Customer Review:
Durchschnittliche Aufklärung, witzig aber mit Mängeln
Emma Hamberg erklärt in ihrem Buch "Liebe und Sex" einiges, was junge Mädchen interessieren dürfte, z.B. zu den Themen Selbstbefriedigung, erster Sex und knutschen. Der Autorin liegt es hierbei vor allem am Herzen, den Leserinnen klar zu machen, welche ihrer Gefühle "in Ordnung" sind und dass sie wegen bestimmter Empfindungen kein schlechtes Gewissen zu haben brauchen. So wird z.B. die gleichgeschlechtliche Liebe zwischen zwei Mädchen als keineswegs verwerflich und völlig normal erklärt.
Die Autorin bringt an einigen Stellen ihre eigenen Erfahrungen mit ein und lässt auch andere Jugendliche zu Wort kommen, die von ihren eigenen Erfahrungen berichten. Auffällig ist vor allem die ungezwungene, jungedliche, unkonventionelle und umgangssprachliche Schreibe, welche die Autorin verwendet. Sie geht einfühlsam auf die Leserin ein und ermutigt sie mit viel Witz und frechem Unterton z.B. unbedingt Selbstbefriedigung auszuprobieren. Das gesamte Buch wird durch witzige Karrikaturen und Zeichnungen aufgepeppt. Das Buch ist vor allem für junge Mädchen am Beginn ihrer Pubertät geeignet, die von ihrem "ersten Mal" noch etwas weiter entfernt sind.
Sehr gut fand ich, dass den Leserinnen ganz deutlich gemacht wird, dass sie mit ihren ersten sexuellen Erfahrungen auf den "Richtigen" warten sollen und es nur zu tun, wenn sie wirklich verliebt sind, anstatt es schnellstmöglichst "hinter sich" zu bringen. Es wird auch ausführlich argumentiert, weshalb das so wichtig ist.
Das Buch ist sehr angenehm zu lesen, ich persönlich fand es aber sehr verwerflich, dass einige extrem wichtige Punkte völlig ausgelassen werden.
So wird beispielsweise nur ganz kurz am Rande auf Verhütung und Geschlechtskrankheiten eingegangen, welche doch gerade in einem Buch, in dem es ums "Herantasten" an den ersten Sex geht, unumgänglich erwähnt werden sollten. Auch das Thema Liebeskummer spielt keine Rolle. Stattdessen werdem Themen besprochen (Analsex, Orgasmen) von denen die Zielgruppe des Buchs vermutlich noch weit entfernt ist. Mir kam es so vor, als ginge die Autorin wie selbstverständlich davon aus, dass die Leserinnen bereits alles über Verhütung und die Gefahr vor AIDS etc. wissen, weil sie es von ihren Eltern vorgebetet bekommen.
Auch der extrem unkonventionelle, freche Wortlaut der Autorin überraschte mich z.T. sehr: So wird die Leserin sehr dringlich zur Selbstbefriedigung überredet und es wird vorgeschlagen, dazu doch mal, nach Lust und Laune, eine Stange Lauch (!!) zu verwenden.
Fazit: "Liebe und Sex" ist ein hilfreicher Ratgeber für junge Mädchen, der sich locker-flockig liest und an keiner Stelle nervt, sondern eher zum Schmunzeln anregt. Jedoch ist er nicht umfangreich genug, da einige wichtige Themen fehlen. Er kann also höchstens als Ergänzung zu anderen Ratgebern gelten, welche junge Mädchen dringen noch zusätzlich lesen sollten.
Ratgeber für die ersten Erfahrungen...
Vorneweg: für mich als Mann ist diese Rezension sicherlich eine schwierige Aufgabe.
Denn dieses Buch, das ganz allgemein den Anspruch erhebt, alle (un-)möglichen Fragen zu Sex und Liebe aufzuwerfen und Antworten anzubieten, richtet sich ziemlich eindeutig an eine weibliche Leserschaft von 13 Jahren und ein paar Jahren mehr - also an eine Klientel, der ich selbst nie angehört habe.
Es wäre im Übrigen wichtig und notwendig, wenn der Verlag diese Einschränkung im Zielpublikum den Käufern deutlicher machte! Jungen in der erwähnten Altersstufe werden mit diesem Buch sicherlich keine geeignete Basislektüre vorfinden, sondern wie ich finde allenfalls eine interessante Ergänzung.
Ist es nun eine geeignete Basislektüre für Mädchen?
Emma Hamberg schreibt offen und auf eine sehr lässige, teils auch betont kameradschaftliche Weise (wir beide wissen, was Sache ist). Sie spart nichts aus: Gefühle, Flirts, Küsse und Berührungen, Verhütung, Eifersucht, gleichgeschlechtliche Liebe, alles das ist Thema - und peinlich, finde ich, ist es nie. Dazu tragen auch die Illustrationen bei, die sie selbst angefertigt hat, und die eigentlich immer an "schwierigen Stellen" auftauchen und für Klarheit und/oder erlösend-entspannendes Schmunzeln sorgen - das hat sie gut gemacht!
Schön ist auch, dass niemand das Buch von vorn bis hinten lesen muss. Es ist problemlos möglich, an irgendeiner Stelle einzusteigen, und sicherlich liest man sich irgendwo fest. Emma Hamberg appelliert ans Selbstbewusstsein, sie gibt Tipps zum Umgehen von Peinlichkeit und hilft über die Klippen übertriebener Schüchternheit, sie ermutigt zu Selbstbestimmtheit und Genuss. Immer wieder webt sie Geschichten ein, die Altersgenoss/innen aus der Zielleserschaft ihr erzählt haben, und auf diese Weise bindet sie ihre Leser/innen geschickt in die Gemeinschaft der Fragensteller ein - so gibt's keine "dummen Fragen". Und noch ganz wichtig: auch die schmerzhaften, die schwierigen, die z.T. abgründigen Aspekte von Liebe und Sexualität verhehlt Emma Hamberg nicht.
Natürlich kommt sie bei aller Solidarität ab und zu mit dem Zeigefinger daher und sagt "so solltest du sein!", natürlich ist das "erotische Märchen", das sie erzählt, mitsamt der ziemlich offensichtlichen Aufforderung zur Selbststimulation Geschmackssache, aber insgesamt ist die Begeisterung und Solidarität der Autorin mit den Jugendlichen, für die sie schreibt, in jeder Zeile spürbar.
Ich will es mal so zusammenfassen: Jugendliche, die die Möglichkeit hatten, in einer von Ehrlichkeit und Respekt geprägten häuslichen Situation die Basis für einen kreativen, gewinnbringenden und wohlwollend-kritischen Umgang mit diesem Buch zu erlangen, werden sich ernst genommen und gut beraten fühlen und mit viel Gewinn Emma Hambergs Buch lesen.
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