Customer Review:
Kenntnisreich & Belehrend
"Peter Scholl-Latour ist ein ausgezeichneter Kenner der Vergangenheit und der Gegenwart Asiens und des Nahen Ostens". Dieser oder ein ähnlich klingender Satz taucht mindestens in jedem zweiten Satz auf, wenn über Peter Scholl-Latour geschrieben und gesprochen wird. Doch Ehre, wem Ehre gebührt. Der Satz spricht eine Wahrheit aus. Scholl-Latour ist ein wirklicher Experte. Er weiß, worüber er redet und etwas das viel wichtiger ist, er weiß worüber sein Gegenüber redet. D. h. er erkennt schnell, ob jemand versucht ihn mit schönen Worten in die Irre zu führen.
Dies wird an vielen Stellen in diesem Buch deutlich. Scholl-Latour wird, was seine Kenntnisse über die Historie und die Machtverhältnisse in Asien und im Nahen Osten angeht, von den meisten seiner Gesprächspartner - zumeist von denjenigen, die nicht wissen wer ihnen gegenübersteht - häufig sehr unterschätzt. So kann er jedoch gut einschätzen, was er von seinem gegenüber halten kann.
Dieses Buch über die Türkei - erschienen 1999 - behandelt in fünf Kapiteln sowohl die Vergangenheit als auch die damalige Gegenwart der Türkei. Themen wie Kurdistan, die PKK, Abdullah Öcalan fehlen natürlich ebenso wenig wie damals schon das aktuelle Thema Islamisten und die Diskussion über den Schleier. Je kurze Kapitel sind den "Türken in Deutschland" gewidmet sowie der Glaubensrichtung der Aleviten. Das letzte Kapitel begleitet den Kosovo-Einsatz der türkischen Armee und zeichnet ein Bild der Geschichte dieses historischen Gebiets.
Das alles wird in einem einfach zu lesenden und informativen Stil vermittelt. Immer wieder kommen Anekdoten aus den persönlichen Erinnerungen des Autors dazu. Kenntnisreich und belehrend - im positiven Sinne - wird hier Geschichte & Politik vermittelt.
umfassend, eigentümlich
scholl-latour läßt uns teilhaben an seinem unglaublich breiten wissen über historie und gegenwart selbstverständlich nicht nur der heutigen türkei.
einiges an vorkenntnissen halte ich jedoch für unabdingbar, weil er sich gern mit selbstverständlichkeit auf begriffe, gruppierungen oder personen bezieht, die nicht jedem geläufig sind.
seine ausführungen sind gern persönlich gefärbt.. da er diesen umstand jedoch nicht zu verbergen versucht, schätze ich es als unterhaltsamen bestandteil dieses buches. vielleicht nicht jedermanns/-fraus sache.. umfassendes, interessantes buch!
Nein zur Taquia
Zivilisationen und Geisteshaltungen ändern sich nur im Laufe von Jahrhunderten. Deshalb sind orientalische Machtspiele für
Europäer nach wie vor nur schwer zu durchschauen. Als Konstante
kann immerhin gelten: Die Machtstrukturen sind meist so stark personalisiert, dass gewählte Gremien, geschweige denn Parlamente, selten etwas definitiv entscheiden. Das dürfte cum grano salis auch für die Türkei zutreffen, auch wenn dort
offiziell Kirche und Staat seit Kemal Atatürk getrennt sind und de jure demokratische Zustände herrschen. Das Primat des Rechts aber ist eine genuin europäische Denkweise, in islamischen Ländern gilt der Vorrang der Religion, auch wenn er nicht in
der Verfassung formuliert ist. Er ist in den Köpfen und Herzen verankert und in Sitten und Gebräuchen kodifiziert.
Kein Premierminister, erst recht kein ausgewiesen islamisch
programmierter, wird gegen dieses unausgesprochene Gesetz verstoßen. Auch der türkische Premier Erdogan nicht. Er ist ein Sultan der Moderne. Es ist politisch sicher nicht korrekt, dem modernen Sultan zu unterstellen, er wolle die Europäer über seine
wirklichen Absichten täuschen. Aber es gibt im islamischen Denken die „taquia", die Kunst der Verstellung gegenüber Andersgläubigen.
