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Postnationale Sicherheitspolitik?
Um es vorweg zu nehmen: Der Titel "Krieg und Frieden" des Werks ist irreführend. "Theorie und Praxis der Sicherheitspolitik im Wandel" wäre bezüglich der inhaltlichen Schwerpunkte treffender.
Im ersten Teil des Buches werden die Großtheorien der Internationalen Beziehungen (IB) in der sogenannten "nationalen" Konstellation ausgiebig erläutert. Grundlegende Begriffe der IB werden klar definiert und die einzelnen Theorien (Neorealismus, Liberalismus etc.) hinsichtlich ihrer größten Erklärungskraft im historischen Kontext eingeordnet.
Zwar gelingt den Autoren, Adepten des Neoinstitutionalismus, eine handwerklich gelungene Systematisierung der unterschiedlichen Erklärungsmodelle staatlichen Handelns im häufig konfliktgeladenen internationalen Umfeld, genuine Kriegs- und Friedenstheorien werden in diesem Werk jedoch nicht vorgestellt. Diese bleiben weiterhin ein Derivat der gängigen Großtheorien. Die ausgemachte Konzeptionslücke ist weniger den Autoren anzulasten, als vielmehr der Politikwissenschaft schlechthin.
Im zweiten Teil und eigentlichen Kern des Werks wird der Gültigkeitsanspruch der Großtheorien mit den Ereignissen und Entwicklungsprozessen der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart (Ende des Kalten Krieges, Globalisierung) kontrastiert. Die Autoren kommen, wohl berechtigt, zu dem Schluß, daß nationalstaatliches Handeln (hier: Regieren, Ressourcen, Legitimation) sowohl "von oben" (durch supranationale Organisationen, als auch "von unten" (z.B. durch Terrornetzwerke) herausgefordert wird. Transnationale Problemlagen und entsprechende Lösungsansätze heben die ursprüngliche Trennung von innerer und äußerer Sphäre des Staates zunehmend auf. Gerade auf dem Feld der Sicherheitspolitik machen die Autoren verstärkt "postnationale", d.h. delegierende & kooperative Lösungsstrategien der Staaten aus.
Die Darstellung der globalen sicherheitspolitischen Problemlagen ist übersichtlich. An einigen Stellen bleibt die Analyse jedoch ungenau. So wird im Kontext transnationaler Sicherheitsbedrohungen der voreilige Schluß gezogen, daß die unterschiedlichen Konfliktparteien in den sogenannten "neuen" Bürgerkriegen (so z.B. in Ex-Jugoslawien) von Taktiken staatlicher Sicherheitskräfte zur Bekämpfung von Guerillabewegungen "gelernt" hätten. Das Vorgehen bestehe aus der gezielten Terrorisierung der Zivilbevölkerung, um sie für die Unterstützung von Auständischen zu bestrafen. Warum und inwieweit staatsterroristische Akte von nichtstaatlichen Gewaltakteuren "kopiert" werden, bleibt allerdings vage. Allerdings ist dieser Aspekt, trotz des Buchtitels, nicht das Hauptanliegen der Autoren. Den analytischen Fokus bildet der Transformationsprozeß weg vom nationalstaatlich begrenzten Sicherheitsmanagement hin zur komplexen sicherheitspolitischen Interdependenz, die, knapp formuliert, zu zahlreichen Interventionen in Krisenregionen führt. Die Transnationalisierung der Sicherheitspolitik ist in den OECD-Staaten am weitesten fortgeschritten, so vor allem im Rahmen des Regierens (institutionell-handelnde Ebene) und der Legitimation durch sektorale Teilöffentlichkeiten. Problematisch erachten die Autoren dabei die nach wie vor ausgeprägte Monopolisierung der Ressourcen (Steuererhebung, Ausgaben) durch die Nationalstaaten.
Die Schlußfolgerungen sind konsequent, allerdings unterliegen die Autoren bei weitergehenden Prognosen der normativen Macht des vermeintlich Faktischen. So wenn das Wirken der organisierten Zivilgesellschaft, dessen Anliegen sektorbezogen und damit zwangsläufig begrenzt ist, überschätzt wird. Dringend anzumerken wäre, daß transnationale Teilöffentlichkeiten nicht eigenständige Träger demokratischer Legitimation sein können. Inwieweit supranantionale Gebilde mit sicherheitspolitischen Belangen, wie die EU, Demokratiedefizite überwinden und eine breite Öffentlichkeit erzeugen können, ist mehr als ungewiß. Auch fehlt eine kritische Diskussion militärischer Interventionen aus humanitären Gründen. Aus rein moralischen Motiven eine allgemeine Doktrin zu begründen, könnte sich als fatal erweisen.
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