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Die moderne Kindheit zwischen Medien und Bewegung
Burkhardt Fuhs: Neue Medien und Grundschule, SS 2003 21.5.2003
Carola Podlich/Wilhelm Kleine: Medien -und Bewegungsverhalten von Kindern im Widerstreit, Aachen, Meyer und Meyer 2000, 176 Seiten
Ziel dieses Buches ist die Beleuchtung der heutigen Kindheit, besonders mit der Fragestellung: Medien und Bewegung -ein Widerspruch? Dazu setzen sich Podlich und Kleine mit den Meinungen verschiedener Autoren auseinander und nutzen empirische Untersuchungen. Als zentrale Frage taucht auf: Inwieweit können Kinder ihren Alltag eigenständig und sinnvoll gestalten und welche Möglichkeiten haben sie dabei?
Kapitel I betrachtet das Kind als Subjekt bzw. Objekt in Bezug auf Fernsehen und Bewegung.
Im zweiten Abschnitt werden die Begriffe Sozialisation, Erziehung, Erziehungsinstanzen und Selbstständigkeit geklärt. Warum kommt es zum vermehrten Fernsehkonsum und welchen Einfluss haben die Eltern darauf? (vgl. Kaufmann 1995, 49) ist eine Frage dieser Seiten.
Ähnliches passiert im dritten Kapitel, wo es um die Erörterung des Subjekt-Objekt-Paradigmas unter sozialen und ökologischen Einflussfaktoren geht. Fragen wie: Welchen Stellenwert erfahren Kinder in unserer Gesellschaft? Welche Bedürfnisse haben sie und wie sieht es mit der Realisierung aus? werden beantwortet. Das Kind als Subjekt erfährt eine Selbstsozialisation, entscheidet über eigene Wünsche und Bedürfnisse und ist gegenwarts -individuenorientiert. Als Objekt unterliegt es Fremdeinflüssen und ist eher zukunfts -und gesellschaftsorientiert. (vgl. Neues Universallexikon 1978). Es entstehen Thesen wie: Verhäuslichung und damit Einengung der Subjektfindung treten eher bei Mädchen auf.
Für Kindheit heute steht oftmals auch: Bewegungsarmut, Alleinsein und freier Medienzugang.
Schließlich erfährt der kindliche Alltag unter den Gesichtspunkten Freizeit, Bewegung und Fernsehen einen näheren Einblick. Welche negativen Punkte aber auch Vorteile bringt das Fernsehen hervor und welche Stellenwert hat die Bewegung im Tagesplanes eines Kindes?
Im Kapitel V werden die Schwierigkeiten bei der Entweder - oder Antwort verdeutlicht.
Nach dem theoretischen Teil folgt ab dem Gliederungspunkt 6 die Empirie. Hier wird mit Hilfe wissenschaftlicher Untersuchungen den aufgestellten Thesen nachgegangen.
Fragen, mit denen sich die Autoren und Mitarbeiter beschäftigten, sollten direkt aus realen Kinderalltagen beantwortet werden. Die alles umschließende Frage der Untersuchung war: Wie viel Zeit verbringt das durchschnittliche Kind mit Fernsehen? Ergänzend interessiert natürlich: Wie viel Zeit bleibt dann noch für Tätigkeiten wie Spielen und Bewegung?
Ist es wirklich so schlecht um die heranwachsende Generation bestellt, wie es in manchen schon erschienen Büchern prognostiziert wird? Denn dort wird vom „Verschwinden der Kindheit" oder von „Kindern ohne Kindheit gesprochen.
Diesen und anderen Aspekten gingen die Mitarbeiter dieser Studie im sozialökologischen Umfeld der Kinder nach, um sich
1. ein reales Bild heutiger Kindheit zu verschaffen und
2. herauszufinden, ob bestehende Theorien der Realität entsprechen.
