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Wir waren noch einmal davongekommen
Anmut und Würde
Kaum denkbar, dass jemand das Buch von Wolf Jobst Siedler "Wir waren noch einmal davongekommen" (Siedler-Verlag) aus der Hand legt, ohne sich vielfach bereichert zu fühlen. Ich war verblüfft über den Kunst- und Sachverstand in den Erinnerungen, mit denen der 1926 geborene Publizist Wolf Jobst Siedler auf verschiedenen Feldern wie Architektur, Literatur, Malerei, Bildhauerei, Philosophie und Geschichte seine Leserinnen und Leser analytisch und doch anmutig erzählend unterhält.
Nach einem „frei schwebenden Studium" der Literatur, Theologie und Philosophie hat Siedler seine Erfahrungen als Sekretär des „Kongresses für die kulturelle Freiheit" ab 1953, mit 29 Jahren als Leiter des Feuilletons des „Tagesspiegels", 17 Jahre lang als Leiter der Verlage Ullstein und Propyläen und in dem von ihm gegründeten Siedler-Verlag gewonnen.
21-jährig kehrt Siedler aus der Kriegsgefangenschaft 1947 in die in Trümmern liegende Viermächtestadt Berlin zurück. Mit der Faszination seiner Persönlichkeit und als Lenker der erwähnten namhaften Verlage gelingt es dem Homme de Lettres in seinen Erinnerungen die bedeutendsten Persönlichkeiten seiner Zeit kennen zu lernen und, unterstützt von Fotografien, sprachmächtig ihre Eigenarten und Ziele lebendiger vor Augen zu führen, als das Nachschlagewerke vermögen.
So entsteht eine Revue berühmter Dichter, wie zum Beispiel Thomas und Heinrich Mann, Gerhart Hauptmann, Gottfried Benn, Bertolt Brecht, Johannes R. Becher, Anna Seghers, Ernst Jünger, Alfred Döblin, Robert Musil, Heimito von Doderer, Ricarda Huch, Heinrich Böll, Günter Grass, Martin Walser, Uwe Johnson, der Gruppe 47 und herausragender amerikanischer, französischer, italienischer und russischer Poeten,
ein Überblick über Epoche machende Architektur, Malerei und Bildhauerei mit Namen wie Karl Friedrich Schinkel, Walter und Martin Gropius, Mies van der Rohe, Ludwig Hilberseimer, Wassily Luckhardt, Albert Speer, Hans Scharoun, Ernst Ludwig Kirchner, Max Liebermann, Max Pechstein, Karl Schmidt-Rottluff, Pablo Picasso, Henri Matisse, Waldemar Grzimek, Gerhard Marcks, Ludwig Kasper,
ein Who is who großer Politiker wie Konrad Adenauer, Willy Brandt, Carlo Schmidt, Helmut Schmidt, Richard von Weizsäcker, Bruno Kreisky und Winston Churchill.
Streiflichter werden auf bedeutende Historiker, Philosophen und Soziologen gerichtet, beispielsweise Franz Altheim, Golo Mann, Joachim Fest, Martin Heidegger, Martin Buber, Karl Jaspers, Theodor W. Adorno, Hannah Arendt und Ernst Niekisch,
und schließlich präsentieren die Erinnerungen ein Bild namhafter Publizisten, Literaturkritiker und Verleger, die Zeitgenossen Siedlers waren, wie zum Beispiel Walter Dirks, Julius Elias, Ernst Rowohlt, Kurt Wolff, Gustav Kiepenheuer, Johannes Gross, Joachim Kaiser, Alfred Kerr, Melvin Lasky, Friedrich Luft und Marcel Reich-Ranicki.
Dass die Erinnerungen Siedlers sich auch auf Berühmtheiten des Theaters und der Musikszene erstrecken, versteht sich von selbst. Auch hier bewährt sich sein feinsinniger Kunstverstand mit Ausnahme einer längeren Kritik, die sich auf das von Marlene Dietrich vorgetragene Chanson "Sag mir, wo die Blumen sind" bezieht. Siedler meint: „Musikalisch formuliert es die Klage über die Vergänglichkeit, und seine Trauer ist von so banaler Allgemeinheit, dass es gar nicht merkt, den Krieg zu einer natürlichen Sache gemacht zu haben. Man tanzt die Sentimentalität." Was jedoch dieses Lied anklagt, ist die Tatsache, dass die gefallenen Soldaten für ebenso natürlich hingenommen werden wie Blumen pflückende Mädchen. „Und über Gräbern weht der Wind": Das schockiert in dem nur scheinbar natürlich wirkenden Kontext und löst Betroffenheit aus.
Ich bin mir aber sicher, die Lesenden werden sich den weitaus meisten Argumenten Siedlers anschließen und sich von seinen Assoziationen tragen lassen, die Respekt und Taktgefühl auch dort beweisen, wo sie kritisch sind.
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