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Macht und Verantwortung zwischen Leben und Tod
"Nun ist es also an der Zeit, den Mythos von der Gründung des modernen Staates von Hobbes bis Rousseau noch einmal zu lesen." Die Gründung ist niemals abgeschlossen, sondern in Form von souveränen Entscheidungen fortwährend wirksam. Das Leben in diesem Staat verändert sich ebenso, als psycho-historischer Prozess. Die Gesetze in diesem Staat sind von Menschen gemacht, aber müssen allein im Sinne Kants gelten und damit Allgemeingültigkeit erlangen, die in reinster Form zur Geltung ohne Bedeutung wird. (vgl.: Vor dem Gesetz, Franz Kafka) Der Mensch, aus der Gemeinschaft ausgestoßen, wird da zum Homo sacer, wo seine Existenz ohne Bedeutung ist. Sacer in der Übersetzung von 'heilig' und 'verflucht' zeigt den oszillierenden Charakter des Nicht-in-der-Gemeinschaft-Seins.
Agamben ist einer der großen Denker des 21. Jahrhunderts. Seine Aufschlüsslung des menschlichen Lebens, beginnend mit Aristoteles' Dualismus von zoe (privat) und bios (öffentlich) , über die römische Zusammenlegung in 'vita' und der dann wieder auftrennenden zusätzlichen Bedeutung in 'vitae necisque potestas' hat er stark verwoben mit dem Begriff der souveränen Macht. "Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet" sagte Carl Schmitt und hier ist die Teilhabe an sich im Ganzen zu sehen. Recht sprechen für alle und in diesem Kreise sich befinden, ist das eine, wo doch der Souverän qua Amt sich außerhalb befinden muss, um den Ausnahmezustand zu bestimmen. Über die Funktionen des Souveräns im römischen Leben, in der Rechtsprechung und im mittelalterlichen Leben der 'zwei Körper' Könige erreicht Agamben einen hervorragend Kreis bis in die NS Zeit Deutschlands, wo er mit gleicher Logik Zusammenhänge von Leben des homo sacer und der souveränen Macht herzustellen weiß und folgerichtig erkennt, dass die Biopolitik nach Foucault sich weiterentwickelt mit anderen Mittel bis hin zu öffentlich verlautbaren und akzeptierten Meinungen in der modernen Eugenik bzw. medizinisch politischer Komaforschung. Das 'Lager' ist nicht mehr nur real, sondern als Begriff einer übergeordneten Virtualität im Denken verhaftet. Der Homo sacer lebt damit noch heute, ist frei vom Vorwurf Mord von Dritten zu töten und bedarf nicht einmal eines offiziellen Todesurteils, weil der Homo sacer per definitionem nicht zu opfern ist, auch nicht dem Recht. Diese Ausnahmestellung gilt ebenso für den Souverän, der "töten kann, ohne einen Mord zu begehen".
Für die Zukunft ist ein waches Auge gefragt. Die Notwendigkeit, "im Leben laufend die Schwelle neu zu ziehen, die, das was drinnen, und das, was draußen ist, verbindet und trennt" ist einer der wesentlichen Züge der moderne Biopolitk im Sinne Foucaults. Historische Zusammenhänge auf heute projiziert können moderne Ängste erzeugen, die ein wacher Verstand bezwingen kann. Demokratie und Totalitarismus sind Folgen der Menschen und deren Meinung und Verhalten im la nuda vita in den jeweiligen Systemen. Hier wird mit Agamben ein Feld zur Neubestellung frei geräumt.
Politische Philosophie, gepaart mit radikalem Humanismus, macht das Buch sehr lesenwert.
Ein humanistisches Pflichtwerk
Wenn Philosophie tatsächlich "ihre Zeit auf den Begriff gebracht" ist, dann ist Giorgio Agambens "Homo sacer" das wichtigste philosophische Buch seit Jahren, wenn nicht gar seit Jahrzehnten. Politisch ist dieser Text weniger durch den expliziten Entwurf einer politischen Philosophie, als vielmehr durch harte Arbeit am Begriff und der Aufdeckung der ontologischen Grundkonstellation unserer globalisierten Welt. "Die Politik ist nun buchstäblich die Entscheidung über das Unpolitische (das heißt das nackte Leben)", heißt es lapidar auf Seite 182. Hier spannt sich der weite Bogen der Biomacht von Guantanamo bis zum Kongo, von der modernen Medizin bis zu Hartz IV (der Sozialstaat als biopolitischer Kontrollstaat), vom Irak-Krieg bis zur Gentechnik usw. Agambens Text ist nichts weniger, als der Versuch, "das Feld für jene neue Politik frei zu machen, die im wesentlichen noch zu erfinden bleibt" (S. 21). Und er hat das Feld in der Tat beeindruckend geräumt. Manche Passagen sind in ihrer Unerbittlichkeit der Aufdeckung dessen, was wir als Menschheit gerade mit uns selber tun, kaum zu ertragen; doch diese Reinigung wirkt letzten Endes befreiend. Am Ende kommt ein revolutionärer Humanismus zum Vorschein, der das Leben liebt und ihm vertraut.
Das wichtigste Buch der politischen Philosophie gegenwärtig!
Agamben knüpft in seinem brillianten Werk an drei Überlegungen der abendländischen Philosophie: Aristoteles' Spaltung des Lebens in privates und öffentliches Leben, der Begriff des "homo sacer" ("heiliger" oder "verfluchter Mensch") aus dem Römischen Recht sowie Carl Schmitts Souveränitätsbegriff: "Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet". Auf dem Rücken dieser drei Thesen und mit Hilfe vieler anderer philosophischer Klassiker versucht er die Souveränität als das durchgänige Merkmal der abendländischen Politikgeschichte festzumachen, indem er den Begriff des "homo sacer" reaktiviert, welcher im alten Rom für Menschen stand, die straflos getötet, jedoch nicht geopfert werden durften. Agamben glaubt, dass sich diese Entwicklung bis in die Gegenwart erhalten hat und ihren schliesslichen "Höhepunkt" im "Lager", also dem KZ bzw. Gulag im 20. Jahrhundert erlebte. In diesem Fall passt er Schmitts Souveränitätsbegriff dieser Entwicklung an: "Souverän ist, wer töten kann, ohne einen Mord zu begehen." Eine beängstigende Vision, die Agamben entwirft, denn er glaubt, dass durch die Gentechnologie diese Situation noch verschärft wird und plädiert deshalb für eine Biopolitik a'la Foucault. Brilliantes Buch!
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