Wohlstand und Armut der Nationen. Warum die einen reich und die anderen arm sind

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Authors: David S. Landes
Catalog: Book
Media: Broschiert
Release Date: November 2002
Publisher: Bvt Berliner Taschenbuch Verlag
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Customer Review:
An sich sehr gut
es wären auch 5 Sterne möglich gewesen. Doch ist es der etwas flache philosophische Charakter, der mich etwas enttäuscht hat. Landes schreibt durchaus jenseits vieler Mitstreiter, schreibt vor allem interessant und im großen Zusammenhang. Die Lektüre ist eine geeignete Einführung die Geschichte der Wirtschaft und verhilft jedem angehenden Weltversteher zu einem guten Start. Es ist klein gedruckt, und recht dick, doch fällt das beim Lesen kaum mehr auf, wenn man sich erst einmal festgelesen hat. Im Vergleich zu vielen anderen gelingt die Synthese zwischen anregender Darstellung, interessanter Verarbeitung und umfassender und strukturell sinnvoll geordneter Information hier besonders gut.
Große Geschichtsschreibung
Selten äußert sich ein Autor über seine Absichten so ehrgeizig wie David Landes. Schon auf der ersten Seite teilt er seinen Lesern mit, daß er in diesem Buch beabsichtige, "Weltgeschichte zu schreiben". Nicht im Sinne eines Gesamtpanoramas der Jahrtausende, sondern in Gestalt des Versuches, die drei aus seiner Sicht wichtigsten historischen Fragen zu beantworten: Worin liegen die Ursachen der Industriellen Revolution, warum begann diese beispiellose Umwälzung aller gesellschaftlichen Verhältnisse gerade im England des ausgehenden 18. Jahrhunderts, und weshalb gelang es bislang nur wenigen Ländern, dem englischen Beispiel zu folgen?

Leichten Herzens überspringt Landes in seiner Darstellung ganze Epochen und konzentriert sich gezielt auf jene Knotenpunkte der Geschichte, an denen die Entscheidung über die Industrialisierung einer Gesellschaft fiel oder vorbereitet wurde. So gerät England nur für die Zeit des Hundertjährigen Krieges und etwas ausführlicher im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert in den Blick, Spanien in der frühen Neuzeit, Japan im 19. und frühen 20. Jahrhundert, China zu Beginn seiner Geschichte und in der Mandschu-Zeit, usw.

Diese sehr selektive Vorgehensweise ermöglicht es Landes, seine literarischen Talente ungehindert zur Geltung zu bringen. Für die ausgewählten Perioden zeichnet er ein gesellschaftliches Gesamtpanaorama, das auch politische und kulturelle Faktoren einbezieht, wobei er es meisterhaft versteht, allgemeine Tendenzen durch unterhaltsame Geschichten zu veranschaulichen. So wird der Leser packend über die Qualen der transatlantischen Sklaventransporte unterrichtet, er erfährt, daß die aztekische Religion ihren mörderischen Zug dem Hohepriester Tlacallel verdankte, er kann die Reise Mansa Musas, des sagenhaft reichen Königs von Mali nach Mekka verfolgen, er wird zum Zeugen der Taten Robert Clives beim Kampf um die englische Vorherrschaft in Indien, usw.

Solche Erzählkunst mag für Landes' Argumentation nebensächlich sein, liefert aber derart interessanten Lesestoff, daß dieser allein schon die Lektüre lohnt. Seit Ranke, Mommsen und Michelet ist Geschichtsschreibung auf hohem literarischen Niveau selten geworden. Weil die meisten zeitgenössischen Historiker sich verpflichtet fühlen, ihr Publikum zu langweilen, vergessen wir zunehmend, wie farbig die Vergangenheit war, und wie faszinierend die Menschen, die sie gestalteten. Allein der Umstand, daß Landes uns dies wieder in Erinnerung ruft, macht sein Buch zu einem ungewohnten geistigen Genuß.

Darüber hinaus ist es auch wissenschaftlich ergiebig. Aufschlußreich ist zunächst einmal Landes' klare Feststellung darüber, welche Faktoren für den Aufstieg Englands und Europas KEINE Rolle spielten. Hier ist vor allem an die koloniale Ausbeutung, an militärische Gewaltanwendung, an den Zugriff auf Rohstoffe und den Besitz großer Geldvermögen zu denken. Die Unterwerfung der Azteken und Inkas machte die Spanier zwar sagenhaft reich, verhalf ihnen aber nicht zu dauerhafter ökonomischer Entwicklung. Spanien, so stellt Landes fest, wurde letztlich arm, weil es zeitweise ZU viel Geld hatte. Das Gegenbeispiel ist England, dessen Industrialisierung von kleinbürgerlichen Pionieren angestoßen wurde, deren Investitionskapital fast ausschließlich aus den eigenen Ersparnissen stammte. Erst NACHDEM die neuen Fabriken angefangen hatten, Profite abzuwerfen, wurden die großen Finanzmagnaten der Zeit auf sie aufmerksam.

Diese Gegenüberstellung illustriert die grundlegende Einsicht des Buches: Der Industrialisierungsprozeß, so Landes, ist primär gesellschaftsINTERN bedingt, und seine entscheidende Ressource liegt in der Arbeitsleistung der eigenen Bevölkerung.

Allerdings komme es darauf an, diese Leistung optimal zu nutzen und zu organisieren. Gerade hier sieht Landes die Besonderheit Europas. Seine Vorteile lassen sich in fünf Voraussetzungen zusammenfassen:
1) Eine günstige geographische Lage (gemäßigtes Klima, fruchtbarer Boden, reichlicher Niederschlag).
2) Geeignete politische Rahmenbedingungen (politische Fragmentierung und relative Schwäche hinderten die europäischen Staaten daran, die eigene Bevölkerung unbegrenzt auszubeuten. So entstanden gesicherte Eigentumsrechte, Freiheitsspielräume für die Individuen sowie inner- und zwischengesellschaftliche Konkurrenz).
3) Relativ geringe soziale Ungleichheit, verbunden mit hohen Arbeitslöhnen. Daraus ergaben sich ein beachtlicher Lebensstandard der arbeitenden Bevölkerung und Massenkaufkraft. Dies wiederum schuf den Anreiz für technische Neuerungen.
4) Außergewöhnliche wissenschaftlich-technologische Innovationsfähigkeit (Europa holte nicht nur den zeitweiligen technologischen Vorsprung Chinas auf, sondern brachte auch als einzige Hochkultur die moderne Wissenschaft hervor).
5) Eine Wertesystem, das rastlose Berufstätigkeit und sparsames Leben erstrebenswert erscheinen ließ (Landes bekennt sich ausdrücklich zu Max Webers Deutung der protestantischen Ethik als eines Motors der Industrialisierung).

Nur in Europa und Japan war Landes zufolge dieses Faktorenbündel vorhanden. Daher hätte sich Japan als einziges außereuropäisches Land auch ohne westliche Vorbilder industrialisieren können (hier sind Zweifel angebracht - wo war das japanische Gegenstück zur modernen Wissenschaft?), während China dazu die politischen und kulturellen Voraussetzungen, Indien und der islamischen Welt zusätzlich auch die technologische Kapazität fehlten.

Der Eigenart seines Buches entsprechend, fließen die fünf Bedingungen ganz zwanglos in Landes' Erzählung ein, ohne je systematisch miteinander in Beziehung gesetzt zu werden. In gewisser Weise schlägt hier der große Vorzug des Buches, seine literarische Souveränität, in einen Nachteil um, denn Landes muß viele Fragen unbeantwortet lassen, die eine theoretischere und analytischere Stoffpräsentation sehr wohl hätte klären können. Handelt es sich bei den genannten Faktoren um hinreichende oder nur um notwendige Bedingungen der Industrialisierung? Sind einige grundlegender als andere? Welche Zusammenhänge bestehen zwischen ihnen?

