Der Spiegel-Komplex. Wie Stefan Aust das Blatt für sich wendete

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Authors: Oliver Gehrs
Catalog: Book
Media: Gebundene Ausgabe
Release Date: März 2005
Publisher: Droemer/Knaur
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Kategorien - Film, Kunst & Kultur - Medien - Journalismus
Kategorien - Politik & Geschichte - Überblick

Customer Review:
Unterhaltsam präsentierte Analyse
Beim anfänglichen Hineinblättern schreckt einen das Buch eher ab: Als erstes fliegt einem ein Zettel mit (hauptsächlich Bettina Röhl betreffenden) Errata entgegen; in der Einleitung folgen einige Attacken gegen Stefan Aust, die in dieser Heftigkeit etwas verwunderlich sind. Recht schnell gewinnt man den Eindruck, dass bei dem Ex-Spiegel-Redakteur Gehrs auch persönliche Animositäten im Spiel sind. Sieht man darüber aber einmal hinweg, handelt es sich jedoch um ein flott geschriebenes Buch, das man so schnell nicht aus der Hand legen mag. Denn die zentrale Frage ist spannend: Wie konnte aus dem ehemals als "Linksradikalen" angefeindeten Aust ein stromlinienförmiger Zeitgenosse werden, der gegen Windkraft polemisiert, offenbar missliebige Artikel unterdrückt, abenteuerliche Titelstorys wie "Eine Krankheit namens Mann" bringt (für den er die Lila Kröte für den männerfeindlichsten Unfug des Jahres 2004 verliehen bekam) und im Verein mit der "Bild"-Zeitung dumpfsinnige Kampagnen gegen die neue deutsche Rechtschreibung fährt? Wer den "Spiegel" liest, sollte auch dieses Buch lesen.
- Arne Hoffmann -
Die Karriere eines Terrorismusexperten
Merkwürdiger Stefan Aust, merkwürdiger Spiegel. Ausgerechnet unter dem einstmaligen Panorama-Redakteur Stefan Aust wandelte sich das einstmalige 'Sturmgeschütz der Demokratie' zu einem wirtschaftsliberalen Vorreiter und ständigen Mahner vor dem islamistischen Terror und dem Zusammenstoß der Kulturen. 'Wie Stefan Aust das Blatt für sich wendete', lautet der Untertitel. Gehrs beschreibt ausführlich den Werdegang des Journalisten Stefan Aust, inzwischen der einflussreichste Journalist der Bundesrepublik.
Ich kann mich noch gut an die siebziger und achtziger Jahre erinnern und Stefan Aust war für mich geradezu das Muster eines linken und engagierten Journalisten. Er war der Schrecken der politischen Aufpasser bei der ARD, der Ministerpräsident von Schleswig Holstein Gerhard Stoltenberg wollte den NDR-Staatsvertrag auflösen, unter anderem wegen Panorama und den Reportagen von Stefan Aust, der seine Brokdorfpläne torpedierte. Ähnlich wie bei Otto Schily und Joschka Fischer, sehen wir wie Stefan Aust seine alten Überzeugungen des Erfolgs und der Karriere willen mit der Zeit über Bord wirft. Oder haben wir uns in diesen Leuten getäuscht, waren auch die alten Überzeugungen nur Mittel zum Zweck. Gehrs schildert Austs Anfänge der Jugendzeitung 'Wir', bei der linken Zeitung 'Konkret und bei den 'St. Pauli Nachrichten'. Aust gehörte offenbar nie zu den Überzeugungstätern. Ganz im Gegensatz zu seiner damaligen Kollegin bei Konkret Ulrike Meinhof, der späteren Terroristin interessierten ihn keine linken Theorien. Der Erfolg, die Auflage waren ihm wichtiger als linke Utopien und Gesellschaftskritik im Stil von U. Meinhof oder Rudi Dutschke. Bei Konkret widmete er sich stattdessen Sex und Drogen. 1968 erlebte er in Berlin das Attentat auf Dutschke und die Anti-Springer Demonstrationen. Der Kampf gegen Springer wurde für viele Jahre ein wichtiger Bestandteil seines journalistischen Wirkens. Umso mehr muss man sich wundern, wenn man zum Beispiel sieht, wie Aust und der Spiegel Seite an Seite mit Bild und der Springer-Presse die Rechtschreibreform bekämpft. Der Spiegel war früher sehr harsch in seiner Kritik an Springer, davon ist, unter dem Chefredakteur Aust, so gut wie nichts mehr geblieben.
