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Zwischen Nähe und Distanz
Als ständiges Geben und Nehmen bezeichnet diese Dissertation (Universität Zürich) das Zusammenspiel von deutschen Eliten aus Politik und Journalismus
„Du gibst mir Background-Infos und ich erwähne dich lobend in einer anderen Geschichte." Politiker und Journalisten sind aufeinander angewiesen. So könnte eine der Quintessenzen der Studie „Inszenierung und Interpenetration" lauten, die Jochen Hoffmann im Oktober 2002 an der Universität Zürich als Dissertation einreichte. Hoffmann sprach 1999 mit 50 aktiven und ehemaligen deutschen Spitzenpolitikern und Journalisten überregionaler Leitmedien - unter den 27 Journalisten befanden sich Manfred Bissinger, Jörg Howe, Werner Funk und Hans Mahr, zu den 23 Politikern gehörten unter anderen Franz Müntefering, Antje Radcke, Dr. Thomas Goppel und Dr. Wolfgang Gerhard. Die Eliten der Branche beantworteten ihm seine Fragen zur gegenseitigen Einflussnahme und geheimen Absprachen. Damit bringt die empirische Studie Licht in das bisher wenig untersuchte Verhältnis zwischen Politikern und Journalisten.
Die Akteure aus beiden Gruppen brauchen einander: Die Politiker handeln, diskutieren, mahnen an und die Journalisten tragen ihre Eindrücke von der Wirklichkeit an die Öffentlichkeit, kommentieren und liefern exklusive Hintergründe. In dem harten Konkurrenzkampf zwischen den Medien ist dies oft gar nicht so einfach. Die Journalisten müssen, um an die wichtigen Informationen heranzukommen, möglichst nah am Geschehen sein. Um objektiv berichten zu können, benötigen jedoch sie Distanz. Distanz und Nähe sind Worte, die in der Studie oft fallen. Beides kann in der falschen Dosis - hier sind sich die meisten Befragten einig - für die Akteure gefährlich sein.
Das Potential zur Beeinflussung der Themensetzung (Agenda-Setting) sieht der Autor klar bei den politischen Akteure. Durch Reden, Veranstaltungen und andere Initiativen haben sie die Möglichkeit aktiv die Agenda zu beeinflussen. Die Befragten nennen aber auch unterschiedliche Möglichkeiten der Dethematisierung: Ein Thema kann durch den bewussten Entzug von Nachrichtenfaktoren (Nähe, Eliten, Negativismus) aus den Medien verschwinden, wenn die beteiligten politischen Akteure gemeinsam handeln. Ebenso weit verbreitetet scheint das Aufmerksamkeits-Splitting oder die Themen-Substitution zu sein, um ein unliebsames Thema herabzustufen. Seine Thesen belegt Hoffmann mit Zahlen und interessanten O-Tönen.
Doch wer inszeniert hier wen? Sind es allein die politischen Strategen, die durch ihre Anpassung an die Medien die Berichterstattung beeinflussen? Hoffmann verneint dies und zitiert repräsentativ einen aktiven Printjournalisten, der eine „anständige Stinkbombe legen oder einen Krach lostreten" will. Dieser Redakteur bittet dann einen Politiker, ein politisches Papier mit bestimmten Forderungen zu verfassen. Das Blatt gewährt ihm zur Publizierung eine Bühne und profitiert von der hohen Auflage und davon, von Kollegen oft zitiert zu werden.
Hoffmann (Anänger der Interdependanztheorie) beleuchtet das Zusammenspiel der Eliten tiefgründig und facettenreich. Die gegenseitige Abhängigkeit scheint es zu geben. Denn beinahe die Hälfte der Befragten sieht eine Interdependenz von Politik und Journalismus. Mehr als ein Drittel der Interviewten sieht die Politiker sogar in einem deutlichen Abhängigkeitsverhältnis von Journalisten.
Freilich liefert Hoffmann hier kein Handbuch zur Vorbeugung und frühzeitigen Erkennung von politischer Inszenierung oder journalistischer Einflussnahme, doch das ist auch nicht sein Ziel. Dem Autor geht es um die Beschreibung der Interpenetrationszone, die die Handlungsspielräume zwischen den Akteuren ebenso eröffnet wie begrenzt. Geschrieben ist das Buch vornehmlich für Wissenschaftler im Bereich Politik und Medien. Der wissenschaftliche Laie wird eher Mühe bei der Lektüre haben, jedoch lockern die anonymisierten O-Töne aus den Interviews den Text auf. Die Studie gibt einen klaren empirischen Einblick in das tägliche Geschäft mit den Waren Information und Publizität.
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