Customer Review:
Erfahrung ist alles
Ich bin ein großer "Fan" von Peter Scholl-Latour. Aus einem ganz einfachen Grund: Er nennt die Dinge beim Namen. Nimmt keine Rücksicht auf politisch korrektes Journailiengesülze. Und er hat auch keinen Grund ein Blatt vor den Mund zu nehmen, weil er genau weiß wovon er spricht. Es gibt wohl kaum jemanden der die Nachkriegsgeschichte so hautnah miterlebt hat und noch dazu eine begnadete Beobachtungsgabe besitzt.
Viele werfen ihm vor er sei einseitig, hege Vorurteile, sei anti-amerikanisch (heutzutage ein Schimpfwort), anti-zionistisch, usw.
Aber - gerade weil die Vorwürfe von allen Seiten kommen müssten sich seine Kritiker fragen ob "ihre" (Vor)urteile berechtigt sind. Das lässt aber wahrscheinlich die eigene Eitelkeit nicht zu.
Das Buch ist sehr detailiert und scharf beobachtet. Auch gut geschrieben - aber hier zählt Inhalt mehr als Stil.
Scholl-Latour ist DER Nahost-Experte
Noch als Bürger der DDR kam mir die moralische Polarisierung, die sowohl auf der einen als auf der anderen Seite des sog. Eisernen Vorhangs vorgenommen wurde, merkwürdig und nicht legitim vor. Nach dem Verschwinden der DDR schien eine Zeit lang alles in Ordnung zu sein: Gemeinsam mit vielen anderen hatte ich die Illusion, daß mit der Überwindung des Ost-West-Konflikts die realistische Chance auf globalen Frieden besteht. Der erste Irak-Krieg weckte uns aus den pazifistischen Träumen. Recht bald störte mich an den Nachrichten über den Nahen bzw. mittleren Osten eine wiederum spürbare Polarisierung bzw. tendenzielle Berichterstattung. Zunächst kam das Gefühl, daß nicht alles rechtens ist, was z. B. die USA oder Israel anstellen, nur aus dem Bauch. Faktenwissen fehlte bzw. war unzureichend. Im Laufe der Zeit achtete ich auf ausführlichere Kommentare und begriff, daß die deutschen Nachrichtensendungen nach sehr suspekten Maßstäben zusammengestellt sind (z. B. "sensationell" oder "unterhaltend"). Ich kann nicht behaupten, daß es mir im Laufe der Jahre gelungen ist, einen Durchblick durch alle wesentlichen Zusammenhänge in Nahost zu erlangen. Dennoch wurde mir klar, daß mich das noch als DDR-Bürger erlangte Unrechtsbewußtsein nicht getäuscht hatte, was den Umgang der westlichen Welt mit z. B. den Palästinensern oder den Kurden betraf.
In dieses gewachsene kritische Bewußtsein hinein fuhr dann Nine-Eleven wie eine Naturkatastrophe. Der daraufhin einsetzende offizielle Antiterroraktionismus hatte etwas Hysterisches an sich. Die grassierenden antiamerikanischen Verschwörungstheorien waren nicht minder suspekt. Und dann war es wieder da, dieses Gefühl im Bauch, daß etwas nicht stimmt, als die geradezu demagogische Hetze gegen den Irak begann. Unter Saddam Hussein wollte ich bestimmt nie leben, aber daß die Gründe für den Krieg gegen den Irak an den Haaren herbeigezogen waren, hat sich ja inzwischen herumgesprochen.
Gleich am 11.9.2001, nur wenige Stunden nach dem Attentat auf die NewYorker Tower, hörte ich das erste Mal die Einschätzung, daß dieses Ereignis die Welt für immer verändern würde. Schon damals dachte ich: Das ist Unfug - jetzt passiert möglicherweise nur das, was passieren mußte als Reaktion auf jahrhundertelanges Unrecht. Die westliche "Zivilisation" hatte nie ein Gefühl für die Unrechtmäßigkeit ihres eigenen Wirkens in der Welt entwickelt.
In der Zeit, wo laut über den Krieg gegen den Irak als erste Anti-Terror-Maßnahme nachgedacht wurde, erschien eines der Bücher von Peter Scholl-Latour mit Berichten und Lageeinschätzungen aus dieser Region. Ich war erfreut, etwas von einem Autor zu lesen, der durch seine Erfahrung und Sachkundigkeit wahrlich berufen ist, zum drohenden Konflikt Stellung zu nehmen. Gleichzeitig begriff ich, daß die Probleme derart vielschichtig sind, daß es für einen Außenstehenden - also für uns alle (!) - nahezu unmöglich ist, alles zu durchschauen.
