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Gewidmed den Opfern
In weiten Teilen unseres Planeten ist das System der kapitalistischen Warenproduktion faktisch zusammengebrochen. Die dort lebenden Menschen sind vom Standpunkt der Kapitallogik »abgeschrieben«, bestreiten ihren Lebensunterhalt mehr schlecht als recht mittels noch vorhandener Reste vormoderner Subsistenzwirtschaft oder aber innerhalb von Strukturen der organisierten Kriminalität. Staatliche Institutionen lösen sich auf oder geraten in die Hände mafiöser Clans. Soziale Netze zerreißen. Hilfsgüter karitativer Organisationen erreichen nur in seltenen Fällen die unmittelbar Bedürftigen. Ein Zuzug von verarmten und entwurzelten Bevölkerungsteilen der Peripherie in die Metropolen wird von deren staatlichen Institutionen rigoros unterbunden und gelingt nur den wenigsten Menschen. Die Hoffnungslosigkeit der »abgeschriebenen« Regionen bringt ein Klima der allgemeinen moralischen Verwilderung und der Verwahrlosung der Sitten hervor. Auf den Zusammenbruch der Ökonomie der Warenproduktion folgt die Plünderungsökonomie.
So schildert jedenfalls Robert Kurz, der sich als Autor seit Jahrzehnten mit der Kritik des warenproduzierenden Systems der Moderne und als Dokumentarist der zunehmenden Krisenerscheinungen dieses Systems einen Namen gemacht hat, in seinem im Jahre 2003 erschienenen Buch »Weltordnungskrieg« die reale Weltunordnung. Die permanenten Kriege an der Peripherie des kapitalistischen Wirtschaftssystems mitsamt ihren barbarischen Massakern sind für ihn nicht plötzlich aus dem Nichts aufgetauchte Reste vormoderner Gesellschaften, sondern er erklärt sie als originäre Produkte des kapitalistischen Systems. Und die vielerorts aufflammenden Ethno-Auseinandersetzungen führen nach seiner Argumentation nicht zu neuen Staatsbildungen, sondern sind Entstaatlichungskriege. Denn mangels funktionierender Wirtschaft verliert der Staat seine Existenzberechtigung und löst sich unter blutigen Exzessen in seine Bestandteile auf. Übrig bleiben mafiotische Clanstrukturen, religiös-fundamentalistische Bewegungen jeglichen Couleurs und regionale Ethno-Milizen samt Anhang.
Den Versuch, mit militärischer Gewalt gegen solche Staatszerfallsprodukte vorzugehen (zum Beispiel in Afghanistan), vergleicht Robert Kurz mit einem Panzernashorn, das gegen die eigenen Darmbakterien kämpfen - und gewinnen - will. Denn die »Weltordnungskriege« der USA können in den betroffenen Regionen eben keine »normal funktionierende« Warenproduktion mehr herstellen. Nach Abzug der Besatzer bleibt ein zertrümmertes Land mit einer demoralisierten Bevölkerung - Spielwiese für die nächste Generation bewaffneter Monstren.
Das Militär der verbliebenen Weltmacht USA greift bar jeglicher Legitimität dennoch überall dort ein, wo sie »ihre Interessen« in Gefahr sieht. Am Beispiel der jüngsten »Weltordnungskriege« schildert der Autor, wie wahllos die Bevölkerung ganzer Städte zusammengebombt, Gefangene zu Tausenden massakriert und militärische Zweckbündnisse mit den monströsesten Gruppierungen blutbesudelter Warlords geschlossen wurden. Sein Fazit ist, daß »der demokratische Gesamtimperialismus weitaus mehr Menschenleben auf dem Gewissen (hat) als sämtliche Warlords, Gotteskrieger, Neonazis und Selbstmordattentäter zusammengenommen«.
Das Buch endet mit einem Ausblick auf den - damals - nächsten Weltordnungkrieg gegen den Irak, wo es wieder nicht um Demokratie und Menschenrechte, sondern um Öl ging. Nach dem Zusammenbruch der New Economy hofften die Gesundbeter der Marktwirtschaft auf einen Wirtschaftsboom infolge drastischer Senkung der Erdölpreise. Aus einem von US-Truppen besetzten Irak könnten die größten Erdölvorräte der Welt zu einem Spottpreis in die USA fließen. Kurz erklärte das schon damals für eine Fehlkalkulation - und die aktuelle Entwicklung gab ihm recht: Seit dem militärischen Sieg über die Reste der irakischen Armee ist das US-Militär zu einem Dauereinsatz in der Golfregion gezwungen. Folge des Krieges war eine »gesamtarabische Haßguerilla gegen Fördereinrichtungen und Transportwege des billigen Öls«. Der militärische Dauerkonflikt in der Golfregion war es, der die Erdölpreise ins Uferlose steigen ließ.
Robert Kurz widmet sein Buch »Den namenlosen Opfern der demokratischen Bombergemeinschaft und des ökonomischen Terrors«. Schärfer kann eine Anklage gegen die moderne Weltwirtschaftsordnung nicht formuliert werden.
gb.
Mein bisher bestes Sachbuch. Ein absolutes Muss!
Robert Kurz analisiert detailiert unser Wirtschafts- und Politsystem und weist gezielt auf Schwachstellen hin. Nach dieser Lektüre kann ich viele eigentliche zusammenhanglose Informationen in der Zeitung besser zuordnen und langsam verstehe ich es auch.
Robert Kurz zeigt die grenzen des Wachstums klar auf und er geht im Detail daraufhin, weshalb das heutige System unmöglich so weiter existieren kann wie bisher. Er zeigt die Risse im System auf macht gute Bespiele betrefend den Drittweltländern und den rechtslosen Gebiete in den Weltstädten. Wem die Thesen von Robert Kurz nicht gefallen sollte sie widerlegen und nicht einfach nur kritisieren.
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