite Moderne" zu nennt. Zum Inhalt der Termini „reflexive Modernisierung" und „zweite Moderne" lernt der Leser dieses Sammelbandes viel. Es fällt insbesondere auf, wie breit gefächert die Phänomene sind, welche die Moderne reformiert haben. Dies ist nämlich ein Resultat des Sonderforschungsbereichs „Reflexive Modernisierung", den die Deutsche Forschungsgemeinschaft seit 1999 vorantreibt, und aus dem dieser Sammelband hervorgegangen ist: Es wurde dadurch klar, dass die Fortentwicklung der Moderne in eine zweite Phase mit klar definierten und völlig eigenen Merkmalen eingegangen ist. Diese zweite Phase (eben die „zweite Moderne" ist nicht nur der Soziologen-Zunft um Ulrich Beck sondern etwa auch Psychologen und Politikwissenschaftlern aufgefallen.
Ein Hauptmerkmal der zweiten Moderne ist die Verwischung der Grenzen (Stichwort: Entgrenzung): Krieg und Friede, nationale Souveränität und kolonialähnliche Abhängigkeit, Emanzipation und Bevormundung seien nicht mehr als Gegensatzpaare zu verstehen. Dies hat die Gesellschaft elementar verändert.
Die Verwischung der Grenzen führt zu größeren Entscheidungsspielräumen und damit auch -zwängen. Alte Normen, Vorgaben, Lebensformen und Selbstverständlichkeiten fallen weg. Man muss in Politik, Ökonomie, interpersonellen Beziehungen Grenzen neu ziehen, während man früher von Selbstverständlichkeiten ausgegangen wurde: Die Staaten gingen davon aus, dass andere Staaten sich nicht in ihre internen Angelegenheiten einmischen; ein Unternehmer hatte Angestellte und mehr Geld, ein Angestellter weniger Geld, dafür aber einen ruhigeren Schlaf; die Ehe galt als verhältnismäßig feste Bindung. Nichts davon ist mehr der Fall: Einmischungen in interne Angelegenheiten aus humanitären Gründen treten immer mehr an die Tagesordnung der internationalen Politik; ein Unternehmer kann sein einziger Angestellter sein und trotz Angestellten-Bezüge einen unruhigen Unternehmers-Schlaf haben; die Ehe ist ein Faktor der Verunsicherung - sie stellt nicht erst Sicherheit her.
Die einzelnen Beiträge des Sammelbandes beschäftigen sich jeweils mit einem Themengeflecht der zweiten Moderne: Viehöver u.a., May und Sellmeier beschäftigen sich mit dem zeitgenössischen Stand der Theorie und Praxis um Sterbehilfe und Humangenetik. Bei Kratzer und in zwei Texten von Bonß u.a. kann man beobachten, wie früher als abweichend geltende Beschäftigungsformen jetzt zum Normalfall geworden sind. Eine Aufweichung der Grenzen zwischen „gedopt" und „clean" bzw. zwischen Genfood und natürlicher Ernährung stellen außerdem Viehöver und andere fest. Bei Böhle u.a. kommt der neue, gehobene Stellenwert des praktischen (Erfahrungs) -Wissens zur Sprache. Auf zunehmende Risiken und Handlungsspielräume, die auf persönliche Entscheidungen drängen macht außerdem Bonß u.a. in einem seiner Texte aufmerksam. Neue Facetten der Arbeit und des Umgangs mit Geld sowie die damit verbundenen Risiko- und Entscheidungsspielräume werden von Bonß/Kesselring/Weiß, von Hacket u.a., von Almendinger u.a. sowie von Kratzer u.a. erörtert. Die Politik in der zweiten Moderne beschäftigt Heidling u.a., Grande, Kriesi/Grande und selbstverständlich den Herausgeber Ulrich Beck samt seinen jeweiligen Mitautoren in mehreren Beiträgen.
Die Sprache des Bandes ist auch für nicht spezialisierte, soziologisch interessierte Personen verständlich. Trotz des oft technischen Vokabulars hat nämlich die Sprache nicht die schwerverdauliche Vielsilbigkeit von Habermas, geschweige denn dass sie nebulos wäre. Im Gegenteil werden in diesem Band Vorgänge vorgestellt und soziologisch erläutert, die man aus dem Alltag bereits kennt. Kein Hineininterpretieren aus einer höheren Sicht ist also hier der Fall. Rechnen muss man allerdings mit einem Mehr-als-gewöhnlich an Soziologen-Fachjargon. Die Aktualität der beschriebenen Phänomene ist dafür sehr hoch. Angenehm ist auch der ständige Wechsel des Blickwinkels von Beitrag zu Beitrag. Wer gerne die Kolumnen Ulrich Becks und die Bücher Anthony Giddens' liest, sollte das Buch kennen lernen. Ebenso wer das letzte Wort in der Globalisierungsdebatte kennen lernen möchte.
