Customer Review:
Absolut authentisch!
Bei der Lektüre von „Sprutz" habe ich mich um 22 Jahre zurückversetzt gefühlt. Genau wie Tannhoff mußte auch ich meinen Grundwehrdienst in der Raketenbrigade Tautenhain überstehen, genauer gesagt, überleben. Von Mai 1983 bis Okt. `84 habe ich als „K4-Rampenbulle" in der ersten Abteilung in Tautenhain gedient. (Als K4 war man hauptsächlich für das Betanken der Rakete mit dem hochgiftigen Flüssigtreibstoff zuständig). Zu dem Zeitpunkt war ich 23 Jahre alt und bereits Vater einer zweijährigen Tochter, was für mich und meine Familie alles noch bitterer machte. (Wenn ich allein an die Dramen in dem miefigen Besucherraum denke...)
Dem Autor ist es gelungen, den Tautenhainer NVA-Alltag realitätsnah auferstehen zu lassen. Mit „Sprutz" wurde mir einmal mehr bewußt, daß ich diese dunkle Zeit bisher nur verdrängt und in keiner Weise verarbeitet habe. Die für Tautenhain typische gnadenlose EK-Bewegung, die endlosen Schikanen und die willkürlichen Arreststrafen mußte ich ebenso über mich ergehen lassen. Ich war mehrfach kurz davor, die Nerven zu verlieren. Beschwerden bei der Politabteilung oder der Brigadeführung waren zwecklos, das verschlimmerte die Situation in der Regel. Halt gab mir letztendlich nur meine Familie, obwohl ich sie fast 1½ Jahre kaum gesehen habe.
Tannhoffs Bericht, bei dem Außenstehende nur fassungslos den Kopf schütteln, deckt sich mit meinen Erinnerungen. Denn, im Gegensatz zu anderen NVA-Einheiten, war Tautenhain wegen der extremen Geheimhaltungsvorschriften aufgrund der Nuklearraketen ein Sonderfall. In dieser Isolation innerhalb des scharf bewachten Stacheldrahtzaunes waren Soldaten und Unteroffiziere tatsächlich oft dem Wahnsinn nahe, nicht wenige dachten an Selbstmord. Es paßt leider nur zu gut ins Bild, wenn einige der früheren NVA-Offiziere bzw. Berufssoldaten Tannhoffs Bericht in ihren Rezensionen aufgrund ihrer „verschobenen Realitätswahrnehmung" als „erfunden" bzw. „hanebüchenen Unsinn" abtun und ihre eigenen menschlichen Entgleisungen als „pädagogisch notwendig" rechtfertigen.
Als ehemals Betroffener finde ich auch die Gästebucheinträge ehemaliger „Tautenhainer" und die Original-Photos auf Peter Tannhoffs Homepage sehr bestätigend und informativ.
Der Grundtenor der heutigen NVA-„Ostalgiewelle" in den Medien lautet bedauerlicherweise: So schlimm war das doch alles gar nicht, und wenn, war man selbst schuld! Mit „Sprutz" liefert Tannhoff ein absolut authentisches, aufklärendes Gegengewicht zur NVA-Glorifizierung. Nur schade, daß sein Werk nicht schon viel früher erschienen ist!
Thema verfehlt
Das Buch "Sprutz" von P.Tannhoff mit wachsenden Staunen, dann Verärgerung gelesen.
Zum Verständnis über meine Person: Selbst von 1978-1980 18 Monate gedient, davon 5 Monate in einer Spezialeinheit, danach in das ursprüngliche Regiment zurückkommandiert. Dort in dem verbleibenden Jahr eine Unmasse von Bestrafungen(24 in der BB-Kartei) angehäuft, kurz vor "Schwedt" wegen "Rädelsführerschaft" gestanden, weil ich mein Mund aufmachte, 108 Wachen und Tagesdienste absolviert, 6 Monate ohne Ausgang und Urlaub usw.usw, habe ich damals als Zwanzigjähriger erstmals wirkliche, existenzielle Erfahrungen, teilweise schlimmer Art hin nehmen müssen. Habe Kameraden scheitern sehen und bin selbst mit einem "blauen Auge" davon gekommen. Trotz des Erlebten würde ich nicht mal ansatzweise auf die Idee kommen, meine Armeezeit SO darzustellen, wie es P.Tannhoff in seinem Buch "Sprutz" schildert.
