Customer Review:
Gewöhnungsbedürftig
Das Buch ist zwar schon etwas älter, aber es lohnt sich immer noch, es zu lesen. Neben Israel werden auch die umliegenden Staaten - besonders Syrien - berücksichtigt. Der Autor besticht wie immer durch seine außergewöhnliche Sachkenntnis.
Den Punktabzug gibt es für die Rückblenden, die das Lesen z. T. erschweren. Ich kann das Buch jedem empfehlen, der den Nahen Osten besser verstehen lernen will.
Lob der Subjektivität
Irgendwo in seinem Buch schreibt Scholl-Latour, daß es auf seine persönliche Meinung ja nicht ankäme. Im Gegensatz dazu liegt in meinen Augen der hauptsächliche Wert des Buches in seiner Subjektivität.
Scholl-Latour's persönliche Meinung zum Nahost-Konflikt ist allein schon auf Grund seiner immensen Lebenserfahrung und seiner Kenntnis der islamischen Welt von Interesse, auch wenn Rezensenten ihn zum hoffnungslosen Mythenhändler abgestempelt haben. Ich habe mir von dem Zusammentreffen zwischen dem Autor und der jüdisch-israelischen Kultur ein besonderes Drama erwartet: was würde S-L's an den islamischen Gesellschaften erprobtes analytisches Instrumentarium im Falle des Staates Israel produzieren?
Das Ergebnis war überraschend und nur teilweise enttäuschend. An Stelle der von mir erwarteten offenen Empathie für die palästinensische Sache läßt S-L den Leser verstehen, daß er seine (arabischen) "Pappenheimer" sehr wohl kenne, und entpuppt sich zudem als unverhohlener Bewunderer des Staates Israel in seiner Version vor 1967. (Mit Kritik an dem heutigen Staate Israel spart er dagegen nicht.)
Wer über den modernen Staat Israel und seine faszinierende gesellschaftliche und ideologische Dynamik etwas lernen will, kann zu diesem Zweck bessere Quellen finden. Einen ernsthaften Versuch, die Welt der Orthodoxen zu verstehen - eine faszinierende, äußerst kreative intellektuelle Gemeinschaft - hat der Autor leider nicht unternommen. Der ewige Rekurs auf biblische Motive zur Erklärung der modernen israelischen Gesellschaft wird einem irgendwann zu viel, doch stimme ich mit S-L's Ansicht überein, daß die religiöse Natur des Konflikts im Nahen Osten noch viele Friedensinitiativen scheitern lassen wird..
Eine originellere Einsicht präsentiert S-L mit dem Zitat eines israelischen Bekannten, daß die Araber ihren neuen Fundamentalismus von den Juden gelernt hätten. Hier eröffnet sich eine fabelhafte Möglichkeit zu ergründen, in welcher Hinsicht sich die palästinensische Gesellschaft durch den Kontakt mit den israelischen Besatzern verändert hat und welche Rolle sie in einem Nachkriegs-Orient gegenüber den anderen arabischen Gesellschaften spielen könnte. Dieser Frage ist der Autor leider nicht nachgegangen.
Wer gewohnt ist sich seine Meinung auf Grund vieler verschiedener Quellen zu bilden, kann von diesem Buch sehr viel profitieren. Eine interessante Persönlichkeit teilt darin ihre Gedanken über einen komplizierten Konflikt mit, und ich habe es mit viel Interesse gelesen.
Noch mehr Mythen
Dieses Buch sollte - trotz seiner Schwächen, auf die ich sogleich zu sprechen komme, jeder lesen, der sich für die Gründe des Scheiterns des Friedensprozesses im Nahen Osten interessiert. Auch nach 6 Jahren sind seine Grundaussagen und die Stimmungs- und Personenbeschreibungen noch aussagekräftig und relevant.
Scholl-Latours Stärke ist sein profundes Wissen, als Orientalist und als Kriegsberichterstatter aus inzwischen an die 50 Jahren. Deshalb ist er am besten, wo er dieses Wissen gegen unsere Ignoranz und Blauäugigkeit ins Feld führen kann.
Seine Erfahrung macht ihn immun gegen politische Moden und den allgemeinen Opportunismus.
Man wird in diesem Buch eindrucksvolles Anschauungsmaterial für die anscheinend unüberwindlichen Probleme dieser Region finden. Soweit es sich um historische oder militärstrategische Belange handelt, wird man von S-L bestens versorgt.
Aber man sollte sich davor hüten, ihm seine permanenten Rückgriffe auf biblische Geschichten und orientalische Traditionen als hauptsächliches Erklärungsmuster abzunehmen.
Die dunkle Rückseite dieser biblischen Rückgriffe ist nämlich Scholl-Latours zutiefst rückständiges, ja spießiges Verhältnis zur Moderne, das ihn daran hindert, sowohl den Westen als auch den Missbrauch von Religion im Orient adäquat zu analysieren. Stattdessen bekommen wir nur noch mehr Mythen.
An der Jugend kritisiert er generell (egal wo) die Laxheit des Auftretens, den Verlust an militärischer Disziplin, traditioneller Bindung und den seichten Hedonismus (vgl. auch die Zitate in meiner Rezension von „Kampf dem Terror - Kampf dem Islam?").
Wenn er allenthalben - und mit Recht - den Rückgang des Säkularismus und die Wiederkehr der „Religiosität" anspricht, so tut er das mit einem scheelen Blick auf den Westen.