Ein anderes Thema, dem sich Aust mit goßer Energie widmete, war der Terrorismus. Auch im gegenwärtigen Spiegel nimmt der Terrorismus einen breiten Raum ein, allerdings unter einem vollkommen anderen Vorzeichen. Aust erlebte in Berlin die Anfänge des linken RAF-Terrors, als bei der Anti-Springer-Demonstration V-Männer des Verfassungsschutzes die Molotov-Cocktails mitbrachten und den linken Protestieren in die Hand drückten. Aust entdeckte, dass es zwischen Terror und Terrorbekämpfung eine Grauzone gibt, wo man häufig den Spitzel vom Terroristen nur schwer unterscheiden kann. Über viele Jahre beschäftigt sich Aust mit dem Fall Schmücker, einen Fememord an einen vermeintlich abtrünnigen Terroristen. Aust behauptete, dieser Mord sei praktisch vor den Augen des Verfassungsschutzes geschehen, er nennt den Namen eines Spitzels, der in das Verbrechen verwickelt sein sollte. Es stellte sich heraus, dass er offenbar das Opfer einer gezielten Desinformation war - man hatte ihm einen falschen Namen zugespielt, dadurch wurde seine Recherche und seine Kritik an den Behörden entwertet, obwohl er eigentlich Recht hatte, der Verfassungsschutzes war offenbar wirklich in die Sache verwickelt, es war nur der falsche Name den er genannt hatte.
Wenn man sich die gegenwärtige Berichterstattung des Spiegel über den Terrorismus ansieht, als zum Beispiel der Spiegel im Oktober 2003 aus den Vernehmungsprotokollen der angeblichen Chefplaner des 11.9. Binalshibh und Khalid Sheik Mohammed, die in den Händen der Amerikaner sein sollen - man bekommt sie nur nie zu Gesicht, und es ist fraglich ob sie jemals vor einem Gericht erscheinen müssen - zitierte und die Titelgeschichte 'Das Geständnis herausbrachte, da fand zur gleichen Zeit in Hamburg ein Verfahren gegen den angeblichen al-Quaida-Helfer Mzoudi statt und bei diesem Verfahren standen dem Gericht diese Verhörprotokolle nicht zur Verfügung. Der Spiegel konnte aber daraus zitieren und behauptete, die Hintergründe des 11.9. seien jetzt, zum Teil bis ins Detail, geklärt. Diese Berichterstattung beeinflusste das Verfahren in Hamburg und es drängt sich die Frage auf, ob der Terrorexperte Aust inzwischen die Seiten gewechselt hat und nicht mehr als unabhängiger Journalist an der Aufklärung der Tat interessiert ist, sondern diesmal bewusst bei der Verbreitung von Desinformationen mitwirkt. Durch die Berichterstattung wurde das dünne Beweismaterial der Anklage entschuldigt, ohne das die offizielle 'Legende' des 11.9. dadurch ins Wanken geraten würde. Oliver Gehrs beleuchtet in seinem Buch diesen Punkt nicht näher. Es hätte sich gelohnt die Berichterstattung des Spiegel über den 11.9. etwas ausführlicher zu behandeln.
Man kann sich nur schwer vorstellen, dass es Aust immer nur um den materiellen Erfolg ging. Dies spielte wohl schon immer eine große Rolle bei ihm. Andererseits hatte er einen geradezu sportlichen Ehrgeiz, der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Man muss die Hartnäckigkeit die er oft zeigte, bewundern. Dafür ist besonders der Fall Schmücker ein Beispiel. Das letzte Buch zu diesem Thema veröffentlichte er im Jahr 2002 - der Mord ereignete sich 1974.
Insgeamt lohnt es sich meiner Meinung nach, dieses Buch zu lesen. Denn Gehrs berichtet ausführlich über die Themen die den Journalisten Aust bewegt haben - Terrorismus, Atomkraft, Kriminalität, Hausbesetzungen und vieles andere und es sind schließlich Themen, die die ganze Bundesrepublik bewegt haben.
Wie der neue Spiegel: Gut lesbar, wenig investigativ
Der Medienjournalist Oliver Gehrs hat mit diesem Werk die „erste kritische Biographie" über den Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust veröffentlicht.

