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Mit der Neuordnung alter Werter aus der Krise
Dieses Buch wird Allen helfen, die nach der Suche nach einer Antwort auf die Frage nach der Stagnation der deutschen Gesellschaft außerhalb der gängigen Klischees finden möchten. Nolte zeigt anhand der deutschen Geschichte seit dem Kaiserreich, dass die Mentalität der Deutschen selber die Ursache für das Problem ist. Im Einzelnen schildert er auch Symptome wie die Schichtung der Gesellschaft, die der Sozialstaat zu "vertuschen" versucht und dabei gänzlich scheitert. Nicht zuletzt Harald Schmidt hat durch die Aufnahme Noltes Begriff des Unterschichtenfernsehen gezeigt, dass dieses Buch diverse Denkanstöße geben kann. Durch eine Neuordnung von Werten wie u.a. Familie, Fleiß, Verantwortung zeigt er einen Weg aus der Krise.
Klare Diagnose und Therapie - am Ende entschärft?
"Generation Reform" klingt pathetisch. Der Titel soll wohl bewirken, dass zur Kenntnis genommen wird, dass es sie überhaupt gibt, jene Generation, die sich faktisch aus der Politik zurückgezogen hatte und sich jetzt aus der Reserve locken lässt, um ihre Erfahrungen einzusetzen, "aus denen sie in den nächsten Jahren Verantwortung für eine neue Republik übernehmen kann." (S. 18)
Die von Paul Nolte vorgelegte Analyse der momentanen Situation und wie es dazu kam, ist schonungslos, realistisch und insofern akkurat. Sie führt zum Kern des Buches, dem Gedanken, dass ein "Systemwechsel des Denkens, ein neues Strickmuster unseres Gemeinwesens" ((S. 139) überfällig ist und welche Reformschritte in seine Richtung weisen:
1. Verfassungsreform: echter Parlamentarismus, Reform des Föderalismus
2. Reform des Sozialstaates
3. Gebührengesellschaft statt Steuerstaat
4. Ausbruch aus dem deutschen Equilibrium ("alles ist im Ausgleich")
5. Aufgeklärter Patriotismus (S. 139 - 144)
Nolte kann den "Systemwechsel des Denkens" auch "neuen Gesellschaftsvertrag" nennen. Das erfordert Konsens und deshalb wohl klopft er die Sozialdemokratie, den Konservatismus und die Religion darauf hin ab, welcher Beitrag zum neuen Denken von ihnen zu erwarten ist.
Diese Erwägungen münden in Postulate wie "reflektierte Modernisierung" und "verantwortliche Veränderung", nicht nur: "Verantwortung zur Veränderung". Beispielsweise rechnet er mit Unterstützung durch religiöse Potentiale, "die Modernisierung zu zivilisieren" (S. 246). Das gipfelt im letzten Satz des Buches: "Denn Wissen und Vernunft, Kognition und Rationalität führen, auf sich gestellt, nicht zu diesem Ziel." (S. 246)
Einstweilen stehen wir vor einem Berg von Problemen, die durch einen schier unglaublichen Mangel an Wissen, Vernunft, Kognition und Rationalität heraufbeschworen wurden, wie Nolte durch seine eigene Analyse hinreichend belegt. Die abwägenden Überlegungen gegen Ende des Buches können angesichts deutscher Gemütslage nur zu leicht als Alibi dafür dienen, lieber zu reflektieren und auf diese Weise gelehrt zu blockieren, statt endlich zu reformieren.
Nach einer tiefschürfenden und brillianten Diagnose und daraus folgerichtig abgeleitet konkreten Therapieschritten wirkt das Buch gegen Ende vage und entschärfend, so als walte das Erschrecken über den Scharfblick und die Angst vor der eigenen Courage.
Das ist insofern bedauerlich, weil Paul Nolte entscheidend Wichtiges für unsere Zukunft leistet und davon auch weiß: "Wer jetzt den Wandel verweigert, der lädt sich für die Zukunft Folgelasten auf, die tatsächlich die Legitimität des Staates, die Stablität von Demokratie und Gesellschaft gefährden könnten." (S. 136)
Die Reformen kommen - ob wir wollen oder nicht!
