Wohlgeschmack und Widerwillen. Die Rätsel der Nahrungstabus

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Authors: Marvin Harris
Catalog: Book
Media: Broschiert
Release Date: Januar 1988
Publisher: Klett-Cotta
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Customer Review:
Interessant.
Die Grundlage des Buches ist der Zugang eines gleichsam kulturellen Materialismus, der besagt, daß Ernährungstabus nicht Folge eines symbolischen Ordnungssystems, sondern (sozio-)ökonomischer und ökologischer Notwendigkeiten. Die Konsequenzen dieser Sicht werden vom Autor auch in seinem letzten Kapitel dargelegt: zur Veränderung der Ernährungslage in Mangelregionen bedarf es nicht der Änderung von Denksystemen (z.B. Kampf gegen Aberglauben), sondern von strukturellen Voraussetzungen. Diese These untermauert Harris anhand von markanten und bekannten Beispielen wie etwa dem System der "Heiligen Kühe" in Indien, der (physiologisch bedingten) Milchunverträglichkeit bei Asiaten und Südeuropäern oder auch ganz banal dem Fleischverzehr in den USA. Dabei geht seine Rechnung (strukturelle Bedingtheiten führen zu Tabuisierung) einerseits gut auf, andererseits wird nicht klar, wieso eine Tabuisierung von Lebensmitteln zu jenem "Widerwillen" führen, den etwa Europäer/innen gegen Insektenverzehr haben. Gerade im Zeitalter der Globalisierung ist der Mangel in den industrialisierten Ländern kein Erklärungsmoment für Abneigung gegen "exotische" Nahrungsmittel. Nichtsdestotrotz ist zumindest die Tabuisierung im Lichte der Nahrungsoptimierung anschaulich und interessant dargestellt. Die Sprache ist leicht verständlich, der Autor kokettiert zuweilen sogar mit seinen Kritikern in recht amüsanter Weise.

Die Schwäche des Buches liegt einerseits in der Breite des Ansatzes, der so manche Oberflächlichkeit evoziert (was der Autor auch einmal konzediert). Andererseits ist das Kapitel über den Kannibalismus das problematischste in diesem Buch. Nicht ganz vermag der Autor hier seine These von der Nahrungsoptimierung als Voraussetzung für Tabus durchzuhalten, nicht schlüssig unterscheidet er "Kriegskannibalismus", rituellen Kannibalismus und Kannibalismus aus einer Notlage heraus. Letztlich zählte Menschenfleisch in keinem seiner Beispiele als "normaler" Bestandteil des Speiseplans (wie etwa Schoßtiere). Dafür ergeht er sich in verzichtbaren, exzessiven Beschreibungen von Menschenquälerei, was keinerlei Erkenntnisgewinn für seine Fragestellung bedeutet. Auch die Quellen, die er zitiert, sind teilweise fragwürdig (bekannte Beschreibungen aus der frühen Neuzeit, die die Wertungen der Zeit widerspiegeln), werden von Harris aber nicht konsequent in Frage gestellt (z.B. merkt er einmal an: alle Jesuitenpater zusammen würden wohl nicht lügen - nicht in Betracht ziehend, daß zwischen Lüge und präformierter Wahrnehmung ein großer Unterschied besteht). Und die dritte Schwachstelle des Buches ist die Tatsache, daß es wenig Neues bietet, viele Beispiele von plakativer Berühmt-Berüchtigtheit sind, daß man viele Darstellungen schon andernorts gelesen hat.

Dennoch ist das eine empfehlenswerte Lektüre, weil der Autor es versteht, komplexe Sachverhalte anschaulich darzustellen, weil der seine Argumente gut auf den Punkt bringt, weil er streckenweise mit Ironie und Selbstironie arbeitet und seine Kritiker schlau auskontert. Auch listet der Ethnologe die verwendete Literatur auf. Wiedererkennungseffekte sind schließlich auch nicht das Schlechteste; man fühlt sich ja gern bestätigt.

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