In der „Abschließenden Interpretation" wurde das Gesamtergebnis dann anhand zweier Thesen formuliert:
1. Die Tätigkeit Fernsehen ist für Kinder ein sozialisiertes Bedürfnis.
2. Die Tätigkeit Fernsehen ist für Kinder „der Kaffee und die Schlaftablette" der Erwachsenenwelt.
Antwort: Entgegen dem populären Vorurteil, das heutigen Kindern erhöhten Fernsehkonsum zuweist, woraus reduziertes Bewegungspensum folgt, wurde festgestellt, dass die Fernsehzeiten im Vergleich zu 1998 nicht gestiegen sind und das Bewegungstätigkeiten immer noch zu den Lieblingsbeschäftigungen gehört!
Wenn man die Kinderalltage nochmals differenziert nach geschlechts-, alters-, wohnregions-, schichten- und wochentagsspezifisch betrachtet, ergeben sich auch verschiedene Variationen. Das heißt im jungen Alter sind die Fernseh- und Bewegungszeiten relativ niedrig, dafür überwiegt der Bereich des Spielens. Je älter sie dagegen werden umso mehr steigt auch der Fernsehkonsum.
Letztendlich wird der Leser angesprochen, ob er nicht selbst den Wechsel von Pflicht und Freizeit, oder die ganzheitliche Inanspruchnahme seiner Fähigkeiten und Fertigkeiten vergisst? Ob er sich nicht selbst zum Objekt der Gesellschaft entwickelt?
Dies ist also die Kritik an den Erwachsenen, die sich vielleicht zu unrecht anmaßen, Kinder in allen Belangen zum Subjekt erziehen zu wollen.
Carola Podlich, Jahrgang 1970, arbeitet seit 1994 am Institut für Sportdidaktik an der Sporthochschule Köln. 1999 schloss sie ihr Studium zur Diplom-Sportlehrerin mit einer Arbeit zum Subjekt-Objekt-Paradigma in der Kindheitsforschung ab.
Prof. Dr. Wilhelm Kleine absolvierte in Siegen - Weidenau ein Lehramtstudium für die Primar -und Hauptschule. Von 1976-1985 war er ebenfalls an der Sporthochschule in Köln tätig. Gemeinsam mit Hans-Jürgen Engler fungiert er als Herausgeber der Reihe „Kindheit und Bewegung".
Der Inhalt dieses Buches richtet sich an Lehrer, Erzieher, Pädagogen und Eltern. Sie werden umfassend und detailliert in die Problematik eingeführt und zum Nachdenken angeregt.
Durch die differenzierten Sichtweisen kann sich der Leser mit Sicherheit seine eigene Meinung bilden. Aufgrund seiner Verständlichkeit richtet sich das Werk auch an Lehramtsstudenten, die einen Einblick in das Leben von Kindern bekommen wollen.
Durch die vielen Tabellen kann sich der Leser leicht ein Bild der zentralen Aussagen und Ergebnissen machen. Die aufgestellten Thesen sind gut belegt. Das Thema lässt vielleicht den Einsatz von Bildern erwarten. Doch das ist nicht der Fall. Vielmehr findet der Konsument eine wissenschaftliche Abhandlung über ein spannendes Thema, die von einer allgemeinen zu einer speziellen Betrachtungsweise übergeht.
Kritische Anmerkungen zu finden ist schwierig, weil wir wissen dass es eine Anleitung für ein perfektes Vorbildverhalten gegenüber den Kindern nicht geben kann. Denn jedes Kind ist anders und fordert eine eigene Betrachtungsweise. Natürlich kann bei solch einem Thema auch kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben werden. Allerdings machte uns stutzig, ob eine Studie mit knapp 400 Kindern auch aussagekräftig genug ist, um die aufgestellten Thesen zu belegen. Hinzu kommt, dass wir in einem Zeitungsartikel eine negativere Sichtweise auf heutige Kindheit gefunden haben.
Trotzdem hat uns die Beschäftigung mit dem Thema Medien -und Bewegungsverhalten, auch aufgrund des Buches, viel Freude bereitet und wir können ein positives Fazit über den dritten Band dieser Reihe ziehen. Auch den anderen Adressaten der Zielgruppe dürfte die Auseinandersetzung mit den Inhalten nicht schwer fallen, weil die aufgezeigte Sichtweise einfach zu gut erläutert und belegt sind.
Jann Klüsener und Jörg Wolfram
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