Customer Review:
Ungehorsams-Lektüre!
Dieses Buch schenkte mir eine Freundin in meiner „anarchistischen“ Phase. Um es gleich deutlich zu sagen: Es ist sehr amerikanisch, aber für jeden kritischen Geist eine Bereicherung.
Thoreau geht nämlich von einer ganz einfachen (und für meinen Geschmack typisch amerikanischen) These aus, dass der einzelne in Gewissensfragen nur sich selbst gegenüber zur Rechenschaft verpflichtet sei.... und aus dieser simplen Überzeugung lehnt der Autor alle dieser Grundwahrheit entgegenstehenden staatlichen Eingriffe in das Leben des eigentlich freien Menschen ab. Wer dem nichts abgewinnen kann, sollte sich mal fragen, warum er eigentlich Staatsbürger ist, und warum wir Menschen eigentlich von Geburt an dazu zwingen, Staatsbürger zu sein... u.s.w... Da ist dieses Buch schon einmal ein guter Anfang zum Nachdenken.
über die fähigkeit zu konsequentem verhalten ...
"da sie mich nicht fassen konnten, beschlossen sie, meinen körper zu bestrafen...": dieser satz war der erste, der mir im gedächtnis, ja in der seele hängen blieb, anlass genug, auszukundschaften, um wen es sich bei diesem david henry thoreau (12.7.1817-2.5.1862) handeln möge. er ist dem kreis des gesellschaftskritischen netzwerks um ralph waldo emerson (1803-1882) zuzurechnen, das sich mitte des 19. jahrhunderts an der amerikanischen ostküste etablierte. thoreau's CIVIL DISOBEDIENCE, deutsch erhältlich unter dem titel "über die pflicht zum ungehorsam gegen den staat" - dieses buch hat weltweit wirkungen hinterlassen. gandhi trug es bei seinen häufigen gefängnisaufenthalten bei sich, hermann hesse beeinflußte es nicht unwesentlich, die resistance gegen hitler-deutschland benutzte es zur rückgrat-stärkung, martin luther king oder joan baez waren davon inspiriert, marcuse nahm es in sein nachdenken auf. thoreau's denken ist natürlich nicht originär - was zumeist auf alles denken zutreffen dürfte, wenn man ehrlich ist. vorläufer-strukturen findet man in der antigone des sophokles (von thoreau übersetzt) oder in dem essay des montaigne-freundes boetie "discours sur la servitude volontaire". als handlungsanleitung für politische aktionen dürfte thoreau's meinungsspektrum angesichts der immer komplizierter werdenden administrativen systeme, die sich auf alle formen von widerstand immer geschickter einzurichten wissen, wohl heutzutage nicht mehr taugen. mit sitzstreik oder stromgeld-verweigerung dürfte kaum mehr eine globale weltverbesserung, vielmehr jedoch die lächerlichkeit des peinlich skurrilen erreicht werden. der rückzug in eine thoreau'sche waldblockhütte dürfte - allein schon angesichts der somit verschlechterten medizinischen versorgungslage - nicht eine den breiten bevölkerungsschichten anzuratene methode sein. sprachlich jedoch, sprachlich jedoch könnte eine neue ebene der wirksamkeit thoreau's vielleicht beginnen, wenn es zunehmend sensible leser gäbe. eine vergebliche hoffnung? zum schluß noch einmal eins der zitate, die mich als erste fesselten: "die wahrheit eines advokaten ist konsequenz." wenn das nicht ein weiterer baustein zum thema beharrlichkeit ist...
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