Das Buch "Weltmacht im Treibsand" gelesen zu haben heißt nicht, über die vielschichtige Problematik des Nahen Ostens mitreden zu können. Aber es hat bei mir u. a. bewirkt, daß durch die Art und Weise, in der der Autor über persönliche Erlebnisse berichtet, mir die Menschen im Irak und anderen Ländern des Nahen Orients irgendwie vertrauter werden, menschlicher erscheinen. Vielleicht ist es das, was wir in diesen Zeiten benötigen: Andersdenkende als Menschen wie uns selbst wahrzunehmen, uns selbst nicht für den Nabel der Welt zu halten, eigene Überzeugungen - ohne sie unbedingt aufzugeben - mit den Überzeugungen anderer in eine Relation zu setzen, anstatt in intoleranter Weise andere Meinungen abzulehnen. In dieser Weise denken zu können setzt wenigstens eine gewisse Sachkenntnis voraus. Das hier in Rede stehende Buch gibt neben den anderen Titeln desselben Autors hierfür hervorragende Denkanstöße.
Der Autor leistet mit seinen Büchern wichtige Beiträge zur Füllung der Lücke über konkretes Faktenwissen, den Nahen Osten betreffend. Auch das hier besprochene Buch trägt somit dazu bei, Entscheidungen darüber, was in der großen Weltpolitik gut oder ungut sei, weniger als bisher nur aus dem Bauch heraus finden zu müssen. Der Autor bringt es fertig, die einzelnen Konflikte in Nahost in einen Zusammenhang zu stellen. Auch das ist etwas, was absolut notwendig ist, um Ereignisse richtig zu bewerten. Wenigstens ein Bruchstück dieser Fähigkeit wünschte man auch den Leuten, die auf dieser Welt Politik machen. Nicht nur Peter Scholl-Latour selbst wundert sich darüber, warum deutsche oder andere Politiker offenbar Schwierigkeiten haben, Experten zurate zu ziehen, um geeignete Entscheidungen treffen zu können. Die Detailkenntnisse Scholl-Latours über den Nahen Osten machen ihn in meinen Augen zu einem Experten, auf dessen Rat unbedingt gehört werden sollte.
Peter Scholl-Latour zieht in seinen Büchern Schlüsse grundsätzlich nur aus seinen eigenen Beobachtungen und seinem gesunden Menschenverstand. Nur so wird es möglich, zur europäischen oder amerikanischen Nahost- und Weltpolitik den notwendigen kritischen Abstand einzuhalten und Mißstände beim Namen zu nennen. Letzteres ist notwendiger denn je: Mehr als einmal warnt der Autor vor politischen Schritten, die das Gegenteil dessen bewirken, was man sich erhoffte: dem friedlichen Zusammenleben verschiedener Staatsformen und Religionen zum Nutzen aller Menschen ein Stück näher zu kommen.
Ein besserer Scholl-Latour
Peter Scholl- Latour gilt als ausgebuffter Kenner des nahen und mittleren Osten. Durch zahlreiche Reisen erwarb er sein Wissen ueber die Zusammenhaenge vor Ort und den Menschen zwischen Maghreb und Hindukusch. Mit "Weltmacht im Treibsand" zeigt er zugleich seine analytischen Faehigkeiten und entlarft das Scheitern der USA im Irak, Afghanistan, Iran und Libanon. Obwohl 2005 erstmals erschienen, ist das Buch heute aktueller denn je.
Duestere Bilanz der Weltmacht
"Die Bilanz sieht duster aus fuer die `Weltmacht im Treibsand'. Alles deutet darauf hin, dass George W. Bush seinen Eroberungskrieg in Mittel-Ost, den er 2003 unter der Losung `Iraqi Freedom' ausloeste, bereits verloren hat. Die Frage stellt sich heute immer dringlicher, auf welche halbwegs honorige Weise die US-Army sich aus dem mesopotamischen `Quagmire', aus diesem Morast, wie die amerikanischen Kritiker schreiben, absetzen kann", schreibt der Autor in seinen einleitenden Worten.
