Customer Review:
Unbedingt lesenswert
Fast zu schön kommt dieses Büchlein zu einem weniger schönen Thema daher - eine Novelle oder einen philosophischen Essay würde man hinter so einer Aufmachung eher vermuten. Leider wirkt sich die biliophile Gestaltung auch auf den Preis aus - schade, den man muß diesem Buch weite Verbreitung wünschen.
"Rudi Dutschke war ein Pazifist. Andreas Baader war ein irregeleiteter Idealist. Zwischen den 68ern und der RAF besteht nur ein loser Zusammenhang. Die Gewalt der Terroristen war eine Reaktion auf erlittene Ohnmachtserfahrungen." Das sind einige der weit verbreiteten Deutungsmuster, die in den drei Abschnitten des Buches widerlegt werden, sachlich, fast ohne Polemik, mit zahlreichen Belegen. Man lernt nicht nur etwas über die RAF, sondern auch über eine Öffentlichkeit, die nur zu bereit war und ist, sich von diesen Terroristen ein verklärtes Bild zu machen. Ein wichtiges Buch. Ja, und noch etwas Positives: es ist in der "alten" Rechtschreibung gedruckt.
Knapp, präzise, klar
Ein schmaler Band der Hamburger Edition, aber er in seinen drei Aufsätzen enthält er Brisantes und Lehrreiches:
Als erstes setzt sich Wolfgang Kraushaar mit Rudi Dutschke auseinander und weist anhand von Manuskripten aus dem Archiv des Hamburger Instituts für Sozialforschung, das die Hamburger Edition herausgibt, nach, wie nah Dutschke dem bewaffneten Kampf und damit letztlich dem Terrorismus der RAF stand. In einer klaren, schnörkellosen Sprache stellt Kraushaar die bisher unbekannten Dokumente dar und zeigt, daß auch bei Dutschke der Schritt von der Gewalt gegen Sachen zur Gewalt gegen Menschen nicht so groß war, wie mancher Mythos dies zu gern sähe.
Eingänginger, blumiger und mit vielen Annahmen, auch Unterstellungen beschäftigt sich Karin Wieland mit dem Dandy und Exzentriker Andreas Baader (a.). Folgt man ihrer Darstellung, so hat Baader in der terroristischen Betätigung bis hin zum gemeinsamen Stammheimer Selbstmord mit Ensslin und Meinhof vor allem die Selbstbestätigung und Selbstdarstellung gesucht und gefunden.
Schließlich beleuchtet Jan Philipp Reemtsma schonungslos und fast bitter aus seiner eigenen Erfahrung als Gewaltopfer, die er nicht erwähnt, die aber deutlich durchscheint, wohin unkritisches Verständnis der damaligen Terroristen führt. Als Beispiel dient ihm Horst Eberhard Richter, der die vermeintliche Ohnmacht der Terroristin Birgit Hogefeld als Sichtweise übernimmt und sich damit den Blick verstellt für die absolute Machtposition der RAF, die sich bewaffnete und fast beliebig tötete. Brutalität und Vulgarität seien das Kennzeichen der Gruppe gewesen, wohin sie sich auf der Suche nach Authentizität verirrte und damit letztlich scheitern mußte. Die Lektüre von Reemtsmas Aufsatz ist die schwierigste in diesem Buch, das insgesamt für jeden, der sich mit der Geschichte der RAF beschäftigt, absolute Pflichtlektüre sein sollte.
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