Insgesamt eine äußerst lohnende Lektüre für alle, welche die Auseinandersetzung mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen wagen wollen und damit über die persönlichen Grenzen hinaus Entscheidungen zu fällen pflegen.
entscheidende Grenzen wahren
Die reflexive Modernisierung ist der Ansatz des Münchener Soziologen Ulrich Beck zur Beschreibung des zweiten Anlaufs der Moderne, den er „zweite Moderne" zu nennt. Zum Inhalt der Termini „reflexive Modernisierung" und „zweite Moderne" lernt der Leser dieses Sammelbandes viel. Es fällt insbesondere auf, wie breit gefächert die Phänomene sind, welche die Moderne reformiert haben. Dies ist nämlich ein Resultat des Sonderforschungsbereichs „Reflexive Modernisierung", den die Deutsche Forschungsgemeinschaft seit 1999 vorantreibt, und aus dem dieser Sammelband hervorgegangen ist: Es wurde dadurch klar, dass die Fortentwicklung der Moderne in eine zweite Phase mit klar definierten und völlig eigenen Merkmalen eingegangen ist. Diese zweite Phase (eben die „zweite Moderne" ist nicht nur der Soziologen-Zunft um Ulrich Beck sondern etwa auch Psychologen und Politikwissenschaftlern aufgefallen.
Ein Hauptmerkmal der zweiten Moderne ist die Verwischung der Grenzen (Stichwort: Entgrenzung): Krieg und Friede, nationale Souveränität und kolonialähnliche Abhängigkeit, Emanzipation und Bevormundung seien nicht mehr als Gegensatzpaare zu verstehen. Dies hat die Gesellschaft elementar verändert.
Die Verwischung der Grenzen führt zu größeren Entscheidungsspielräumen und damit auch -zwängen. Alte Normen, Vorgaben, Lebensformen und Selbstverständlichkeiten fallen weg. Man muss in Politik, Ökonomie, interpersonellen Beziehungen Grenzen neu ziehen, während man früher von Selbstverständlichkeiten ausgegangen wurde: Die Staaten gingen davon aus, dass andere Staaten sich nicht in ihre internen Angelegenheiten einmischen; ein Unternehmer hatte Angestellte und mehr Geld, ein Angestellter weniger Geld, dafür aber einen ruhigeren Schlaf; die Ehe galt als verhältnismäßig feste Bindung. Nichts davon ist mehr der Fall: Einmischungen in interne Angelegenheiten aus humanitären Gründen treten immer mehr an die Tagesordnung der internationalen Politik; ein Unternehmer kann sein einziger Angestellter sein und trotz Angestellten-Bezüge einen unruhigen Unternehmers-Schlaf haben; die Ehe ist ein Faktor der Verunsicherung - sie stellt nicht erst Sicherheit her.
Die einzelnen Beiträge des Sammelbandes beschäftigen sich jeweils mit einem Themengeflecht der zweiten Moderne: Viehöver u.a., May und Sellmeier beschäftigen sich mit dem zeitgenössischen Stand der Theorie und Praxis um Sterbehilfe und Humangenetik. Bei Kratzer und in zwei Texten von Bonß u.a. kann man beobachten, wie früher als abweichend geltende Beschäftigungsformen jetzt zum Normalfall geworden sind. Eine Aufweichung der Grenzen zwischen „gedopt" und „clean" bzw. zwischen Genfood und natürlicher Ernährung stellen außerdem Viehöver und andere fest. Bei Böhle u.a. kommt der neue, gehobene Stellenwert des praktischen (Erfahrungs) -Wissens zur Sprache. Auf zunehmende Risiken und Handlungsspielräume, die auf persönliche Entscheidungen drängen macht außerdem Bonß u.a. in einem seiner Texte aufmerksam. Neue Facetten der Arbeit und des Umgangs mit Geld sowie die damit verbundenen Risiko- und Entscheidungsspielräume werden von Bonß/Kesselring/Weiß, von Hacket u.a., von Almendinger u.a. sowie von Kratzer u.a. erörtert. Die Politik in der zweiten Moderne beschäftigt Heidling u.a., Grande, Kriesi/Grande und selbstverständlich den Herausgeber Ulrich Beck samt seinen jeweiligen Mitautoren in mehreren Beiträgen.
Die Sprache des Bandes ist auch für nicht spezialisierte, soziologisch interessierte Personen verständlich. Trotz des oft technischen Vokabulars hat nämlich die Sprache nicht die schwerverdauliche Vielsilbigkeit von Habermas, geschweige denn dass sie nebulos wäre. Im Gegenteil werden in diesem Band Vorgänge vorgestellt und soziologisch erläutert, die man aus dem Alltag bereits kennt. Kein Hineininterpretieren aus einer höheren Sicht ist also hier der Fall. Rechnen muss man allerdings mit einem Mehr-als-gewöhnlich an Soziologen-Fachjargon. Die Aktualität der beschriebenen Phänomene ist dafür sehr hoch. Angenehm ist auch der ständige Wechsel des Blickwinkels von Beitrag zu Beitrag. Wer gerne die Kolumnen Ulrich Becks und die Bücher Anthony Giddens' liest, sollte das Buch kennen lernen. Ebenso wer das letzte Wort in der Globalisierungsdebatte kennen lernen möchte.
Insgesamt eine äußerst lohnende Lektüre für alle, welche die Auseinandersetzung mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen wagen wollen und damit über die persönlichen Grenzen hinaus Entscheidungen zu fällen pflegen.
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