Chronologisch wird dabei, ausgehend von Austs Anfängen bei der Stader Schülerzeitung „Wir", sein Werdegang über die Stationen konkret, St. Pauli Nachrichten und Panorama geschildert, bis er dann Spiegel TV aufbaut und schließlich als Chefredakteur beim gleichnamigen Magazin landet.

Anders, als die Lektüre des Vorwortes es vermuten lässt, wird dabei über weite Teile des Buches in einem durchaus anerkennend-wohlwollenden Ton über Aust berichtet, so insbesondere in den Kapiteln über dessen Wirken bei Panorama und seine Berichterstattung über Hausbesetzer und die Anti-AKW-Bewegung.

In den Kapiteln über Austs Zeit beim Spiegel werden dann jedoch seine bislang größten Pleiten und Pannen gewürdigt: Der Reinfall auf den Fälscher Michael Born (noch zu Zeiten von Spiegel TV), sein Wirken bei der umstrittenen Titelstory über Windkraft und seine großspurige Ankündigung, zusammen mit dem Springer-Verlag die Rechtschreibreform kippen zu wollen. Zudem wird ausführlich dargelegt, in welchem Ausmaß und aus welchen Gründen - hier ist vor allem Austs autokratischer Führungsstil zu nennen - verdiente Redakteure sich vom Spiegel verabschiedet haben. (Im Vorwort hätte ich mir darüber hinaus ein paar Worte gewünscht, warum Gehrs, der laut Kurzbiographie von 1999 bis 2001 beim Spiegel tätig war, dort gegangen ist oder wurde.)

Der Stil ist gut, das Buch ist flüssig zu lesen, man erfährt auch viele interessante Einzelheiten aus Austs journalistischen Anfängen. (Der Privatbereich ist auf seinen Wunsch weitestgehend ausgespart geblieben.) Vergleicht man das Buch z. B. mit Otto Köhlers Buch über Rudolf Augstein, so sind diese Punkte jedoch ironischerweise genau diejenigen, die Gehrs am „neuen" Spiegel bekrittelt. So schreibt er über eine Titelstory namens „Lachnummer Deutschland": „Ein launiges, gut geschriebenes Stück mit vielen Pointen und dem Fazit, dass die deutschen Politiker Pappnasen sind. ... Generell laufen Geschichten gut, die sich flüssiger lesen als die politischen Spiegel-Artikel von früher und den Leser nicht mit Tiefgang quälen, sondern ihm spannende Details berichten." Ersetzt man „deutsche Politiker" durch „Stefan Aust", könnte so in etwa auch das Fazit über Gehrs Buch lauten. Die Unterschiede im Vergleich zur Augstein-Biographie von Köhler mögen aber auch am Subjekt liegen, schließlich geben das peinliche Agieren in Bezug auf die Rechtschreibreform und ein autokratischer Führungsstil nicht so viel her wie das Protegieren von Altnazis.

So hat Gehrs nichts bislang Unbekanntes ausgraben können, was Aust nachhaltig diskreditieren könnte, die bekannten Vorwürfe und Peinlichkeiten aber amüsant aufgearbeitet. Zudem ist in diesem Buch vermutlich erstmals Austs journalistischer Werdegang detailliert beschrieben. Ich fand's spannend.

Books:

  1. Was ist was?, Bd.55, Das Alte Rom
  2. Die CIA und der 11. September. Internationaler Terror und die Rolle der Geheimdienste.
  3. Bürger, ohne Arbeit. Für eine radikale Neugestaltung der Gesellschaft
  4. Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Antisemitismus. Imperialismus. Totale Herrschaft
  5. Soziologische Grundbegriffe.
  6. Das Kommunistische Manifest. Eine moderne Edition
  7. Theoretische Grundlagen der Fiscal Policy
  8. Hans und Grete. Bilder der RAF 1967-1977
  9. Die Rote Armee Fraktion. RAF. 14.5.1970 bis 20.4.1998
  10. Die Signatur des Krieges. Berichte aus einer verunsicherten Welt

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