Irak und Iran als grosse Brocken
Im Verlauf des Buches versucht er den moeglichen Weg aus diesem Morast fuer die USA aufzuzeigen. Dabei bietet er dem Leser nicht wie in vielen Buechern vor diesem einzelne kleine Haeppchen, sondern mehrere grosse Brocken an. So beginnt er nach seinem aktuellen Vorwort mit der Tour d' Horizon, einer Art Ueberblick ueber die Weltlage. Mittendrin im Treibsand, statt nur dabei die Weltmacht USA, die an verschiedenen Punkten der Welt ins Straucheln geraten ist. Diesen Kampf der religioesen Fanatiker tituliert er auch konsequent mit "Gotteskrieger in Ost und West".
Deutschland am Hindukusch
Der naechste Gang besteht aus einem Allerlei aus Afghanistan. Schon 2005 vernahm Scholl-Latour die "Warnzeichen aus Dien Bien Phu" am Hindukusch. Die Lage drohe zu eskalieren. In diesem Kapitel befasst er sich vor allem mit den deutschen Streitkraeften am Hindukusch, auf die noch eine heisse Zeit zukommen werde. Wie recht Scholl-Latour (wieder einmal) gehabt hat, zeigt sich an der prikaeren Lage im Sommer 2006. Deshalb raet er bereits ein Jahr zuvor: "Vielleicht taete die Berliner Regierung gut daran, sich rechtzeitig mit Moskau in Verbindung zu setzen, um im Extremfall eine zuegige Evakuierung vorzunehmen."
Irak, Iran und Libanon
Das "Ende des Heiligen Experiments" und "Die Super- Intifada" und schliesslich "Gelbe Fahnen am `boesen Zaun' sind die Headlines ueber die Kapitel ueber den Iran, Irak und die Lage im Libanon. In diesen geht er den Ursachen des amerikanischen Scheiterns in der Nahostregion auf den Grund. Wie in frueheren Buechern kann er hier auf zahlreiche Kontakte aufbauen. Gleichzeitig schlaegt er historische Boegen von Timur bis Hitler, vom Mittelalter bis in das aktuelle Geschehen.
Irak:" Die Berufssoldaten von heute, die Donald Rumsfeld ins Zweistromland schickt, stamen meist aus aermlichen, unterpreviligierten Schichten. Auf Grund ihres bescheidenen Bildungs- und Intelligenzniveaus begegnen sie den tueckischen Gefahren des Orients mit wuetender Hilflosigkeit."
Der Hund und sein Herrchen
Er kommt auch nicht umhin das Verhaeltnis von Grossbritannien zu den USA auszuloten. Dies vor dem Hintergrund der Diskussion um die umstrittenden Haftanstalten von Abu Graib und Guantanamo. "Am Ende dieser Sendung, noch unter dem Eindruck der beiden Haftanstalten, uebt das strahlende Laecheln Tony Blairs, das er wieder einmal in unterwuerfiger Gemeinsamkeit mit Praesident Bush in die Kamera fletscht, eine Schockwirkung aus."
"Im Grenzdreieck zwischen Libanon, Syrien und Israel brauen sich neue Gewitter zusammen. Noch weiss niemand, wie sich die radikalen Veraenderungen an Euphrat und Tigris oder am fernen Hindukusch auswirken werden", schrieb der Autor 2005. Im Sommer 2006 regnet es Bomben in Haifa und im Suedlibanon.
Mit Herz und Hirn
Meist sachlich, aber auch mit ein wenig (all)wissender Ironie evaluiert er das Zeitgeschehen, greift auf fruehere bereits erschienene Werke von ihm selbst zurueck, rezitiert gekonnt andere Publizisten. Er bewegt sich trotz oder gerade wegen seines Alters meisterhaft durch Raum und Zeit des Nahen Ostens. In der Mitte des Buches finden sich einige Karten sowie ein Bild, das ihm immer wieder die Pforten oeffnet. Ein Foto zeigt ihm mit dem Ayatollah Komeini.
Immer wieder wenn er in einer scheinbar ausweglosen Lage ist, oeffnet ihm als Beweis und nicht als Angabe ein gemeinsames Bild mit dem iranischen Revolutionsfuehrer Komeini die Tueren des Nahen Ostens. Gleich dem Motto "Sesam oeffne dich"!
Dieses Buch ist all jenen zu empfehlen, die sich an Scholl-Latour noch nicht ueberlesen haben, ihn kennenlernen wollen oder wissen moechten auf welche Überraschungen wir uns noch einestellen muessen.
Thomas Brackmann
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