Sie ist bei manchen islamischen Völkern, etwa bei den Alawiten, sogar ein Gebot. Es besagt, dass man die Ungläubigen in Sicherheit wiegen soll, solange man sie nicht beherrschen kann. Wenn dann der Zeitpunkt gekommen sei, solle der Islam die Macht übernehmen. Was Erdogan denkt, lässt sich zum Beispiel aus seinem Parteiblatt oder einem Manifest entnehmen, das er
1997 mitverfasst hat. In ihm empfiehlt er die „Vernichtung aller Juden" und den Kampf gegen den Westen, indem man die Demokratie
„nicht als Ziel, sondern als Mittel" sieht - für den Endsieg des Islam.
Man kann solch eine Denkweise beklagen, sie zu ignorieren wäre ein verhängnisvoller Fehler. Man muss diesen mentalen Sachverhalt mindestens zur Kenntnis nehmen. Er wird das Verhältnis zwischen der EU und der Türkei entscheidend beeinflussen. Sicher, dieses Verhältnis ist wichtig, und die meisten regierenden Politiker in unseren Konsensgesellschaften
sind konfliktscheu, um nicht zu sagen feige. Das Selbstverständnis Europas aber ist wichtiger. Es darf nicht dazu kommen, dass, wie der Vorsitzende der größten Fraktion im Europäischen Parlament, der Europäischen Volkspartei, Hans-Gert Pöttering, jetzt sagte, das „identitätsstiftende Band" zerstört werde. Das aber wäre der Fall, wenn die Türkei Vollmitglied würde. Pöttering gehört in die Kategorie der aufrechten und realistischen Europa-Politiker.
Dem CDU-Mann ist es auch zu verdanken, dass die EVP derzeit
mehrheitlich gegen einen Beitritt der Türkei ist. Für ihn sei das Glaubensargument nicht ausschlaggebend.
Entscheidend seien aber kulturelle Faktoren wie Rechte und Situation der Frau oder die Haltung der Gesellschaft und der Regierung gegen gegenüber religiösen Minderheiten. Daran
lasse sich ablesen, wie man wirklich über religiöse Freiheit und Menschenrechte denke.
In 2004 wurde entschieden, dass die Verhandlungen mit der Türkei über einen Beitritt Ende 2005 beginnen sollen. Damit ist endgültig noch nichts entschieden.
Darüber wird in den Kulissen der EU heftig diskutiert. Die Front zwischen Befürwortern und Gegnern eines EU-Beitritts der Türkei verläuft mitten durch den europäischen Kern.
Frankreichs Präsident ist dafür, die Regierungspartei UMP mehrheitlich dagegen. Die Regierung in Deutschland ist ebenfalls dafür, die Opposition spricht sich deutlich dagegen aus. In beiden Ländern sind übrigens zwei Drittel der Bevölkerung
gegen einen Beitritt der Türkei. Paris hält sich mit Äußerungen zurück, Berlin gestikuliert und ruft laut zum Beitritt auf, zum Teil mit arroganten Äußerungen gegenüber dem christlichen Erbe Europas. Wer religiöse Gefühle verachtet und die Macht der Religion verkennt, dem fehlt in der Tat der Sinn für die Tiefe
der Geschichte. Solche Leute kleben am heute. Und an ihren Posten. Staatsphilosophisch gehört die Türkei an den Rand Europas. Ihre Landmasse ist wie eine Brücke zur islamischen Welt. Politisch-religiös hat diese Brücke jedoch nur einen
Pfeiler, er kam im Wahlsieg für die Islamisten vor ca. drei Jahren zum Tragen. Der Hinweis auf frühchristliche
Gemeinden, etwa das erste christliche Volk der Welt, wie die
Armenier sich selbst nennen, oder die Zugehörigkeit zu Antike und Christentum über mehr als ein ganzes Jahrtausend, ist pure Vergangenheit.
Sie wirkt nur noch in Spurenelementen nach, als Argument für eine gemeinsame Zukunft trägt sie nicht.
Die homöopathisch-historischen Hinweise Ankaras für die Europäer
verfehlen ihre Wirkung auf ignorante Politiker nicht. In der Zukunftsperspektive sind sie wirkungslos.
Der Islam in der Türkei hat mit dem Christentum Tabularasa gemacht, blutig im Völkermord an den Armeniern,
kulturell in der Unterdrückung christlicher Gemeinden und Zeugnisse bis heute. Vor hundert Jahren waren noch zwanzig Prozent der Bevölkerung christlich, heute sind es weniger als ein Prozent. Dagegen ist die Zahl der Moscheen in Deutschland rapide gestiegen.