Zum Buch:
Der Autor stellt in dem Buch sein persönliches "Zerrbild" über das Thema NVA. Seine persönlichen(!!) Erfahrungen seien ihm gewiss unbenommen.
Wenn er sich allerdings darin allzu gerne selbst "beweihräuchert", sein persönliches Leid schildert und damit auch noch an die Öffentlichkeit geht, sehe ich darin ein gefährliche populistische Darstellungsweise. Das zeigen auch die v.g. Rezensionen, die diesen (streckenweise) hanebüchenen Unsinn für bare Münze nehmen. Der Autor KANN diesem geschilderten Druck auf Dauer nicht gewachsen gewesen sein.
Wäre es SO geschehen, wie geschildert, wäre P.Tannhoff schon nach kurzer Zeit "durchgedreht".
Das in allen Armeen der Welt ein Missbrauch der Hierarchien auf Grund fehlender Kompetenz oder einfach nur Machtgeilheit eine gewisse Alltäglichkeit erfährt, ist eine Binsenweisheit. Wenn ich mich mit diesem Thema öffentlich auseinandersetze, ist es meine Pflicht und Schuldigkeit, dieses auf einer objektiven Ebene zu tun und dem Leser die GANZE Wahrheit offen zu legen.
P.Tannhoff schildert sich ausschließlich als den einzig "Edlen". Es gibt Niemanden in dieser Zeit, der auch nur ansatzweise als Verständiger, Freund, Kamerad oder dgl. erzählt wird. Warum liefert der Unteroffizier Buhm ihn nicht aus?.
Weiterhin werden die sattsam bekannten "EK-Schikanen" ausführlich und kaum ein Detail auslassend beschrieben. Unter anderem die von ihm dort erlebte(?) Geschichte mit dem Spind, der samt darin eingesperrten Soldaten aus dem Fenster fällt. Ich habe diese Geschichte in verschiedensten Versionen von den unterschiedlichsten Soldaten gehört??!!. Offenbar wurden Hunderte von Spinden samt menschlichen Inhalts von E`s aus Kasernenfenstern geworfen. Mögliche Leidtragende mögen mir diese Ironie verzeihen.
Weiterhin sei vermerkt, dass es in jedem Armeeregiment der NVA die Möglichkeit der direkten Beschwerde gab (Regimentspolit, 1.Stellvertreter des Regimentskommandeurs). In meiner Kompanie (drei Diensthalbjahre) kam es zu s.g. "EK-Bewegung"; die darauf angezeigten, überführten Soldaten des dritten Diensthalbjahres wurde wegen gefährlicher Körperverletzung, Zusammenrottung und Verstoß gegen die Moral usw. zu empfindlichen Haftstrafen in der Militärstrafanstalt Schwedt abgeurteilt.
Zu den Offizieren:
Sicherlich. Wie schon erwähnt, gab es Führungskräfte, die ihrer pädagogischen Aufgabe nicht gewachsen waren. Das will niemand abstreiten. Aber bei P.Tannhoff schien es offenbar nur solche "Versager" im Regiment gegeben zu haben.
Man frage irgendeinen beliebigen Soldaten, der in der NVA diente. Er wird mit Sicherheit bestätigen, dass es "Solche" und "Solche" gab.
Zum Schluss:
Der Autor polarisiert auf unverantwortliche Weise aus rein subjektiven Gesichtspunkten und stellt dem Leser ein einseitiges, teilweise wiederlegbares Bild des Armeealltages dar, welches SO nicht existierte. Ich bedaure, dieses Buch gelesen zu haben.
Mehr erwartet
Im großen und ganzen war das Buch o.k. Wer selbst gedient hat in der NVA erinnert sich an vieles wieder.
Wenn man allerdings die gesamte Zeit von anderen Diensthalbjahren und Vorgesetzten gemobt wird, hat man nach meinen Erfahrungen mit dieser Zeit, ganz schön was falsch gemacht.
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