Customer Review:
eines der schönsten Bücher über Deutschlands Medien
ich habe dieses Buch inzwischen mehrfach verschenkt, an im Medienbereich tätige Kollegen, politisch Interessierte, weil ich es selbst in kürzester Zeit regelrecht "gefressen" habe (fast wie Robinson Crusoe vor ca. 40 Jahren).
Tolle, irgendwie eben doch "gelernte, aber auch gelebte" Sprache, eine beeindruckende Lebenssouveränität.
Mit jeder Seite wächst die ganz private Hoffnung, daß die neue Zeit der "Privaten" die Kraft der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten nicht doch noch grausig brechen wird, aber auch die Bedeutung der so wichtigen transnationalen Printmedien (wie beispielweise der SZ) mittelfristig schon alleine aus Qualitätsgründen erhalten bleibt, aber eben nicht nur als Agentur-Multiplikator.
Gaus als philanthropischer Medienmacher, der immer zeigte, wie sehr viel Respekt er sowohl seinen Leser/inne/n als auch aber seinen Gästen, Gegenübern entgegenbrachte - z.B. wunderschöne, sehr, sehr senible Wehner-Schilderungen, und unsagbar angenehm, einmal keinerlei Enthüllungen.
Ich habe in diesem Buch zeitweise bespielsweise mehr von dem Übergang der Großen Koalition zur SPD-FDP-Ära verstanden, als in den letzten 25 Jahren (inkl. entsprechendem Politikwissenschaftsstudium).
Unprätenziös bis hin zum sehr beeindruckenden Nachwort seiner Tochter.
Dieses Buch bekommen alle Menschen in meiner Umgebung, die's wert sind - und meine Kinder, die ansonsten konfrontiert mit Radio Energy und weiteren sprachlichen Hohlblocksteinen heute nur mehr selten, mit derartiger journalistischer Sprache in Berührung kommen.
Diesem Journalisten habe ich ehemals schon stundenlang zuhören können - deshalb der einzige Nachteil diese Buches:
- es ist irgendwann zu Ende
-und die traurige er Erkenntnis: da kommt nix mehr.
Ich glaube, ich lege mir ein Gaus-Buch als Reserve in den Schrank, für ev. einmal überraschend eintreffenden Besuch, der's eben auch verdient hat.
Bericht eines Zeitzeugen: authentisch, spannend, informativ
Um es vorweg zu nehmen: die Lektüre der "Widersprüche" von Günter Gaus ist anstrengend; es ist kein Krimi (aber so spannend), kein Lehrbuch der Geschichte (aber mindestens so inhaltsreich), kein Roman (aber voller Weisheit) und natürlich brillant formuliert und unbestechlich wiedergegeben! Worum also geht es? Es geht um ein Stück gelebter -und sicher auch mit gestalteter - deutscher Geschichte, erzählt anhand des Lebenslaufes des "dienstältesten TV-Interviewers der Welt", der in Sendungen wie "zur Person" oder "zu Protokoll" bis kurz vor seinem Tod zu Beginn des Jahres 2004 (fast) alle wichtigen Politiker Deutschlands befragt hat, wohl vorbereitet und tiefschürfend. Günter Gaus berichtet aus seinem Leben als Journalist und Chefradakteur großer Zeitungen (Süddeutsche, Spiegel) und Rundfunkanstalten. Seine Krankheit nahm ihm den Stift aus der Hand, noch ehe er uns seine Erinnerungen als erster Leiter der "Ständigen Vertretung" der Bundesrepublik in der damaligen DDR schildern konnte.
Ich glaube, daß dieses Buch besonders für die Älteren unter uns fesselnd ist, da in solchen Kapiteln wie "Krieg", "Lehrjahre", "Hierarch", "Herbert Wehner" plötzlich Menschen und Situationen vor uns lebendig werden, die wir längst vergessen haben und die uns damals in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts bewegt und gepackt hatten und - seien wir ehrlich - hier und da erst jetzt in ihren Zusammenhängen richtig verständlich (gemacht) werden. Und dann ist es einfach auch spannend, wenn uns Gaus mitnimmt und zuhören und zuschauen läßt, wie es damals so war bei seinen Treffen mit dem jungen Kohl, bei Wehner auf der schwedischen Insel Öland, bei Henry Kissinger, Augstein, in Bonn und Berlin, München und Baden-Baden. Man atmet bei der Lektüre politische Höhenluft und man spürt, sie ist klar, nicht muffig. Kommt es mir nur so vor oder waren diejenigen, die damals die Politik bestimmt haben, nicht doch wirkliche Persönlichkeiten, gar unbestechlich und gradlienig? Der Autor des vorliegenden Buches war es sicher! Wir danken für das intellektuelle Vergnügen, bei der Analyse politischer "Widersprüche" in Deutschland (zumindest am Rande) dabei gewesen zu sein!
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