In dieser hervorragend recherchierten und treffend durchgeführten Darstellung beschreibt Nolte zunächst den momentanen Zustand der deutschen Gesellschaft, ausgehend von der Entwicklung seit Ende der NS-Zeit, zum Teil jedoch auch unter Rückgriff auf Strukturen, die ihre Ursache in weiter zurückliegenden Entwicklungen (Industrialisierung, Entstehung des Bürgertums etc.) haben. So kommt er zu einer präzisen Beschreibung der Umstände, an denen (nicht nur) die deutsche Seele krankt:
Die fehlende Bereitschaft zur Veränderung, metaphorisch bspw. in „Die Mäuse-Strategie für Manager" (S. Johnson - auch sehr lesenswert, nicht nur für Manager!) beschrieben, wird von Nolte in aller Deutlichkeit als jedermann betreffend dargestellt. Denn keineswegs an einer „Unfähigkeit" zur Reform (die als solche die Schuldlosigkeit der von ihr betroffenen impliziert), sondern an einem (selbst zu verantwortenden) umfassendem Widerwillen gegenüber Wandel, Veränderung, solange das gewohnte Nest noch vermeintlich sicher und einigermaßen bequem ist, leidet die Gesellschaft. Unter Verweis auf das deutsche Wirtschaftwunder und Leistungen während des Wiederaufbaus herrscht nach wie vor die Überzeugung, derzeitige Einbrüche seien vorübergehend, danach gehe es schon irgendwie weiter aufwärts.
„Kritikfähigkeit" wird in unserer Gesellschaft oft mit „räsonnieren" verwechselt: Statt von der Überlegung ausgehend, wo Schwächen, Probleme liegen, um diese dann gezielt zu bekämpfen, haben viele Menschen Schwierigkeiten, über diese wichtige Erkenntnisphase hinauszukommen und die identifizierten Probleme offensiv anzugehen. Daraus erwächst auf der einen Seite der Hang zur optimismusfreien Schwarzmalerei, dem auf der anderen Seite weder die Bereitschaft zur Abhilfe der angeprangerten Zustände noch entsprechende Taten folgen.
Stattdessen wird sich gerne auf „Die" Gesellschaft oder „die" Politiker berufen. „Die" müssen doch was machen! Doch „die" Gesellschaft ist ein abstrakter Begriff, dessen Atom das Individuum ist und deren Zugehörigkeit sich daher kein Individuum entziehen kann. Und „die" Politiker machen natürlich nur das, was in „der Gesellschaft" auf positive (bzw. zumindest keine negative) Resonanz stößt. Unpopuläre Maßnahmen jedoch, das hat die aktuelle Reformdebatte in aller Deutlichkeit gezeigt, scheitern regelmäßig an der Einflussnahme übermächtiger, vornehmlich an Besitzstandswahrung interessierter Lobbyisten, während die zunehmende Zahl derer, die die Notwendigkeit von Veränderungen sehen und auch mitzutragen bereit sind, bisher über keine (wirksame) Stimme verfügen. Bestes Beispiel: aktuelle Äußerungen von Gerhard Schröder zum Abbruch der Reformbemühungen der Regierung, denen zufolge den Bürgern nicht noch mehr Einschnitte zugemutet werden dürften (Im Gegenteil, Herr Bundeskanzler!).
Diese Essaysammlung von Paul Nolte ist sehr empfehlenswert, da sie eine differenzierte Beschreibung auch der Ursachen des deutschen „Reformstaus" bietet, wobei der Verfasser dankenswerter Weise nicht der Versuchung erliegt, in die, zur Zeit populären, oberflächlichen Klagegesänge von „Sozialabbau" und der allgemeinen Verschlechterung der Lebensumstände in Deutschland einzustimmen. Im Gegensatz dazu verdeutlicht er die Grenzen der unreflektierten Egalisierung gänzlich unterschiedlicher Bevölkerungsschichten mit gänzlich unterschiedlichen Lebensentwürfen unter dem Deckmäntelchen des „Sozialen" und unter dem Schlachtruf „Alle Menschen sind gleich!".
Jeder Einzelne, so seine Aussage, kann mit gutem Willen (und muß, letztendlich auch gegen seinen Willen) zur Modernisierung Deutschlands beitragen.
Einziger Mangel dieses Buches ist ein auffallend lieblos durchgeführtes Lektorat, vor dem sich zahlreiche Fehler und sprachliche Mängel retten konnten.
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