Customer Review:
ein sehr unsympathisches, aber wichtiges Buch
.....für das Verstehen (nicht für das Verständnis) eines sich immer mehr von seinen eigentlichen Werten entfernenden Landes. Möge niemand in 20 oder 30 Jahren in Europa sagen, man habe es nicht kommen sehen, was mit den Vereinigten Staaten - jedenfalls möglicherweise - in den nächsten Jahren/Jahrzehnten passieren wird (nun ja, vielleicht gewinnen die sogenannten Neokonservativen die nächste Wahl ja nicht....). Man muss sich schon vergegenwärtigen, dass dann, wenn man ethische Grundsätze als Ballast empfindet der hobbes´sche Urzustand alsbald erreicht sein wird. Und deshalb sollte Europa aus diesem möglichen Szenario durchaus den Schluss ziehen, dass es eine eigene Machtpolitik braucht um europäische Werte jedenfalls in der eigenen Sphäre notfalls auf eigenständige Weise verteidigen zu können und sich dabei nicht auf den sogenannten großen Bruder zu verlassen. Familien, bei denen einzelne Familienmitglieder auf die schiefe Bahn geraten sind, gibt es schließlich viele. Aber ich befürchte - hier der Zustandsbeschreibung des Autors durchaus folgend - dass man in Europa die Zeit mit dem Diskutieren von Milchquoten vertun wird.
USA und EU driften wohl auseinander ...
Mit unverfrorener Deutlichkeit schreibt hier ein jenen vermaledeiten Huntington (und Hobbes) im Munde führender amerikanischer Strategie-Vor-Formulierer (und Leitartikler der Washington Post) von einem "ängstlichen, machtlosen" Europa, dem gottseidank die USA selbstbewusst und mit Freude an der (Über-)Macht gegenüberstehe. Der unilaterale Gedanke wird vorgezogen gegenüber dem europäischen Betonen von Konsens, Verhandlung, internationaler Gesetzesfindung. Die Vision, einen permanenten Krieg führen zu müssen für einen permanenten Frieden - sie wird für amerikanisch-realistisch gehalten, ein Europa, das - von KANT infiziert - Träumen nachhinge von Völkerbund und UNO, von internationalem Gerichtshof und friedfertiger Diplomatie: es tanze in "Paradies" zu nennenden Luftschlössern herum. Andererseits wird Europa höhnische Trittbrettfahrerei unter dem amerikanischen Militärschild vorgeworfen, Europa investiere seine Budgets in komfortable Sozialhaushalte, Amerika müsse für seine hohen Militärausgaben unter vergleichsweise schlechter sozialer Absicherung leiden: Der Neo-Konservative Kagan, der immer schon Clinton als zu liberalistisch angegriffen hatte, - er hat in der Bush-Administration die Politiker seiner Wahl endlich wieder am Ruder und hat ein provozierendes, streckenweise sehr unsympathisches, aber dennoch sehr wichtiges Buch vorgelegt, will man das eskalierende Auseinanderdriften zwischen der Weltsicht der USA und der des "alten Europa" zügiger verstehen ...
Hüben und Drüben - transatlantische Einsichten
Amerikaner und Europäer verstehen sich nicht mehr. Naja, den Moore glauben die Deutschen zu verstehen. Der will ja ein anderes Amerika, ein deutsch-französisch-niederländisch-skandinavisches, ein sozialdemokratisches, das uns wieder lieb hat und sich von uns sagen lässt, wie man mit Restmülltrennung und ökumenischen Campingplatz-Gottesdiensten die Welt in Ordnung bringt. Wenn die Welt nur so wäre wie die EU, wäre sie prima.
Wäre sie auch, findet Kagan, ist sie aber nicht. Die Europäer haben sich in 40 Jahren kaltem Krieg und Zusammenraufen so daran gewöhnt, sich gegenseitig nett zu behandeln und nicht im Wechsel der Jahreszeiten den Krieg zu erklären, dass sie glauben, die ganze Welt wäre so wie sie. Sie halten die UN für eine demokratische Institution, setzen auf Kooperation, wirtschaftliche Zusammenarbeit und dergleichen mehr, was sich bei der EU-Schaffung bestens bewährt hat.
Und im Bosnienkrieg halt eben nicht. So gründlich wie die EU-Länder haben sich selten andere blamiert. Die seltsame Mischung aus Großmäuligkeit, Inkonsequenz, Zugeständnissen und Halbherzigkeiten deutet Kagan als ein Symptom europäischer Ratlosigkeit: Europäer haben sich so sehr an die europaweit funktionierenden Systeme gewöhnt, dass sie fassungslos sind, wenn sie sich woanders nicht bewähren. Weil Europa im allgemeinen gar nicht mehr die Mittel habe, mit Krieg zu drohen, befasse man sich auch hauptsächlich mit Problemen, die irgendwie mit Finanzpflastern und Abkommen zu regeln sind. Das sind aber nur einige.
Und nach Meinung der USA sind es nicht die größten. Die Wahrnehmung von Problemen ist jenseits des Atlantiks eine andere. Sich um die Krisen dieser Welt zu kümmern, gilt als spezifisch amerikanische Aufgabe - auch bei Europäern. Dass Bosnien und Kosovo ohne amerikanisches Eingreifen nicht mal die heutige Ruhe hätten, wenn die Europäer sich weiter allein darum gekümmert hätten, ist leider nur allzu offenkundig.
Kagan analysiert die seltsame Mischung aus idealistischen und realpolitischen Motiven, die die Außenpolitik der USA bestimmen. Nach seiner Ansicht ist es vor allem das militärische Machtgefälle, das die Wahrnehmung diesseits und jenseits des Atlantiks bestimmt. Dazu kommt, dass die Europäer sich hauptsächlich mit ihresgleichen beschäftigt haben - und die USA auch, vor allem, mit Ländern, mit denen Bündnisse und Abkommen stets eine ziemlich wackelige Angelegenheit waren.
Wie man vor diesem Hintergrund so etwas wie eine westliche Wertegemeinschaft erhalten kann, warum beide Seiten des Atlantiks einander brauchen, aber auch wo Gefahren der europäischen Realitätsverweigerung und der amerikanischen Alleingangsmentalität liegen, zeigt Kagan verständlich, pointiert und klar auf. Das vermutlich intelligenteste Buch zum Thema „Transatlantik" - für politisch Interessierte ein Muss.
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