Bayern und die Phantomzeit

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Bayern und die Phantomzeit


Authors: Heribert Illig, Gerhard Anwander
Catalog: Book
Media: Broschiert
Release Date: Oktober 2002
Publisher: Mantis Verlag
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der Abgesang des Herrn Illig
Und schon wieder ein Buch von Heribert Illig. Diesmal versucht er seine Phantomzeitthese für sein Heimatland Bayern nachzuweisen, indem er die schriftliche Überlieferung, die aus der von ihm diagnostizierten Phantomzeit stammt, mit den archäologischen Funden Bayerns vergleicht. Dabei gelangt er zu der Erkenntnis, daß sich die Archäologie nicht mit der Mediävistik in Einklang bringen lasse, was er als erneuten unwiderlegbaren Beweis für seine These wertet. Besonders gerühmt wird sein Werk von vielen seiner Leser u.a. für seine angeblich genaue Recherche der Literatur und akribische Analyse des Materials.
Der Mediävist - so wie ich einer bin - kann da nicht umhin, mal etwas genauer hinzuschauen. Und der Inhalt dieses Werkes kann - und das dürfte niemanden wirklich überraschen - dem nicht standhalten. Da der Platz hier leider sehr begrenzt ist, sei dies nur an einem Beispiel vorgeführt.
Gemeint sind seine Aussagen über die Fossa Carolina (S. 65ff.), die als erster schiffbarer Kanal die Stromsysteme von Rhein und Donau miteinander verbinden sollte und um das Jahr 793 auf Veranlassung Karls des Großen gebaut wurde. Da ihre Entstehung damit nicht nur mitten in Herrn Illigs Phantomzeit fällt, sondern sie obendrein auch noch direkt auf Karl den Großen zurück geführt werden kann, mußte der Kanal von Herrn Illig zwangsläufig in eine andere Epoche datiert werden, zumal die Existenz der heute noch sichtbaren ruinösen Überreste des Kanals schlechterdings nicht zu leugnen ist. Er datierte den Kanal daher in das 12. Jahrhundert. Eines seiner Argumente basiert dabei auf der Annahme, daß die frühmittelalterlichen Zeitgenossen schon die zum Bau benötigten logistischen Mittel nicht hätten bereitstellen können. Die für das Bauvorhaben notwendige Arbeiterzahl - so argumentiert er weiter - werde auf 12.000 bis 20.000 geschätzt und eine solche Menge an Menschen hätte eben nicht versorgt werden können. Dabei legt Herr Illig allerdings den Forschungsstand der 60er Jahre zugrunde, denn diese Zahlen wurden seinerzeit von Hans Hubert Hofmann errechnet, der aber - wie wir heute wissen - falsche Ausgangsdaten zu Grunde legte. Die von ihm errechneten und von Herrn Illig angegebenen Zahlen (S. 65), gelten schon seit etwa 10 Jahren nicht mehr als stichhaltig und wurden von der Geschichtswissenschaft verworfen. Auch der Zeitraum, der den karolingischen Bauleuten zur Verfügung stand, war deutlich länger, als von Hofmann - und in dessen Gefolge auch von Herrn Illig - angenommen. Als nächstes führt Herr Illig an, die Wälle, die das Ufer des Kanals markieren, sollen in den starken Regenfällen des Jahres 793 laut den Quellen „zerlaufen" sein. Sie dürften also, wenn die Quellen Recht hätten, heute nicht mehr existent sein. Bei genauem Quellenstudium fällt aber auf, daß nur eine einzige Quelle von starken Regenfällen und den daraus resultierenden negativen Ereignissen auf der Baustelle erzählt. In allen anderen Aussagen über den Kanalbau - und das sind einige - wird davon nicht berichtet (die auf Seite 65 zu findende Aussage, in den „alten Quellen" werde mit nur einer Ausnahme von den schweren Regenfällen berichtet, ist schlicht falsch!). Außerdem ist die lange Zeit verbreitete - und von Herrn Illig geteilte - Annahme, die starken Regenfälle des Jahres seinen naturwissenschaftlich sicher belegt, schlüssig widerlegt worden. Im Jahr 793 hat es nicht mehr geregnet, als in anderen Jahren auch. Seinem Lieblingsargument - der angeblich generellen Fundarmut der Phantomzeit - folgend, behauptet Heribert Illig weiter, daß keine karolingerzeitlichen Funde aus der Umgebung des Kanals bekannt seinen. Das mag als solches vielleicht sogar stimmen, taugt aber nicht als Argument dafür, daß die Kanalruine nicht aus karolingischer Zeit stammen könne. Denn jede Überlieferung aus der Vergangenheit ist zufällig. Sie unterliegt keinen statistischen Regeln oder gar Gesetzmäßigkeiten. Aus einer geringen Zahl von Spuren kann nicht ohne weiteres geschlossen werden, daß es ein Ereignis, einen Gegenstand