Nur indirekt läßt Landes erkennen, daß er wohl der Kultur, deren Bedeutung im zweiten Teil des Buches zunehmend unterstrichen wird, den zentralen Stellenwert im kausalen Bedingungsgefüge einräumt. Während er in bezug auf Europa weitgehend Max Webers klassischer Studie über die protestantische Ethik folgt, beschränkt er sich hinsichtlich anderer Kontinente allerdings auf Andeutungen, und unternimmt nirgends den Versuch, die Kultur selbst zum Erklärungsgegenstand zu machen. Warum der Industrialisierung förderliche geistige Einstellungen überhaupt entstehen, und warum dies, wie Landes nahelegt, nur in Europa und Japan geschah, bleibt offen.

Landes' Erklärung für Reichtum und Armut der Nationen wird durch diese Schwächen seines Buches zwar nicht prinzipiell in Frage gestellt, doch um einiges geschwächt. So ist es ihm, bei aller schriftstellerischen Brillanz, nicht gelungen, das Potential seines Ansatzes voll auszuschöpfen. Dennoch hat er mit seinem Hauptwerk eine eindrucksvolle Synthese vorgelegt, die zu den großen Leistungen der Geschichtsschreibung des 20. Jh. zählen dürfte.
Der Faktor Gewalt-Anwendung fehlt ...
David Landes stapft in einer übersichtlichen Drei-Gliederng durch sein Thema: (1) Geographie als Faktor: Hitze vs. gemäßigtes Klima (wie war das eigentlich bei der grandiosen Pyramiden-Bauleistung? Theoretisch dürften die gar nicht stehen). Transport-Wege, Zentral- oder Randlage (allmählich eine überflüssige Überlegung in den Zeiten des worl-wide-web und des BilligFliegers). (2) Infra-Struktur: der Standard der medizinischen und bildungspolitischen Versorgung (der mit dem gleichen Thema beschäftigte Jared Diamond schreibt, dass Orientalen normalerweise einen IQ hätten, der um 10 Werte über dem von Amerikanern liege). Neben der Anwendung und Akzeptanz wissenschaftlichen Denkens hält Landes den Faktor bürgerliche (Bewegungs-)Freiheit für sehr relevant. (3) Kulturelle Leitbilder als Faktor: Von der Arbeits-Ethik bis zur Rolle der Frau, von der Liebe zur Technik bis zur Gelassenheit gegenüber Öffnungs-Prozessen sieht Landes hier seinen Analyse-Lieblingsbereich. Dahinein gehören auch die etwas anekdotenhaften Bemerkungen über die japanische Frau oder die Einordnung des Essens mit Stäbchen als Begünstigungsfaktor für die handgeschickte Verfertigung von MikroChips in asiatischen Ländern. Die Einführung von AirConditioning hätte den Süden der USA wesentlich vorangebracht. Vielleicht hätte er etwas weiter zurückdenken müssen: Rücksichtslose Arroganz, Menschen-Ausbeutung, rassistische Kälte haben den Süden der USA zunächst einmal zum WirtschaftsFaktor gemacht. Vielleicht übertüncht rücksichtslos angewandter Machiavellismus [ein in dem Buch fehlendes Kapitel (4)] auch heutzutage mancherorts noch so günstige geographische, infrastrukturelle oder kulturelle Faktoren. Wie sich bestimmte Regionen auf dieser Welt durch absichtliche, feindlich gesonnene Destabilisierungs-Aktionen Vorteil verschaffen, ist leider in einem solchen Werk viel zu stark außer Acht gelassen ...

Books:

  1. Alt sind nur die anderen
  2. Gesundheitsreform 2004. Bedeutung für die psychotherapeutische Praxis
  3. Der Fluch des neuen Jahrtausends. Eine Bilanz.
  4. Was ist was? Bd. 67, Die Völkerwanderung
  5. Der Gang nach Karlsruhe
  6. Eine Anatomie der Macht. Der Chomsky-Reader
  7. Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat / Civil Disobeyence
  8. Im Fadenkreuz: Kuba. Der lange Krieg gegen die Perle der Antillen.
  9. Wangari Maathai - die Mutter der Bäume
  10. China - der große Sprung ins Ungewisse. Ein Report

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