Bundesweit verfügen Muslims über 141 Moscheen mit Minarett.
Vor einem Jahr waren es nur 77. Weitere 154 Moscheen sind im Bau oder in der Planung. Zusätzlich gibt es rund 2400 islamische
Versammlungs- und Gebetsräume. Das sind Zahlen des Zentralinstituts Islam-Archiv-Deutschland. Die Spuren des Islam in Deutschland sind auf jeden Fall sichtbarer und lebendiger als die christlichen Zeugnisse jenseits des Bosporus. Die Idee Europa endet an der Meerenge. Aber selbst geographisch gehört die Türkei nicht zu Europa. Sollte die Geographie allerdings nicht mehr zählen und die kleinasiatische Landmasse demnächst an Europa gekoppelt werden, dann ist schwer zu sehen, wie man Aufnahmebegehren von Russland, Israel oder Algerien, Marokko oder selbst Ägypten ablehnen kann.
Auch dort, am anderen Ufer des einstmals gemeinsamen Kulturraums,
sind übrigens blühende christliche Städte und Gemeinden
untergegangen. Schon haben einige dieser Staaten den Finger gehoben. Rabat hat offiziell einen Aufnahmeantrag gestellt. Der Duft der Fleischtöpfe in Brüssel geht um die Welt. Aber selbst ohne die südlichen Anrainer des Mare Nostrum wäre die EU mit der Türkei in ihrer Mitte staatsphilosophisch entkernt, politisch nicht mehr handlungsfähig, wirtschaftlich im besten Fall eine große Freihandelszone vom Atlantik bis zum Kaukasus und von Grönland bis zur Levante. Allen Kennern der wirtschaftlichen Verhältnisse ist zudem klar: Ein Beitritt der Türkei würde die anderen über Jahrzehnte mindestens 20 Milliarden Euro pro Jahr kosten, zusätzlich zu den Kosten der Ost-Erweiterung. Das ist nicht zu verkraften. Hinzu kommt der geopolitische Faktor Demographie. Der Islamkenner Hans Peter Raddatz schreibt lakonisch: „Bei derzeit circa 30.000 jährlich nach Deutschland einwandernden, türkischen Frauen und einer - konservativ - angenommenen Geburtenrate von 2,5 Kindern (6.Familienbericht: 2,95) öffnet sich bei einer etwa halbhohen Rate auf deutscher Seite eine erhebliche Schere, die durch den EU-Beitritt ab ca. 2013 dynamisch verstärkt werden und ab ca. 2020 die Türkei als demographisch stärkste Kraft in der EU ausweisen wird. Nach 28 Millionen Einwohnern im Jahre 1960 und 70 Millionen heute wird die türkische Bevölkerung um 2025 in der Türkei und Deutschland dann zusammen bei 100 Millionen liegen und dabei auch wachstumsmäßig die gesamte heutige EU der 15 klar übersteigen".
Schon in dreißig Jahren würden in Deutschland und Österreich mehr
Kinder mit türkischer Muttersprache geboren werden als Kinder mit deutscher Muttersprache. Die Aufnahme der Türkei in die EU wäre der Fall Wiens mit anderen Mitteln.
So klar und unerbittlich wie diese in allen EU-Statistiken nachprüfbaren Zahlen ist auch ein anderes Faktum. Die türkische Bevölkerung in Deutschland hat sich in den letzten Jahrzehnten in ihrer großen Mehrheit (über neunzig Prozent) als integrationsresistent und integrationsunwillig erwiesen. Vor allem die für die persönlichkeitsbildende Erziehung maßgeblichen Frauen verfügen über ein geringes Bildungsniveau, die Erziehung findet in Koranschulen statt. Diese haben die verschiedensten Namen. Es ist ein Faktum, dass auf diesen Schulen die Kinder mehr im religiösen Denken dressiert werden als im staatsbürgerlichen geschult. Von Integration oder gar Assimilation kann da keine Rede sein. Man überschätzt außerdem die Integrationsfähigkeit des alternden Kontinents, wenn man glaubt, junge und dynamische Bevölkerungen wie die türkische assimilieren zu können. Die Jungen werden die Alten dominieren.
Das war in der Geschichte immer so. Das im Islam schlummernde
aggressive Element wird in den lauen Lebenslagen Europas nicht ruhen. Das trojanische Pferd vor den Toren der EU trägt eine gefährliche Fracht.
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