oder eine Person nicht gegeben habe. Außerdem ist die Fossa Carolina bis heute nicht ausführlich archäologisch untersucht worden. Einzig 1910 fand eine Grabung statt, die aber sehr bald im Grundwasser versank. In den 90er Jahren hat man eine Reihe archäologischer Sondagebohrungen im Verlauf des Kanals nieder gebracht. Diese brachten zwar eine Menge neuer Erkenntnisse über die Beschaffenheit der Fossa Carolina, waren aber nicht dazu gedacht, Überreste zu Tage zu fördern. Falls man also noch keine Funde gemacht hat, mag das auch daran liegen, daß noch nicht systematisch nach ihnen gesucht wurde. Auch andere von Herrn Illig über die Fossa Carolina gemachten Aussagen sind nicht mehr auf dem neuesten Stand. So war der Kanal nicht zu militärischen Zwecken gebaut, er diente einzig einer friedlichen Nutzung. Ebenso gilt die Annahme, daß die Fossa Carolina gescheitert, nicht fertig geworden und auch nie in Betrieb gewesen sei, mittlerweile als höchst fragwürdig. Die aktuellen Erkenntnisse sprechen deutlich dafür, daß der Kanal sehr wohl fertig wurde und benutzt werden konnte.
Am Beispiel der Fossa Carolina läßt sich somit zeigen, daß die Ergebnisse Heribert Illigs keineswegs so sicher, genau und akribisch recherchiert sind, wie von mancher Seite angenommen wird. Im Übrigen haben wir mit dem Kanal ein Beispiel für genau das vorliegen, was Heribert Illig vornehmlich einfordert. Nämlich einen archäologisch zweifelsfrei nachweisbaren dinglichen Überrest, der durch die schriftliche Überlieferung bestätigt wird und sich außerdem noch in weitgehender Übereinstimmung mit den in den Quellen gemachten Aussagen befindet. Und daß im übrigen die bei Weißenburg zu findenden ruinösen Überreste wirklich zur Fossa Carolina gehören, kann nicht bezweifelt werden, da sie in den Quellen genau da lokalisiert wird, wo sich die Überreste befinden.
Und so findet der von Heribert Illig am Ende dieses Buches ausgerufene „Abgesang der Diplomatik (=Erforschung der mittelalterlichen Urkunden, (Anm. v. R.M.))" (S. 584ff.) nicht statt. Im Gegenteil: Nicht die „urkundengläubige Mediävistik" geht unter, sondern das Werk des Heribert Illig fällt bei genauer und methodisch korrekter Betrachtung in sich zusammen. Und so sind es eben nicht die nach wissenschaftlich korrekter Methode forschenden Mediävisten, die sich der Lächerlichkeit preis geben, wie Herr Illig schadenfroh voraus zu sagen wagte (S. 589), sondern er und seine „Jünger" sind es, die in den Kreisen der Fachwissenschaft immer wieder Anlaß zu großer Heiterkeit geben.
Phantomzeitthese stichhaltig belegt
In "Bayern und die Phantomzeit" wird die bahnbrechende These von H. Illig eindrucksvoll für das gesamte Gebiet des heutigen Bayern belegt. Sämtliche Orte, in denen es nach Urkundennennung Karolingerfunde geben sollte werden untersucht. Das Ergebnis ist mehr als eindrucksvoll. Der Text wird außerdem ergänzt durch umfangreiche Tabellen und Diagramme. Trotz seines nicht ganz leichten Inhaltes, ist "Bayern und die Phantomzeit" gut verständlich.
Scharlatanerie
Ich gebe gleich zu, dass ich weder dieses Buch noch andere Illig-Machwerke gelesen habe. Aufmerksam geworden bin ich lediglich durch den Ko-Autor Anwander, der als studierter Psychologe eigentlich Kommunikations- und Entspannungstrainer ist, es bei seinen Seminaren aber nicht versäumt, auf die Phantomzeit-These und entsprechende Literatur hinzuweisen. Verbunden damit auch der Tipp, in akademischen Kreisen besser nicht darüber zu sprechen...
Da frage ich mich: wenn die Phantomzeit-These wirklich ernst zu nehmen wäre, warum muss dann so ein geheimbündlerisches Verschwörungs-Bohei darum veranstaltet werden? Eine seriöse These - als welche sie von ihren Vertretern ja verkauft wird - könnte doch einfach zur Diskussion aufs geschichtswissenschaftliche Tapet gebracht werden. Hier scheinen aber viel eher Scharlatane am Werk zu sein, die an einer vernünftigen Diskussion ihrer Thesen offenbar gar kein Interesse haben und denen es wohl - hier wäre in der Tat ein Psychologe gefragt - vielmehr um Eingeweihten- und Sektierertum geht. Wer auf Heribert Illigs Website sieht, wie er sich dort selbst als geisterhaft beleuchtetes, entrückt ins Nirgendwo blickendes Medium präsentiert, kann daran kaum noch einen Zweifel haben.
Deswegen: Finger weg!

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