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Grossunternehmen konservativste Schicht unseres Landes
In keinem Bereich unserer Gesellschaft sind die Aufstiegschanchen von Menschen aus der Mittel- oder gar Arbeiterschicht selbst bei bester Qualifikation so gering wie in der Wirtschaft, und hier vor allem wiederum in Grossunternehmen. Eine gesellschaftspolitische Studie von enormer Bedeutung, bei der es wahrlich ein Jammer ist, dass die Daten fuer den Promotionsjahrgang 1985 nicht ausreichten. Denn Hartmann zeigt klar, dass sich die Karrierechancen promovierter Mittelstands- bzw. Arbeiterkinder in der Nachkriegszeit (Promotionsjahrgaenge 1955-1975) keineswegs verbessert, sondern vielmehr deutlich verschlechtert haben, wobei der Rueckstand zu den Grossbuergerkindern mit der Firmengroesse waechst. Deutschland hat sich demnach nicht zu einer pluralistischen, offenen Gesellschaft hin weiterentwickelt, sondern zeigt stattdessen Rueckwaertstendenzen hin zu einer streng hierarchisch gegliederten Klassengesellschaft.
Es ist daher mehr als bedenklich, wenn die vom Volk gewaehlten Abgeordneten fuer Grossunternehmen, welche gemaess der Studie die kulturell konservativste Schicht unseres Landes repraesentieren, bessere Rahmenbedingungen schaffen als fuer den Mittelstand. Welches Ausmass die kulturelle Rueckwaertsgewandtheit von Spitzenmanagern bereits angenommen hat, deutet ein Artikel an, welcher im Februar 2005 in den Rosenheimer Nachrichten erschien. Er lautete: "Firmenbosse aus aller Welt vertrauen Bad Aiblinger Astrologen". Offenbar werden selbst Entscheidungen, von denen das Wohl und Wehe zehntausender Menschen abhaengen kann, auf der Grundlage mittelalterlichen Gedankengutes getroffen. Die von Hartmann aufgezeigte Tatsache, dass Qualifikation und Koennen fuer den Weg zum Spitzenmanager eine weit geringere Rolle spielen als die Geburt in einem gutsituierten Elternhaus, hat dramatische Konsequenzen.
Wissenschaftlich präzise, differenzierte Argumentation
Das Buch von Michael Hartmann basiert, entgegen den hier von Rezensenten geäußerten Urteilen, keineswegs auf „der Annahme, dass alle Schichten ihre Kinder entsprechend ihrem Anteil an der Bevölkerung in den Führungspositionen platzieren sollten". Im Gegenteil verzichtet es auf jedes Vorurteil und verfolgt zur Untersuchung der Frage, ob nun die Leistung oder die Herkunft zählt, eine gänzlich neue Strategie: Alle Promovierten zahlreicher Jahrgänge werden auf ihre Karrieren untersucht, wobei nicht nur der Berufseinstieg, sondern der gesamte Verlauf der Karriere berücksichtigt werden. Er vergleicht in statistischen Analysen die soziale Herkunft mit der Karriere und kommt zu dem recht überraschenden Ergebnis, dass diese sogar nach der Promotion noch eine wichtige Rolle spielt.
Hartmann geht davon aus, dass die Gruppe der Promovierten ihre Leistungsbereitschaft und -fähigkeit unter Beweis gestellt haben. Damit ist auch die des öfteren aufgestellte Behauptung, die ererbte Begabung bzw. der IQ sei verantwortlich, vom Tisch; auch ein möglicher Einfluss anderer Faktoren (unterschiedliche Studiendauer, Auslandsaufenthalt) wird untersucht und ausgeschlossen. In der Folge untersucht Hartmann verschiedene mögliche Gründe: Dazu gehören laut Hartmann vor allem der „Stallgeruch": Eine gewisse Art zu reden, zu denken und sich zu verhalten, der „Habitus" (Hartmann), ist demzufolge wichtiger als die Qualifikation und die tatsächlich erbrachten Leistungen. Dazu kommt, dass gerade bei Personalien in den obersten Führungsetagen der deutschen Wirtschaft sehr viel Wert auf das spontane „Miteinander-Können" gelegt wird - ein Faktor, der offenbar von den unterschiedlichen Erfahrungen beeinflusst wird.
So verwundert es auch nicht, dass, wie die Daten zeigen, die Karrierechancen in Wissenschaft und Justiz nach der Promotion weniger stark von der sozialen Herkunft abhängen: Hier sind weniger persönliche Entscheidungen von anderen Führungskräften verantwortlich, objektive Kriterien (Noten, Anzahl der Veröffentlichungen) zählen mehr, der „Sympathiebonus" fällt kleiner aus.
Als Kritik lässt sich sagen, dass das Buch sich auf einen kleinen Teil der Karriereleiter beschränkt: Hier ist Hartmanns Ansatz aber hochinteressant, weil er Störfaktoren wie eine mögliche Vererbung von Intelligenz und Begabung ausschließen kann. Interessant wäre ein Rückschluss aufgrund dieser Daten auf die unteren Bildungsstufen: Wieviel Prozent des Studien-/Schulerfolgs kann auf Leistung zurückgeführt werden? Das würde es erlauben, eine Abschätzung über die Größenordnung zu machen, in der die Herkunft insgesamt für das Vorwärtskommen verantwortlich ist. Hier bleibt Hartmann die Antwort schuldig.
Hartmann weist nach, dass soziale Herkunft auch ganz direkt (d.h. unabhängig von ihrem Einfluss auf die Leistung) über die Karrierechancen bestimmt. Damit ist aber der „Mythos von der Leistungsgesellschaft" tatsächlich entzaubert.
Asinnliche Wahrheiten
Was wir schon immer ahnten, wird hier mit empirischen Studien wissenschaftlich belegt: Nicht die individuelle Leistung zählt für den Aufstieg, sondern die soziale Herkunft. Eine Generation nach dem 68er-Aufbruch sind wir noch weit von der offenen Gesellschaft entfernt. Die Vetternwirtschaft kostet Unsummen und verhindert, dass Spitzenposten wirklich von Spitzenleuten eingenommen werden. Der deutsche Soziologieprofessor untersucht Berufsverläufe von Ingenieuren, Juristen und Wirtschaftswissenschaftlern und zeigt auf, dass die grössten Kuchenstücke nach wie vor den Promovierten zustehen, die ausser befriedigenden Zeugnissen auch den richtigen Stammbaum vorweisen können. Dass dieser triste Befund auch mich überraschte, lässt sich wohl damit erklären, dass die wenigen Ausnahmen von den Medien gerne herumgereicht werden und Joschka Fischer inzwischen zum Liebling der Nation aufgestiegen ist. Wer seine HR-Abteilungen aufschrecken will, findet mit Hartmanns Untersuchungen das notwendige Pulver. Der wissenschaftliche Anspruch sorgt zwar für Trockenheit, wird aber bei Dissertationsverächtern kaum zünden. Schade, dass Universitäres im deutschsprachigen Raum noch immer asinnlich präsentiert wird. Eine sinnlichere Aufmachung könnte den Leserkreis erweitern.
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