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Die Bedeutung des Terrors in Hannah Arendts Erklärungsmodell
Hannah ARENDT liefert in ihrem Erklärungsmodell totalitärer Herrschaft (1951 / New York / The Origins of Totalitarianism) sehr schnell nach Ende des zweiten Weltkrieges ein Konstrukt, mit dessen Hilfe das Verständnis der Zusammenhänge, bei aller Kritik und der Frage nach der Vergleichbarkeit der zugrunde liegenden Systeme, deutlich werden. Die Bedeutung des Terrors stellt sie nicht zuletzt durch ihr 1966 angefügtes neues Kapitel 'Ideologie und Terror' in den Vordergrund. Ist die Interpretation insgesamt auch einer Entwicklung unterworfen, so zeigt ARENDT heute nicht mehr zu diskutierende Tatbestände wie die Multiplikation innerhalb des Staatsapparates auf.
Die über Frankreich aus Deutschland emigrierte Jüdin stellt sowohl innerhalb des Nationalsozialismus als auch im Stalinismus den ideologisch motivierten totalitären Terror nicht allein als Mittel der Machtergreifung, sondern vielmehr als einzige Konsequenz der menschenunwürdigen Grundfiktion einer über allem anderen stehenden Elite.
Wenn Eric A. JOHNSON die Totalität der Bewegung in den Vordergrund stellt, da sie allumfassend ist und den Anspruch hat, alle zu betreffen, schließt er sich zwar auf den ersten Blick nicht zur Gänze ARENDT an, jedoch sieht auch sie in der Zusammenfassung der Masse zu einem einzigen Objekt durch den Druck des Terrors das Kernelement des totalitärer Herrschaft. Terror wird in ARENDTS Konstrukt von einem Mittel zur Machtergreifung zu einem Mittel der Herrschaftssicherung, das sich nicht auf den reinen Druck einer willkürlichen Vernichtung einzelner Elemente stützt, sondern im Zusammenhang einer Ideologie die Freiheit des Einzelnen total beschneidet. Der Raum zum Handeln zwischen den Individuen ist der zentrale Verlust, der den Menschen ihre Menschlichkeit nimmt und die Mitglieder der Bewegung ihre Pluralität entzieht und zu einem Singular der Masse macht.
Nicht nur der Totalitarismustheorien, sondern auch die Werke ARENDTS dokumentieren anschaulich den aktuellen Diskurs. Vielfach scheint die Auseinandersetzung mit der organisierten Schuld der Deutschten, der ‚Banalität des Bösen' oder der Freiheit im aktiven und spontanen Handel im Zuge des Eichmann Buches oder der ablehnenden Haltung während der Studentenbewegung erst heute die Diskussion zu beflügeln. Der humanistische Skeptizismus, die Interdisziplinarität und Unabgeschlossenheit passten lange nicht zu einem Idealismus und der Suche nach der objektiven Wahrheit. Dies mag ein Grund für die Renaisance der Totalitarismusforschung überhaupt und speziell der Auseinandersetzung ARENDTS sein.
Die Furore um Daniel Jonah GOLDHAGENS ‚Hitlers willige Vollstrecker', vielfach kritisiert wegen des Schlusses eines einzigartig deutschen „eliminatorischen Antisemitismus", zeigt doch, wie auch die hohen Besucherzahlen der ebenfalls umstrittene Wehrmachtsausstellung, den starken Wunsch nach weiterer Klärung der Umstände und der weiteren Verifizierung der Hauptverantwortung an den Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Als sich einig erscheinen Historiker und Wissenschaftler anderer Disziplinen, das Interesse wieder zurück zu einer globaleren Sichtweise zu lenken, um die Bedeutung des Konstrukts des Totalitarismus für gegenwärtige und zukünftige Entwicklungen hervorzuheben. Im Zusammenhang mit der Entmachtung des Kommunismus und dem resultierenden „zumindest vorläufigen Untergang einer Herrschaftsform [der totalitären], die bis dahin das 20. Jahrhundert entscheidend geprägt hatte", erwächst ein erneutes vergleichendes Forschungsmotiv. ARENDT kann dazu eine breite Basis liefern, nicht zuletzt weil viele Autoren sich ihrer Argumentation anschließen, ihr versuchen zu widersprechen oder sich zumindest auf ihr Hauptwerk als Grundlage einer politisch-philosophischen Debatte beziehen.
Es ließe sich die Frage aufwerfen, ob das vielfach benutzte geflügelte Wort des ‚Jahrhunderts des Totalitarismus' für das 20. Jahrhundert wirklich zutrifft. Ist dies nicht nur die eine Seite der Medaille und vernachlässigt, dass es sich gleichzeitig um das Zeitalter der Demokratie handelt? Ein Jahrhundert der Unmenschlichkeit liegt hinter uns, aber auch bedeutende Veränderungen wie das Ende der kolonialen Imperien, aus denen nicht zuletzt viele unabhängige teilweise eben demokratische Staaten hervorgegangen sind. Leider kann aber die Zunahme des Anteils der Demokratien aller unabhängigen Staaten auf beachtliche 61% über zwei entscheidende Tatsachen nicht hinwegtäuschen: Zum einen sind nicht alle zumindest formell demokratisch organisiert und Unmenschlichkeit, Gewalt und Terror sind nicht das Monopol des Totalitarismus allein.
In jedem Fall wirken die aktuell zu beobachtenden Veränderungen und Zerwürfnisse der polystrukturellen Weltordnung, die quasi als Demokratie über nationale Grenzen hinweg in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts für ein mehr oder weniger von Frieden geprägtes Zeitalter verantwortlich war, beängstigend. Daraus erwächst der Wunsch nach der Perspektive eines Historikers, der sich am Ende des 21. Jahrhunderts mit den heutigen Entwicklungen auseinandersetzt, mag dieser auch ebenso unerfüllbar sein, wie der nach einer von Frieden und Freiheit dominierten Welt.
Trotzdem oder gerade deshalb möchte ich mich ARENDT anschließen und meine Hoffnung in die Hände einer weitsichtigen Politik legen:
Der Sinn des Politischen ist, dass Menschen in Freiheit, jenseits von Gewalt, Zwang und Herrschaft, miteinander verkehren, Gleiche unter Gleichen.
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