Customer Review:
Kurz aber gut
Eine der Grundüberzeugungen meines Lebens ist diese: Ein wirklich gutes und spannendes Buch findet man nur durch Zufall. Möglicherweise könnte man sogar sagen, daß DAS BUCH einen findet. Warum ich „Eine kurze Geschichte des Universums" der amerikanischen Wissenschaftsjournalistin K. C. Cole aus dem Regal mit den Neuerscheinungen herausgenommen und den Klappentext gelesen habe, weiß ich nicht mehr. Besagter Klappentext war nicht einmal besonders einladend; er enthielt Worte wie „anschaulich" und „unterhaltsam", also Vokabeln, die im Zusammenhang mit Sachbüchern beinahe schon zwingend sind. Der Titel war plump, weil ebenso schamlos wie offensichtlich auf Stephen Hawkings Bestseller „Eine kurze Geschichte der Zeit" gemünzt (freilich ein Verschulden des Verlags respektive dessen hochbezahlter Marketing-Strategen, denn im Original heißt das Werk weitaus treffender „The Hole in the Universe").
Ich habe das Buch trotzdem gekauft. Ich habe es gelesen, und ich werde es als ein Buch in Erinnerung behalten, das ein paar jener verschlossenen Türen geöffnet hat, die wir alle in unseren Köpfen mit uns herumtragen.
Thema des Werkes ist nichts, im wahrsten Sinne des Wortes, und „Nichts", so schreibt K. C. Cole im Vorwort, „ist das bei weitem schwierigste Thema, das ich je auf die Seiten eines Buches bannen wollte." Was zunächst wie der Beginn eines philosophischen Disputs ohne intellektuellen Nährwert anmutet, entpuppt sich sehr schnell als eine Reise zu den Grenzen des eigenen Verstandes. Von der ersten Zeile an vermag die Autorin mit ihrer bildhaften und schlicht-verständlichen Sprache die Faszination an dem zu wecken, was nicht da ist und doch jeden einzelnen Aspekt unseres Lebens bestimmt. Ob Relativitäts- oder Stringtheorie, ob gebrochene Symmetrie oder stabiles Vakuum - hier gerät selbst der komplizierteste mathematische Sachverhalt zum federleichten Spiel mit der Phantasie, und beweist in beeindruckender Art und Weise eine weitere Grundüberzeugung meines Lebens: Es gibt keinen schwierigen Lehrstoff - es gibt nur schlechte Lehrer!
Wie so viele andere vor ihr, benutzt auch K. C. Cole Bilder aus dem Alltag, um die oft jedem Alltag Hohn sprechenden Prinzipien der theoretischen Physik zu erläutern, doch im Gegensatz zu ihren Kolleginnen und Kollegen feuert sie die meist originellen Allegorien gleich in ganzen Breitseiten ab und gibt ihren Lesern keine Chance zum Nichtbegreifen.
An den Anfang ihrer Antworten stellt K. C. Cole die Fragen, und sie formuliert sie so, daß man fast jedesmal ins Staunen gerät. Wenn doch Atome, so die Autorin, zu mehr als 99,99% aus leerem Raum bestehen (und das tun sie), warum können wir dann nicht durch Wände gehen? Und wenn sie zeigt, wie und warum eine Division durch Null jedes gewünschte Resultat ergibt, wird selbst die Mathematik (mein ganz privater Alptraum in langen Schul- und Studienjahren) mit einemmal zum zauberhaften Schaukasten der Inspiration.
Am Ende steht aber auch die ein bißchen deprimierende Erkenntnis, wie wenig wir bisher von dem verstehen, was das Universum uns seit Jahrmilliarden zeigt. Die Stringtheorie (oder auch M-Theorie, wie sie oft genannt wird) ist dafür wohl das beeindruckendste Beispiel. „Sie ist", so die Autorin, „wie ein Computer, den man ohne Bedienungsanleitung im neunzehnten Jahrhundert abgeworfen hat. Die Leute könnten mit dem Computer herumspielen und ihn vielleicht dazu bringen, wunderbare Tricks zu vollführen. Aber niemand könnte - nicht einmal im Prinzip - herausfinden, wie der Computer funktioniert, aus dem einen schlichten Grund, daß die Wissenschaft, die hinter den Computern steckt, nämlich die Quantenmenchanik, damals noch gar nicht erfunden war."
Dieses Buch macht einen ein paar Stunden zum Entdecker, zum Forscher an der eigenen Grenzenlosigkeit. Es zeigt, wie sehr unser Leben von dem bestimmt wird, was da ist, was wir greifen und begreifen können, und wie viel uns dadurch verborgen bleibt. Wer Spaß an einem Ausflug zum Nullpunkt des Seins und in die Unendlichkeit des Werdens hat, wer ein paar kleinere und größere intellektuelle Herausforderungen nicht scheut, für den wird die „kurze Geschichte des Universums" vor allem eines sein: Viel zu kurz und viel zu schnell vorbei.
Schönes Buch mit falschem Titel
Das Buch ist flüssig zu lesen und stellt viele Sichtweisen der modernen Physik und Kosmologie dar. Zentraler Punkt ist die Funktion des "Nichts" oder Vakuums und dessen physikalischer Funktion im Schöpfungsakt. Das gelingt - wenn auch nicht immer in die letzte Tiefe gehend - durchweg gut. Unterhaltsam und staunend macht man Ausflüge in die M-Theorie usf. Wer Greenes elegantes Universum kennt, wird dieses Buch mögen.
Die Marketingabteilung des deutschen Verlages ist stümperhaft, wenn sie den eigentlich reizvollen englischen Titel "The hole in the universe" verfälscht und in Anlehnung an Hawking mit "Kurzer Geschichte.." ersetzt. Das hätte mich von diesem, mit eigenen Gedanken und einer eigenen Sichtweise geschriebenen Buch vom Kauf fast abgehalten. Merke: Wer sich an andere dranhängt vermittelt eher den Eindruck eines Klonproduktes. Und ich wünsche der Marketingabteilung eher eine kurze Geschichte ihres Bestandes.
Books: