Customer Review:
Respekt für die perfekte Legende!
Warum wird ein Buch erfolgreich? Entweder weil es vom Inhalt (Information) her Neues bietet, oder emotional berührt bzw. Bedürfnisse befriedigt ... oder weil man *erwartet*, dass es Derartiges tut.
Hier bin ich leider enttäuscht worden - weder der Sensationsgierige noch der Literaturfreund in mir konnten etwas hieraus gewinnen. Eher beschreibt Wolf sich selbst, und seine (heutige) Version der Ereignisse jener Zeit. Übrigens glaube ich durchaus, dass er sich selbst glaubt, d.h. dass er wohl meint, er wäre authentisch - schließlich gehört das zum Job des Spions und definitiv zu dem eines "Oberspions".
Nur als Schlaglichter: Mielke sei recht dumm gewesen. Neu? Nein. Die Russen hätten "SS-20" in der DDR stationiert. Wahr? Nein. Markus Wolf und "seine" HVA hätten praktisch nichts mit dem Rest des MfS gemein gehabt. Glaubwürdig? Ebenfalls Nein.
Den 2. Stern kriegt das Buch nicht etwa dafür, dass hier ein Ex-Geheimdienstler schreibt, denn das ist ja nun beileibe nicht so selten (und war es auch 1992 nicht). Auch nicht dafür, dass es ein Ostblock-Chef"aufklärer" mit interessanter Biographie ist.
Den Bonus über die Mindestbewertung hinaus gibt's dafür, dass es eben von Markus Wolf ist. Eben die "lebende Legende".
Und die Anerkennung gilt dieser erstaunlich erfolgreichen Verwandlung, dieser geradezu phantastischen Umdeutung. Ein Gesamtkunstwerk, dessen Fundament dieses vermeintlich "informative" Buch war und ist.
Erinnerung und Wahrheit
Erinnerungen sind das eine, die Wahrheit das andere. Manches vergisst man, manches verdrängt man und manches -leider- verschweigt man.
Markus Wolf zeichnet seine Lebensgeschichte auf, in deren Mittelpunkt natürlich die Tätigkeit als Leiter der Abteilung "Aufklärung" beim Ministerium für Staatssicherheit steht. Das tut er sehr unterhaltsam und überwiegend glaubhaft. Es ist sein Leben und deshalb auch seine Sichtweise. Das die nicht immer mit der Wirklichkeit korrespondiert, entäuscht. Da hätte ich ihm mehr Selbstbewusstsein zugetraut. Trotz allen positiven Aspekten, die seine durchaus auch selbstkritische Betrachtungsweise der innerdeutschen Spionageszene zeichnet, kann ich manchmal nur ungläubig stauen; ein hochrangiger Abwehroffizier will vom Mauerbau erst durch den RIAS erfahren haben? Also Bitte!
Was man Wolf hoch anrechnen muss, ist die Tatsache, dass er niemanden verrät und öffentlich schlachtet, wie es andere seines Dienstes getan haben.
Deutsch-deutsche Geschichte glaubhaft erzählt
Markus Wolf erzählt beginnend mit Kindheitserinnerungen ans Moskau der 30-er Jahre ein Stück deutsch-deutscher Nachkriegsgeschichte, die auch seine ganz persönliche Geschichte ist. Ohne falschen Stolz erzählt er von den Erfolgen seiner Abteilung, die viele Kontakte im westlichen Ausland besaß. Er erklärt auch, warum ideologisch motivierte Agenten immer aufopfernder agieren. Die geschichtlichen Ereignisse, seine Kontakte zu leitenden Personen des DDR-Regimes und sein jeweilig ganz persönlicher Standpunkt klingen plausibel und glaubhaft. Besonders imponierte, daß er abschließend, obwohl ja Leiter eines erfolgreichen Auslandsgeheimdienstes, ganz prinzipiell die Existenzberechtigung von Geheimdiensten in Frage stellt und was es wirklich bringt, zu spionieren. Dies zeigt seine Fähigkeit, die Geschichte auch aus anderen Blickwinkeln zu betrachten. Markus Wolf ist es, anders als vielen Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, gelungen, Veränderungen wahrzunehmen und auch zu erkennen, wo Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklafft. Beispielsweise macht er auch aus seiner damaligen Verehrung für Stalin keinen Hehl und begriff aber auch, daß er die sozialistische Sache verraten hat.
Ein tolles Buch über erlebte Geschichte und glaubhaft, so wie sie erzählt wird.
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