„Die Gefahr resultierte aus dem mangelnden Selbstbehauptungswillen des Okzidents - von Christenheit konnte längst nicht mehr die Rede sein -, aus der hedonistischen Willfährigkeit einer wehleidigen Anspruchsgesellschaft, gepaart mit der morbiden Selbstbespiegelung ihrer müden Intelligenzija."( Seite 408; Ernst Jünger und Oswald Spengler lassen grüßen - aber muss man sich das eigentlich von einem altgewordenen Kriegsberichterstatter sagen lassen, der - seit Jahrzehnten auf Reisen - den Nachweis schuldig geblieben ist, dass er zu einer sesshaften, bürgerlichen Existenz im ach so dekadenten Westen überhaupt fähig ist? Als Chefredakteur des Stern ist er jedenfalls nach wenigen Wochen gescheitert.)
Anstatt dem Westen einseitig-spießig seine Dekadenz vorzuwerfen, müsste sich Scholl-Latour eigentlich fragen, was die allenthalben virulent werdenden religiösen Umtriebe - die korrupten, geldgeilen amerikanischen Evangelisten, die bigotten jüdische Orthodoxen, die nordirischen „Christen", die Taliban, Wahhabiten und andere islamische Fundamentalisten, die neuen nationalistischen Hindus Indiens - nun eigentlich mit echter Spiritualität zu tun haben. Und ob sie nicht viel eher die Krankheitssymptome ineffektiver, kulturell wie materiell gefährdeter, durch rasante technologische Veränderungen überforderter Gesellschaften sind.
Anstatt zu erkennen, dass es sich hier um keinen „natürlichen" Vorgang handelt, sondern um einen künstlich erzeugten religiösen Eifer, eine - wie Bassam Tibi eindrucksvoll beschreiben hat - Politisierung der Religion, betreibt Scholl-Latour selbst die religiöse Verbrämung der Realität, indem er mit dem Alten Testament unter dem Arm die biblischen Stätten bereist und Verbindungen zur Aktualität zieht. Das Aufkommen religiöser Erklärungsmuster und fundamentalistischer Propaganda verklärt er als Wiederkehr uralter Traditionen, die sich Naturgewalten gleich Bahn brechen und denen sich nur westliche Naivlinge und dekadente Peaceniks in den Weg stellen.
So machen das die religiösen Eiferer in Israel und Arabien auch. Näheres für die Situation in Israel kann man beim israelischen Historiker Moshe Zimmermann nachlesen.
Es ist kein großer Unterschied zwischen Scholl-Latours Haltung und der der Nordiren, die jeder neuen Generation einbläuen, wo vor 400 Jahren ihren Vorfahren ein Unrecht getan oder ein Sieg errungen wurde, und dadurch den Hass von einer Generation zur anderen fortpflanzen. S-L will sicher keinen Hass säen - aber er weiß nach soundsovielen Jahrzehnten der Kriegsberichterstattung auch wohl nicht mehr, wie „Frieden geht" und begnügt sich deshalb mit der Reproduktion der Haltungen, die in den Krisenregionen wirksam sind, ohne sich von ihnen analytisch distanzieren zu können. Das ist informativer und weniger blauäugig als die naiven Friedensfreunde im Westen, über die er sich lustig macht - es ist gleichwohl - als Haltung - ein Teil des Problems und nicht der Lösung.
Genauso wie es Gründe für den Rückgang der Religiosität im Westen gibt, erfolgt dieser künstliche politisierende Rückgriff auf die religiösen Traditionen in Israel und Arabien nicht von ungefähr. Beide Prozesse sind nicht nach Geschmack umkehrbar - aber sie sind, folgt man Bassam Tibi oder wohl auch Jürgen Habermas, miteinander verbunden.
Denn die Funktion dieser Politisierung der Religion ist die Bekämpfung der westlichen, auf Anthropozentrismus, Individualisierung, Bewusstsein, Menschenrechte somit Säkularisierung ausgerichteten Kultur (mit deren neueren Entwicklungen Scholl-Latour offensichtlich nicht mehr zurecht kommt) und die Rückkehr zu Theozentrismus, zur Kollektivierung, zum Aufgehen des Einzelnen in der Gemeinschaft und in der kollektiven, unbewussten Aggressionsabfuhr (womit Scholl-Latour latent sympatisiert, weil sie zu guten alten Traditionen und Gewissheiten zurückführen, mit denen er noch besser zurecht kam, selbst wenn er sich dabei überlegen fühlte). Das heißt politisch: Auflösung der Religion in der Politik, nämlich im Gottesstaat.
Wie Bassam Tibi, den Scholl-Latour übrigens als Freund schätzt, überzeugend nachgewiesen hat, scheitert gegenwärtig die Übernahme der westlichen Werte im arabischen Raum daran, dass es keine funktionierenden Staaten und Gesellschaften gibt, die dem Einzelnen ausreichende Unterstützung - sowohl materiell als auch moralisch - auf dem mühsamen Weg der Individualisierung, der Entwicklung von „Könnens-Bewusstsein", von Autonomie und individuellen Menschenrechten gewähren würden.
Ohne diesen schützenden Raum bleibt dem Einzelnen nur die Flucht ins schützende Kollektiv in Verbindung mit der Ablenkung der eigenen Aggressionen auf einen äußeren Feind.
Genau nach diesem Muster verläuft gegenwärtig das Auferstehen der Bigotterie und des Fundamentalismus - sowohl in Israel, als auch im amerikanischen Bible-Belt, in Nordirland oder in den diversen korrupten und ineffizienten Staaten der Arabischen Welt.
Books: